„Für immer und immer, Henrike Naumann“
Henrike Naumann vor der Kanzlergalerie im Bundeskanzleramt im März 2023
Foto: privat
Die Künstlerin Henrike Naumann ist am 14. Februar im Alter von 41 Jahren in Berlin verstorben, nur wenige Monate vor der Eröffnung des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig, den sie maßgeblich mitgestaltet hat. Hier gedenken Menschen, die Naumann begegnet sind, dem außerordentlichen Werk dieser „begeisterten Erforscherin der Menschheitsgeschichte“ – aber auch ihrer Fähigkeit, über alle Grenzen hinweg Freundschaften zu knüpfen.
Chris Shongo, Multimedialer Künstler, Kinshasa
Ich habe mit Henrike Naumann viele unvergessliche Momente geteilt, darunter nächtliche Spaziergänge und Träume, die im Zuge unserer Zusammenarbeit oftmals sogar Gestalt annahmen. Nach einem Gespräch mit dem Künstler Bebson de La Rue liefen wir einmal gemeinsam spätabends zur Unterkunft Maison de Passage an der Kunstakademie Kinshasa, in der Henrike damals wohnte. Wir tauschten uns aus, und sie lud mich ein, meine Fotos im Rahmen ihres Projektes „Intercouture. Objets de pouvoir“ zu präsentieren. Sie vertraute mir. Später ging ich mit Henrikes Partner Clemens zum Stade des Martyrs, um mein erstes Fußballderby zu sehen: Daring Club Motema Pembe gegen den FC Renaissance du Congo – ein Spiel, das mit gewalttätigen Ausschreitungen zwischen den Fans endete. Später erwies mir Henrike die Ehre, ihre Ehe mit Clemens in Kinshasa zu segnen, direkt vor der Kathedrale Notre-Dame du Congo.
Junior Mvunzi, Multimedialer Künstler, Kinshasa
Gehe in Frieden, meine liebe Kollegin und Freundin. Du wirst immer in meinem Herzen bleiben, weil du eine der ersten warst, die an mich und meine Arbeit geglaubt haben. Du hast mich im Jahr 2016 eingeladen, an deiner Ausstellung im Musée d'Art Contemporain et Multimédia, organisiert vom Goethe-Institut Kinshasa unter der Leitung von Gitte Zschoch, teilzunehmen. Du warst mit Clemens in Kinshasa, und ich erinnere mich, dass ihr mich „Baby Tupac“ genannt habt. Dank euch habe ich zum ersten Mal an einem öffentlichen Ort ausgestellt. Ich bin sehr traurig, aber danke meinen Vorfahren, dass sie uns zusammengeführt haben. „Forever Naumann“, wie ich dich genannt habe. Für immer und immer, Henrike Naumann.
„Durch Henrike sind Netzwerke entstanden, sie war eine wunderschöne Seele“
Oracle Ngoy, Rapperin und Performance-Künstlerin, Kinshasa
Ich habe Henrike Naumann 2016 während ihres Aufenthalts an der Académie des Beaux-Arts in Kinshasa kennengelernt. Sie hat mich zu ihrem Projekt „Intercouture. Objets de pouvoir“ eingeladen. Wir haben zusammen Kostüme ausgesucht und eine gemeinsame Performance vorbereitet, dadurch ist eine Verbindung zwischen uns entstanden. Später haben wir gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern wie Matti Schulz und Chris Shongo und mit Unterstützung durch den Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts das Projekt „Yambi“ realisiert, mit dem die Verbindungen zwischen den Kunstszenen in Kinshasa und Berlin gestärkt und erweitert werden sollen. Wir waren mehr als nur Kolleginnen, wir waren Freundinnen und füreinander da. In Kinshasa haben wir mit dem Künstler Junior Mvunzi zusammengearbeitet. Er sah ein bisschen wie Tupac aus, fand Henrike und hat Fotos von ihm gemacht. Ich kannte ihn davor nicht, danach haben wir weiterhin viele gemeinsame Projekte realisiert. Durch Henrike sind Netzwerke entstanden, weil sie eine wunderschöne Seele und eine sehr besondere Person war, wie es sie in unserer Zeit wenige gibt. Ihr Tod trifft mich daher auch sehr. Möge sie in Frieden ruhen.
Die Performerinnen Oracle Ngoy (rechts), Hugette Tolinga, Nyangombe, Eliya Liyenge Nelly und Bmb Voix d’Ange in Kinshasa in „fake“-Versace-Kleidern. In der griechischen Mythologie ist die Medusa auf dem Logo eine Frau mit Schlangenhaaren, bei deren Anblick jeder Mann zu Stein erstarrt
Foto: Goethe-Institut Kinshasa
Mukenge/Schellhammer (Christ Mukenge, Lydia Schellhammer), Multimediale Künstler, Kinshasa
Henrike Naumann hat es mit ihrer Neugier und offenen Art geschafft, ungewöhnliche Verbindungen herzustellen, Menschen zusammenzubringen und in unscheinbaren Details Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen. Sie war die erste internationale Künstlerin, die im Musée de l'Art Contemporaine et de Multimédia in Kinshasa eine Ausstellung realisiert hat. Aus dieser ersten institutionellen Zusammenarbeit ist eine langjährige Partnerschaft zwischen dem Museum und dem Goethe-Institut entstanden. Wir selbst arbeiten aktuell an einer Ausstellung in diesem Museum, einer Kooperation mit der Kunsthalle Gießen und dem Goethe-Institut Kinshasa, die Henrike Naumann durch ihre Vorarbeit überhaupt erst möglich gemacht hat. Wir verlieren eine Freundin, Ratgeberin und Inspiration. In Dankbarkeit und Trauer, „Les artistes ne meurent jamais“.
Abbildung aus dem Katalog der Ausstellung „2000" von Henrike Naumann im Museum Abteiberg in Mönchengladbach (2018).
Abbildung: Museum Abteiberg
Susanne Titz, Direktorin Museum Abteiberg, Mönchengladbach
„Aufbau West“ hieß 2017 eine der ersten Ausstellungen von Henrike Naumann, und nicht nur der Ort Köln signalisierte bereits zu diesem Zeitpunkt, dass es in ihrem Werk um mehr als Ostdeutschland und die Ostdeutschen geht. Sondern auch um Westdeutschland und die Westdeutschen. Und um unsere ganze Gegenwart und die jüngste weltweit zu ergründende Geschichte. „Aufbau West“ fand statt im Kunstraum GOLD+BETON von Meryem Erkus, einem Ladenlokal in der Passage unter dem Ebertplatz in Köln, das zuvor leer gestanden hatte. Das war der Grund für die Einladung an Henrike Naumann, 2018 eine Ausstellung im Museum Abteiberg zu realisieren. Naumanns Anordnung von Dingen hatte diesen Raum unter dem Kölner Ebertplatz in einen unfassbar traurigen Laden mit Konsumobjekten der 1990er Jahre verwandelt. Er war nicht mehr als Kunstraum oder Galerie identifizierbar. Naumanns Installation enthielt die wackelnde Coca-Cola-Dose, den weinenden Clown und einiges mehr an Deko, die wie bei einem Abverkauf aus Verzweiflung dalag, dazu Chrommöbel und gläserne Regale. Draußen hing die Fahne der Zigarettenmarke „West“. Auf diskret platzierten alten Fernsehern liefen in dieser Kulisse VHS-Tapes ihrer Diplomarbeit „Triangular Stories“, „Terror“ (ein Reenactment von Aktionen der NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe durch Kommilitonen von Henrike Naumann) und „Ibiza“ (ein Enactment der gleichaltrigen Hedonisten in den 1990er Jahren). Deren Status als künstlerische Arbeit erkannte ich nicht direkt, sondern versuchte sie als Privatdokumente zu interpretieren. Alles passte zu diesem Ort, als sei diese künstlerische Installation dessen Porträt: das beklemmende „just-past“ (Dan Graham). Das gerade Vergangene ist das ästhetisch Schlimmste. Der Haarschnitt von vor 5 Jahren, die Jeans von vor 10 Jahren, die Autos von vor 15 Jahren. Nach dem Erleben dieser Ausstellung lernten Henrike Naumann und ich uns kennen. Sie sprach nicht nur von Ost und West, sondern auch von einer Entwicklung, die sie in Zeichen der Ästhetik viel genereller betrachtete. Nämlich von einem für die konsum-, kapitalismus- und gesellschaftshistorische Betrachtung relevanten Prozess, der zur Postmoderne hinzuzuzählen ist. In Naumanns Worten: „von Hans Hollein zu Möbel Höffner“.
Ulrike Groos, Direktorin Kunstmuseum Stuttgart
Wie so oft im Kunstbetrieb blieb es zunächst beim flüchtigen Händedruck, beim kurzen Gespräch zwischen Tür und Angel. Wirklich begegnet bin ich Henrike Naumann erst 2022 auf der documenta fifteen, in der Kasseler St. Kunigundis. Dort zeigte sie mit dem Musiker Bastian Hagedorn die Installation „The Museum of Trance“, für mich einer der eindrücklichsten Beiträge dieser documenta. Susanne Gaensheimer (Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Anm. d. Red.) und ich fuhren mit dem Fahrrad dorthin und trafen Henrike Naumann überraschend in der Kirche. Aus dieser zufälligen Begegnung entwickelte sich ein langes Gespräch. Ich erinnere mich an ihre Zugewandtheit, ihre Klugheit und die ruhige Präzision, mit der sie ihr Werk erklärte und nachfragte. Nach Kassel blieben wir in Kontakt. Wir schrieben uns gelegentlich, tauschten Ideen aus und hielten zuletzt einige lose Fäden in der Hand, aus denen noch Konkretes hätte werden können. Beeindruckt von ihrer Haltung und ihrer künstlerischen Konsequenz hatte ich sie immer wieder für Projekte und Wettbewerbe vorgeschlagen. Henrikes Arbeiten bilden unsere Gegenwart nicht einfach ab, sie legen sie frei. Sie machen sichtbar, wie sich rechte Gewalt, autoritäre Fantasien und gesellschaftliche Verhärtungen in Alltagsräumen einschreiben. Dass dieses besondere, ja einzigartige Werk nun aufgrund ihres viel zu frühen Todes keine Fortsetzung finden wird, ist ein großer Schock. Ihre Arbeiten in Sammlungen, Museen und im öffentlichen Raum werden weiterwirken. Sie bleiben eigenständige, widerständige Stimmen in einer Gegenwart, deren Bruchlinien sie mit seltener Klarheit offengelegt hat.
Leah Gordon, Künstlerin, Kuratorin und Ko-Direktorin der Ghetto-Biennale Haiti, London
Liebste Henrike,
dein Beitrag zur Ghetto-Biennale wird von allen geliebt. Das Museum of Trance wird niemals vergessen werden. Gemeinsam mit Bastian Hagedorn und Clemens bist du tief in die Arbeit von Atis Rezistans (Künstler des Widerstands, Gruppe aus Haiti, Anm. d. Red.) eingebunden, insbesondere darin, den Jugendlichen beizubringen, ihre eigene Musik zu mischen und ein kostbares Vermächtnis der Erinnerungen an die Freuden des deutschen Trance in einem haitianischen Kontext zu hinterlassen. Wir haben deine Liebe zum Detail geschätzt. Du hast fluoreszierende Armbänder und andere Trance-Accessoires aus Deutschland mitgebracht – aber auch zugestimmt, so viel Ausstattung wie möglich, etwa die Soundanlage „in der rue“, dem mehrheitlich durch Menschen aus der Arbeiterklasse geprägten Viertel, in dem alles stattfand, zu beschaffen. Du hast das Ethos der Ghetto-Biennale stets lange vor allen anderen verstanden … und es häufig auch kritisiert und weiterentwickelt. Du bist Teil unseres Schwarmgeistes.
„Du bist die witzigste, freundlichste, liebenswerteste und kreativste Freundin, die man sich wünschen kann“
Dank deiner gemeinsam mit Bastian Hagedorn geschaffenen beeindruckenden Orgel für die Installation von Atis Rezistans | Ghetto-Biennale in der St.-Kunigundis-Kirche in Kassel für die documenta fifteen kamen die Überschneidungen zwischen deutschem Trance und haitianischer Kultur in ihrer ganzen Komplexität und Tiefe – geografisch wie historisch – noch stärker zur Geltung. Eine meiner liebsten persönlichen Erinnerungen ist, wie wir nach unserer Eröffnungsparty der Installation bei der documenta fifteen alle in unsere Unterkunft zurückkehrten, das Hotel mit der wild kitschigen Lobby im Stil der 1980er-Jahre, und scherzten, dass nicht alle Henrikes frühere Arbeiten erkannt hätten.
Henrike Naumann, du bist die witzigste, freundlichste, liebenswerteste und kreativste Freundin, Genossin, Ghetto-Biennale-Teilnehmerin und Mitstreiterin als Künstlerin, die man sich wünschen kann, und ich weiß, dass du das Jenseits mit jeder Menge Möbeln reorganisieren wirst, deren Haltbarkeitsdatum längst überschritten ist und mit denen der Himmel vollgestellt sein wird! Während deiner kurzen Zeit in London habt ihr, du und Clemens, gesagt, ihr würdet die britische Kultur durch das Fernsehschauen kennenlernen, ganz ähnlich wie der von David Bowie gespielte Protagonist Thomas Jerome Newton in „The Man Who Fell to Earth“. Es gibt eine BBC-Reality-TV-Sendung namens „Bargain Hunt“, in der zwei Teams mit begrenztem Budget auf einer Antiquitätenmesse oder auf einem Markt nach gebrauchten Möbeln und Artefakten suchen. Du hast dich beworben, um in der Sendung aufzutreten, und zu meinem ewigen Bedauern wurdest du nie angenommen … die BBC hat sich televisuelles Gold entgehen lassen, selbst schuld.
Henrike Naumann und Leah Gordon in der Lobby des Schlosshotels, Kassel, Juni 2022
Foto: Bastian Hagedorn
Matti Schulz, Künstler, Berlin
Ich kenne Henrike seit Beginn unseres Studiums 2006 an der HfBK Dresden, und sie war schon immer ein ganz besonderer Mensch, der herausstach. Vor allem ihre Herzlichkeit, ihr Humor, ihre Intelligenz und ihr Talent, stets die tollsten und schrägsten Objekte aufzuspüren und ihnen einen einmaligen Wert zu verleihen, haben mich damals wie heute sehr beeindruckt. Als wir 2019 gemeinsam für ein Kunstprojekt in Kooperation mit dem Goethe-Institut in Kinshasa waren, wurde mir noch einmal bewusst, wie sehr Henrike für ihre Offenheit und ihre warmherzige Art geliebt wurde – auch von unseren kongolesischen Freundinnen und Freunden. Und ich habe es geliebt, mit ihr über den Grand Marché zu laufen, auf der Suche nach den besonders coolen Repliken, Originalen und anderen Souvenirs. In ihrer visionären künstlerischen Praxis gelang es ihr, politische und gesellschaftliche Fragestellungen mit so großer gedanklicher Komplexität zu durchdringen, dass sie für viele von uns zu einem Leuchtturm wurde – gerade auch für Künstlerinnen und Künstler in Ostdeutschland. Henrike besaß die seltene Fähigkeit, mit ihrer Kunst tatsächlich in gesellschaftliche Prozesse hineinzuwirken. Es ist ungeheuer schmerzhaft, nun in der Vergangenheitsform von ihr sprechen zu müssen. Wir verlieren einen einzigartigen Menschen, eine Freundin und eine Künstlerin von außergewöhnlicher Strahlkraft. Ohne Zweifel wäre sie zu einer prägenden und noch bedeutenderen Stimme der deutschen und internationalen Bildenden Kunst geworden, als sie es ohnehin schon ist. Mein tiefes Mitgefühl gilt Clemens, Nina und der ganzen Familie. Danke für alles, Henrike!
Wilfried Beki, Künstler, Kinshasa
Für mich verkörpert Henrike zugleich die schöpferische Kraft und den bonne volonté humaine, den menschlichen Willen zum Guten: Sie besaß ein gütiges Herz, ein stetiges Lächeln und eine wunderschöne menschliche Seele. Erfolg und ein gütiges Herz zu vereinen, ist nicht leicht, aber sie hat es geschafft. Sie war eine große Künstlerin, alle meine Sapeur-Freunde sind sich darin einig (Ein Sapeur ist im Kongo Teil der Bewegung La Sape, der „Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes“, eine Art Dandys, Anm. d. Red.). Selbst meine Großmutter, die Eigentümerin des Hauses, in dem wir das Projekt Yambi in Kinshasa realisiert haben, sagte mir während des Aufbaus der Ausstellung: „Ich mag dieses Mädchen, sie hat das Gesicht einer sehr freundlichen Person.“ Eine außerordentliche Künstlerin und ein Mensch mit großem Herzen – was für ein Verlust.
Danke, Henrike!
Gitte Zschoch, Generalsekretärin des Instituts für Auslandsbeziehungen, Stuttgart
Ich habe Henrike zum ersten Mal getroffen, als sie 2016 als Residenzkünstlerin des Goethe-Instituts nach Kinshasa gekommen war. Ich hatte sie als dortige Leiterin des Instituts auf Empfehlung von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung eingeladen. Sie war vorher in Haiti, wo sie das „Museum of Trance" für die Ghetto-Biennale kreiert hatte. Eine so neugierige und offene Künstlerin passte nach Kinshasa. Sie kam zusammen mit ihrem Partner Clemens Villinger und wohnte in einem Bungalow an der Kunstakademie. Sie interessierte sich in dieser Zeit für das Verhältnis von Mode und Macht, für gefakte Designermode und ikonische Logos wie den Kopf der Medusa bei Versace. Sie entwickelte dann nicht nur eigene Arbeiten, sondern lud junge Künstlerinnen und Künstler zur Zusammenarbeit ein, die sie in Kinshasa getroffen hatte. Für viele von ihnen war diese Erfahrung ganz entscheidend. Henrikes „Intercouture. Objets du pouvoir“ war die erste zeitgenössische Kunstausstellung, die den Echangeur de Limité bespielt hat, ein modernistisches Gebäude aus der Aufbruchzeit nach der Unabhängigkeit des Kongo.
„Was sind die zugrundeliegenden Strukturen, was ist fair, was ist gute Zusammenarbeit? Und: Wie wichtig ist radikale Offenheit?"
Wir haben damals viel über das Aufwachsen in der DDR gesprochen und darüber, was nach der Wiedervereinigung passiert ist: in den Köpfen der Menschen, mit ihren Gefühlen, in der Ästhetik, in den Räumen, darum ging es ja in ihrer Arbeit ganz viel. Natürlich nie in einem verklärenden oder nostalgischen Sinne, sondern immer neugierig, hinterfragend und kritisch. Schon in ihren frühen Arbeiten zum NSU ist sie der Frage nachgegangen: „Warum radikalisieren sich junge Menschen, was lässt sie zu Terroristen werden?“ Das ist eine hochpolitische Herangehensweise. Aber sie hat durch ihre Kunst gesprochen, nicht in öffentlichen Statements.
Am ifa wollen wir Kunst als Begegnungsraum über Grenzen hinweg in einem internationalen Kontext denken. Darum haben wir auch hier so gerne mit Henrike Naumann zusammengearbeitet. Ihre Kunst war nicht nur originell und relevant, sondern in der Ästhetik auch sehr nahbar. Man kann in sie hineingehen und sich oft sogar auf Betten oder Sofas setzen. Diese Kunst ist nicht elitär, sie sucht den Dialog mit dem Publikum. Henrike kooperierte mit uns für das Projekt EVROVIZION oder auch DDR Noir. Nun wird sie in ihrer letzten Arbeit zusammen mit Sung Tieu den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielen. Es ist nicht unerheblich, dass die beiden die ersten Künstlerinnen aus Ostdeutschland sein werden, die dort ausstellen. Auch die Kuratorin Kathleen Reinhardt kommt aus Thüringen. Das ist ein Thema, das Menschen im Westen nicht in gleicher Weise bewegt. Für Menschen aus dem Osten, deren Biografien einen radikalen Bruch erfahren haben, ist es dagegen noch immer essenziell.
Es gibt dazu eine passende Geschichte, die Henrike und mich biografisch verbindet. Wir beide sind derselbe Jahrgang. Wir fanden heraus, dass wir zur Einschulung im Jahr 1990, also nach dem Mauerfall, aber noch vor der Wiedervereinigung, die gleiche Zuckertüte mit den gleichen russischen Comic-Figuren darauf bekommen hatten. Das sind so Berührungspunkte im Leben, die mehr als nur anekdotisch sind. Dazu die gemeinsame Erfahrung in Kinshasa, die für uns beide aus unterschiedlichen Gründen prägend und bedeutsam war. Henrike sagte mir, es sei das erste Mal gewesen, dass sie mit einem Budget und unter fairen Bedingungen Kunst produzieren konnte. Darüber haben wir viel gesprochen: Was sind die zugrundeliegenden Strukturen, was ist fair, was ist gute Zusammenarbeit? Und: Wie wichtig ist radikale Offenheit?
Umso mehr können wir uns auf ihre Arbeit auf der Biennale in Venedig freuen.
Henrike Naumann während ihrer Zeit am Goethe-Institut Kinshasa, in der Demokratischen Republik Kongo. Sie trägt ein T-Shirt von Gucci, das wahrscheinlich „fake“ ist
Foto: Goethe-Institut Kinshasa
Ekaterina Degot, Intendantin steierischer herbst, Graz
Als wir beim steirischen herbst 2018 mit der Arbeit an meiner ersten Ausgabe „Volksfronten“ begannen, hörte ich zum ersten Mal von einer jungen deutschen Künstlerin namens Henrike Naumann, die es erstaunlicherweise schaffte, den Aufstieg der Rechtsextremen in Deutschland künstlerisch zu erfassen. Ich war sofort gebannt, wir trafen uns und verstanden uns auf Anhieb. Für unseren Werkauftrag erfand sie einen alternativen Geschichtsverlauf, in dem die Welle der deutschen Wiedervereinigung auf Österreich überschwappte und einen weiteren „Anschluss“ auslöste. Wie immer erzählte sie diese Geschichte anhand einer Auswahl ziemlich verrückter Möbel und Gegenstände aus dieser Zeit, die sie auf Grazer Flohmärkten aufstöberte. Es machte großen Spaß zu sehen, wie sie immer mehr davon ins Büro brachte. Wir haben viel gelacht.
„Sie war eine unabhängige Denkerin, eine begeisterte Erforscherin der Menschheitsgeschichte und ihrer sozialen und politischen Konflikte“
Ich war augenblicklich beeindruckt und fasziniert von Henrikes Fähigkeit, die politische Bedeutung alltäglicher Dinge zu erkennen. Ich besaß zwar einige Produkte von Alessi, hatte darüber aber nie nachgedacht. Mit ihrer Fiktion brachte sie die nicht so latente Gewalt selbst der hoffnungsvollsten Zeiten zum Vorschein, und das gefiel mir. Ihr unvergleichlicher Ansatz war klug und analytisch, aber nie trocken; sehr formbewusst, aber nie formalistisch; eindeutig politisch, aber kein leerer Slogan. Und die Dimensionen … sie war in der Lage, ganze Welten zu erschaffen, etwas, das ich von der Kunst – oft idealistisch – erwarte. Ihr ist dies immer gelungen.
Sie war alles, was ich mir unter einer zeitgenössischen Künstlerin vorstellte – eine unabhängige Denkerin, eine begeisterte Erforscherin der Menschheitsgeschichte und ihrer sozialen und politischen Konflikte, eine echte Materialistin und Dialektikerin. Die Tatsache, dass sie in der DDR geboren wurde und mit der „Mauer in den Köpfen“ aufwuchs, gab ihr eine einzigartige Perspektive. Dank meiner verhassten Sowjet-Identität, zu der ich mich dennoch bekenne, konnten wir immer über etwas reden, nicht nur über die Vergangenheit – etwa über die als deutsche Wiedervereinigung bekannte rücksichtslose neokapitalistische Wende –, sondern auch über die Gegenwart und die Zukunft. Die Zukunft, die jetzt immer komplexer, absurder und gewalttätiger erscheint; die Zukunft, die sie nicht mehr erleben wird. Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, was sie alles verpassen wird, aber auch, was ich ohne ihre Kunst und ihre brillante Persönlichkeit verpassen werde.
Sarah Alberti, Autorin, Moderatorin und Kunsthistorikerin, Leipzig
„Staatskunst“ war der schlichte Titel, den Henrike Naumann ihrer Lecture Performance am 18. September 2025 im Museum der bildenden Künste in Leipzig gegeben hatte. Dass sie selbst aus einem Land kommt, das es nicht mehr gibt, erwähnt sie bereits in den ersten zwei Minuten ihres Vortrags. 1984 in Zwickau (DDR) geboren, erzählt sie von frühen Erinnerungen an Modenschauen an der Hochschule für angewandte Kunst in Schneeberg: „Begeistert saß ich Jahr für Jahr auf dem Boden in der ersten Reihe, berauscht von den Eindrücken. Wenn ich heute Performances inszeniere, denke ich oft daran zurück und versuche, dieses Gefühl und diese Erfahrung dem Publikum zu vermitteln.“
An diesem Abend in Leipzig habe ich Henrike zum letzten Mal gesehen: Sie steckte schon mitten in den Vorbereitungen für den Deutschen Pavillon auf der kommenden Biennale. Als am 26. Mai 2025 öffentlich wurde, dass Kuratorin Kathleen Reinhardt neben Sung Tieu auch Henrike als künstlerische Positionen für Venedig ausgewählt hat, tanzte ich vor Freude durchs Büro. Seit Jahren stand im Raum, dass der Pavillon noch nie von einer ostdeutschen Kuratorin und noch nie von einer ostdeutschen Künstlerin bespielt wurde. Nun rocken gleich drei ostdeutsche Frauen den Olymp der zeitgenössischen Kunst. Noch 2022 formulierte Henrike, dass ihr in ihrem beruflichen Werdegang immer wieder deutlich wurde, dass sie sich als Frau aus dem Osten der Republik „mehr anstrengen, härter arbeiten und kompromissloser durchhalten muss“. Dies habe sie und ihre Arbeit entscheidend geprägt. Sie gehört zudem zu den wenigen, die sich bereits zu einem Zeitpunkt dem Osten gewidmet haben, als es noch nicht hip, cool und Thema von Polit-Talkshows war.
„Kunst und Kultur sind für kommende Generationen ein wichtiges Mittel, die Realität der DDR und die Folgen der Wiedervereinigung zu verstehen“
Ich bin 1989 geboren – noch in der DDR. Lange war mir meine ostdeutsche Herkunft eher unangenehm, war ich stolz darauf, kaum Dialekt zu sprechen und nicht sofort als Ossi gelesen zu werden. Henrikes selbstbewusster Umgang mit ihrer Herkunft in der Kunstwelt war mir Vorbild und Motivation: Bis zuletzt bestand sie darauf, ihre Geburtsstadt Zwickau mit dem Zusatz „(DDR)“ zu versehen. Seit ich das zum ersten Mal auf ihrer Homepage gesehen habe, ergänze ich meine eigene Kurzbiografie um „wurde acht Monate vor der Maueröffnung in der DDR geboren“.
Wir sind uns leider nur ein paar Mal persönlich begegnet. Zu den Highlights zählt unser Besuch im Bundeskanzleramt. Auf Initiative des damaligen Ostbeauftragen Carsten Schneider hatte Gitte Zschoch, die Generalsekretärin des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen, eine Gruppe geballter Ostkompetenz aus dem Kulturbereich zusammengestellt, um über Fragen der Kulturförderung zu sprechen. Henrike hatte große Freude an diesem 90er-Jahre-Bau – es war voll ihre Zeit. Schon im Foyer machten wir ein Gruppenfoto mit ihrer analogen Kamera. Spaß hatten wir vor der Kanzlergalerie. Auf den eingescannten Fotos, die Henrike uns wenige Tage später schickte, steht sie selbstbewusst zwischen Schröder und Kohl. Bereits am 22. Juli 2021 hatte sie der damals noch amtierenden Kanzlerin einen Brief geschrieben und offensiv angeboten, ihr Porträt für die Galerie anzufertigen: „In den 16 Jahren Ihrer Amtszeit habe ich täglich künstlerisch daran gearbeitet, Bilder und Sprache für die Fragen unserer Zeit zu finden. Es wäre mir eine große Ehre, all das in einem Porträt zum Ausdruck zu bringen.“
Kunst und Kultur sind für meine, aber insbesondere auch für kommende Generationen ein wichtiges Mittel, die Realität der DDR und die Folgen der Wiedervereinigung zu verstehen und kritisch mit dem heutigen Geschehen in Verbindung bringen zu können. Henrike konnte das wie keine zweite. In Chemnitz befindet sich bis heute ein Wandgemälde ihres Großvaters. Karl Heinz Jakob hatte es 1960 für den Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt geschaffen. „Die Mechanisierung der Landwirtschaft“, 11 Meter lang, 3,80 hoch, 2002 mit einer Trockenbauwand verdeckt. 2024 performte sie das Bild bei der Eröffnung der Pochen Biennale in Chemnitz mit einer Linedance-Gruppe und Streetdancern. „Mein Lebensziel ist es, es eines Tages wieder freizulegen“, sagte sie, als sie die Gäste begrüßte, so berichtet der „Spiegel“. Diesen Wunsch werden sich nun andere zur Aufgabe machen.
Das Team von EVROVIZION in Sarajevo. Henrike Naumann steht oben in der Mitte
Foto: EVROVIZION
Sanja Kojić Mladenov im Namen des EVROVIZION-Teams
Henrike war eine außergewöhnliche Künstlerin und ein wunderbarer Mensch. Sie zu verlieren hinterlässt eine unauslöschliche Spur in der Welt der zeitgenössischen Kunst und in den Herzen aller, die sie kannten. Ich hatte das Privileg, seit 2019 eng mit ihr im Rahmen des ifa Ausstellungsprojekts EVROVIZION. CROSSING STORIES AND SPACES zusammenzuarbeiten, sie näher kennenzulernen und ihre Arbeit zutiefst zu schätzen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich aus unserer Zusammenarbeit eine tiefe persönliche Verbundenheit. An unsere erste Begegnung in Sarajevo erinnere ich mich noch genau. Ihre Präsenz hat mich sofort beeindruckt. Mit ihrer sorgfältig gewählten Kleidung und den bewusst gewählten Marken erschien sie mir nicht wie jemand, der aus der Welt der Mode kommt, sondern vielmehr als eine bewusst konstruierte Persona. Bald erkannte ich, dass nichts an ihrem Erscheinungsbild zufällig war. Ihre Frisur, ihre Kleidung, die metallisch schimmernden Nägel, ihr direkter Blick und ihre inszenierten Posen formten eine visuelle Sprache, die als Statement zu verstehen war – beinahe wie eine Uniform, die sichtbar machte, wie Ästhetik ideologisches Gedächtnis transportieren kann. Es ging dabei niemals um Glamour, sondern um die Macht der Repräsentation und um das Politische, das in Oberfläche, Haltung und Auftreten verankert ist.
Auf unseren gemeinsamen Reisen war sie stets neugierig und offenherzig, begierig darauf, die Ränder der Gesellschaft und verborgene Narrative zu erkunden. Besonders interessierte sie, wie kapitalistische Produkte und Marken in verschiedenen lokalen Kontexten gelesen und angeeignet werden. Deshalb besuchte sie Flohmärkte am Stadtrand und kleine Handwerksläden. Mit viel Freude kaufte sie ein Marlboro-T-Shirt in Sarajevo und eine Prada-Replika-Tasche in Tiflis, die sie bei ihrer Performance Foreign Agent trug – eine unmittelbare Reaktion auf das umstrittene Gesetz in Georgien (Kritiker sehen das georgische „Foreign-Agent-Gesetz" als Angriff auf Pressefreiheit und Zivilgesellschaft, Anm. d. Red.). Sie scheute sich nie, schwierige Themen kritisch zu hinterfragen. Insbesondere interessierten sie die Mechanismen der Radikalisierung, die sie selbst beim Aufwachsen in der ehemaligen DDR inmitten rechtsextremer Jugendkultur der 1990er Jahre erfahren hatte.
Mich hat immer bewegt, dass ihre kritische künstlerische Praxis tief in Mitgefühl, Feinfühligkeit und einer reflektierten Haltung verwurzelt war – einer Haltung, die niemals verletzen, sondern unterschiedliche Perspektiven verstehen wollte, insbesondere zwischen östlichen und westlichen Kulturen. Wir aus Süd- und Osteuropa empfanden Henrike als „eine von uns“, da sie westlichen Privilegien mit Ironie begegnete. Wo immer sie hinkam, trug sie einen antikolonialen Geist in sich – nicht nur als Theorie, sondern als tief verinnerlichte Haltung und als selbstverständliche Güte. Sie besaß die Gabe, auf Menschen zuzugehen und Freude zu verbreiten. Sie freute sich sehr auf ihre vielen kommenden Projekte, besonders auf ihre Teilnahme an der Biennale in Venedig, und war stolz darauf, ihre Arbeit dort zu präsentieren.
Lebhaft erinnere ich mich an ihre Freude und Erfüllung, als sie Mutter wurde. Sie war überzeugt, dass uns zwei ein besonderes Band verbindet, da unsere Töchter am selben Tag geboren wurden, dem 13. Februar. Henrike Naumann verließ uns am 14. Februar, einen Tag nach dem ersten Geburtstag ihrer Tochter – einer Tochter, der sie ihre Freude und Lebensenergie mit auf den Weg gab. Wir werden ihr beeindruckend umfassendes Wissen, ihre Ehrlichkeit sowie ihren Humor und Sinn für Gerechtigkeit sehr vermissen. In unserer Erinnerung wird sie für immer bleiben.
Als EVROVIZION-Team werden wir stets an der Seite ihrer Tochter Nina und ihres Mannes Clemens sein.
In Liebe und Erinnerung
Das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen ist als Kommissar für den Beitrag des Deutschen Pavillons der Biennale Arte di Venezia verantwortlich. 2025 wurde die kuratorische Position von einem achtköpfigen Auswahlgremium bestimmt. Mitglieder waren: Johanna Diehl (Künstlerin und Professorin an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt), Florian Ebner (Centre Pompidou, Paris), Julia Grosse (Kuratorin und Kulturmanagerin), Gaby Horn (ehem. Berlin Biennale), Anh-Linh Ngo (Arch+ sowie Akademie der Künste Berlin), Angelika Richter (Kunsthochschule Berlin-Weißensee), Stefan Rössel (Auswärtiges Amt) und Gitte Zschoch (ifa – Institut für Auslandsbeziehungen).
Die Biennale in Venedig eröffnet am 9. Mai 2026.