Demokratie | Venezuela

„Ich spürte die Erschütterung und dachte, es sei ein Erdbeben”

Nach dem Ende von Nicolás Maduro: Eine venezolanische Aktivistin spricht über ihre Ängste und Hoffnungen für ihr Land
Luftangriff auf Caracas

Luftangriff auf Caracas durch US-Eliteeinheiten am 3. Januar 2026

María (Pseudonym), 40 Jahre alt, La Guaira, 20 Kilometer nördlich von Caracas:

„Am 3. Januar 2026, gegen 1:30 Uhr morgens, spürte ich die erste Erschütterung und dachte, es sei ein Erdbeben. Dann folgte eine Explosion auf die nächste. Mein Haus wackelte. Ich saß grade zusammen mit einigen Freunden. Wir hatten etwas getrunken und wollten am nächsten Morgen gemeinsam zum Strand fahren. Plötzlich sagte einer von uns im Scherz: „Die Marines sind da.“ Als wir aus dem Haus gingen, um zu sehen, was los war, lag eine Art Nebel in der Luft, der die Sicht auf weniger als zehn Meter beschränkte. Es roch nach Schießpulver. Ich dachte, das Kraftwerk in unserer Straße sei explodiert, aber als sich der Nebel etwas lichtete, sah man eine hohe und dichte Rauchsäule in der Ferne über der Stadt aufsteigen. Ein Mann sagte zu uns: „Passt auf, sie haben den Hafen bombardiert, gegenüber der Casa Guipuzcoana“ (ein historisches Museum, Anm. d. Red.). 

„Draußen blockierte der Rauch noch immer den Blick auf die Sonne, und es roch stark nach Verbranntem"

Um 1:57 Uhr morgens sagten wir uns: „Das ist ernst, was zum Teufel sollen wir tun?“ Die Straßen waren verstopft, von überall versuchten Menschen nach Hause zu kommen. Es waren panische Schreie zu hören. Wir bekamen Angst und erhielten WhatsApp-Nachrichten, dass im nahen Caracas gerade etwas Ähnliches passierte. Inmitten des Rauchs auf der Straße kam uns ein Mann mit einem Walkie-Talkie entgegen, der blass vor Angst war, weinte und humpelte. „Das sind Bomben, das sind Bomben“, sagte er. Er war Wachmann bei Bolipuertos (ein staatliches Unternehmen, das die Häfen verwaltet, Anm. d. Red.). Der Mann sagte, dass eine der Raketen etwa 200 Meter von ihm entfernt eingeschlagen war. Er hat gesehen, wie einer seiner Kollegen dabei ums Leben kam. Durch die Explosion war er halb taub. Wir nahmen ihn in meinem Haus auf, gaben ihm Wasser, aber vor lauter Nervosität konnte er kaum schlucken. Dann schlief er bis zum Morgengrauen und machte sich schließlich auf den Weg zurück zu seinem Haus im nahen Catia La Mar. Auch die Freunde, die bei mir übernachtet hatten, gingen nun. Draußen blockierte der Rauch noch immer den Blick auf die Sonne, und es roch stark nach Verbranntem. Seitdem habe ich mich in meinem Haus mit meinem zwölfjährigen Sohn eingeschlossen, ohne Strom oder sonst irgendetwas. 

Militärkomplex Fuerte Tiuna, Caracas. Hier befindet sich ein bekannter Bunker von Nicolás Maduro

Meine Gefühle sind in diesen Tagen ambivalent, so wie die der meisten Venezolaner. Ich sehe die Bilder von Maduro im Gefängnis und denke: „Mein Gott, endlich!“ und muss heulen. „Endlich“, weil er sich mitschuldig an unzähligen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemacht hat, weil Hunderte von Jugendlichen und Minderjährigen festgenommen, gefoltert und an ihre physischen und psychischen Grenzen gebracht worden sind. Hoffentlich wird ihm ein gerechter Prozess gemacht. 27 Jahre Chavismus haben uns beinahe in die Knie gezwungen. Und nun ist die Zivilbevölkerung zwei gegensätzlichen Kräften ausgeliefert: Öffentlich hat Trump gesagt, dass er Venezuela verwalten wird. Aber intern bleibt bisher alles beim Alten, ohne Hoffnung auf Veränderung. Das Militär, die Polizei und die Paramilitärs sind noch immer bewaffnet und voll einsatzfähig und nehmen willkürliche Verhaftungen vor.

„Ich habe große Angst und möchte meine Familie schützen"

Nennen Sie es Paranoia oder ein Trauma, aber ich habe große Angst und möchte meine Familie schützen. Vor allem vor den regierungsnahen Gangs, den Colectivos. Sie haben dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen, um die Regierung zu verteidigen, und fordern die Rückkehr von Maduro und seiner Frau Cilia Flores. Außerdem gibt es bei uns seit einer Weile die sogenannten Straßenchefs und die lokalen Lebensmittelkomitees, pseudo-zivile Strukturen, in Wirklichkeit ein nur schlecht getarntes Spionagesystem. Würde ich heute auf die Straße gehen, wäre ich in Gefahr, denn nicht nur ich, sondern meine ganze Familie engagiert sich schon seit längerem für die Demokratiebewegung. 

Mein Vater und seine Frau tauchten nach den Präsidentschaftswahlen vom 28. Juli 2024, die eigentlich die Opposition gewonnen hatte, aber Maduro für sich reklamierte, unter; nach ihnen wurde mit „Gesucht”-Plakaten einer Abteilung der Bolivarischen Nationalpolizei gefahndet. In der aktuellen Situation traue ich mich nicht einmal mehr, einkaufen zu gehen. Aber gut, morgen muss ich in aller Frühe los, um Lebensmittel zu besorgen, denn mein Vorratsschrank ist leer und die Schlangen vor den wenigen Geschäften, die offen haben, sind teils kilometerlang."

María arbeitet für eine NGO und ist eine feministische Aktivistin, die sich für die Sichtbarkeit von Neurodiversität als Menschenrecht einsetzt. Wir veröffentlichen dieses Protokoll anonym, um die Person, die hier berichtet, nicht zu gefährden. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.

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