„Die Kunst und das Meer verleihen meinem Leben Sinn“
Jugendliche treffen sich am Ufer der Straße von Hormus
Foto: Morteza Niknahad
Das Interview führte Ruben Donsbach
Sie leben in Bandar Abbas, einer Stadt am Ufer der Straße von Hormus im Iran. Was für ein Ort ist das?
Die der Stadt vorgelagerte Insel Hormus in der gleichnamigen Meerenge war einmal das wichtigste politische und wirtschaftliche Zentrum des südlichen Iran. Doch nachdem die Portugiesen die Region im Jahr 1622 verlassen mussten, verlor sie nach und nach an Bedeutung. Danach verlagerte sich das regionale Zentrum aufs Festland nach Bandar Abbas. Die Geschichte der Stadt reicht etwa tausend Jahre zurück. Im Laufe der Zeit wurde sie von verschiedensten Kulturen geprägt. Menschen aus Afrika kamen als Arbeitskräfte in die Region. Später spielten indische Gemeinschaften eine bedeutende Rolle im Handel und auf den Märkten der Stadt und errichteten sogar einen eigenen Tempel. Die 150 Jahre britischer Präsenz bilden eine weitere Ebene dieser Geschichte.
Wie würden Sie das Alltagsleben der Menschen dort heute beschreiben?
Bandar Abbas hat ca. 700.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Trotz seiner Lage am Persischen Golf profitiert die Stadt nur wenig von ihrer Nähe zu den wohlhabenden Golfstaaten. Ein großer Teil der Bevölkerung arbeitet im öffentlichen Dienst, die Einkommen sind gering. Die Wirtschaft ist weitestgehend unter staatlicher Kontrolle. Einige wenige leben noch vom Fischfang oder haben andere Berufe, die mit dem Meer verbunden sind. Doch so arm Bandar Abbas materiell sein mag, kulturell ist die Stadt außerordentlich reich.
Der Blitz des Fotografen wird von der Neonjacke eines Mannes am Ufer der Meerenge reflektiert
Foto: Morteza Niknahad
Was verbindet Sie mit dieser Region und ihren Menschen?
Für mich werden Orte nicht durch alte Bauwerke definiert, sondern durch die Menschen, die einst dort lebten. Auch meine persönliche Verbindung mit der Region hat weniger mit dem geografischen Ort als vielmehr mit dem kollektiven Geist seiner Bewohnerinnen und Bewohner zu tun. Darüber hinaus war das Meer immer ein wesentlicher Bestandteil meiner Beziehung zu meiner Heimat, und nicht bloß wegen seiner Schönheit. Ich begreife es als ein menschliches und kulturelles Ökosystem. Politische Grenzen sind ein modernes Phänomen. Früher verliefen Handel und kultureller Austausch unabhängig davon, und genau aus diesen Bewegungen entstanden neue Kulturen. Ich habe diese Verbindungen stets innerhalb eines geopolitischen Rahmens gesehen und verstanden. Eine Frage hat mich dabei aber immer begleitet: Welche gemeinsamen Erfahrungen und Geschichten teilen Gemeinschaften, die an unterschiedlichen Ufern des Meeres leben?
Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?
Der Iran ist ein uraltes Land, die Geschichte ist Zeugin. Auch im Süden, in den Küstenregionen, hat sie unbestreitbare Spuren hinterlassen. Als die Seefahrer mit ihren hölzernen Segelschiffen lernten, den Handel auszuweiten und immer entferntere Küsten zu erreichen, blieb die Verbindung nicht länger ausschließlich wirtschaftlicher Natur. Menschen heirateten oder entschieden sich dafür, in fernen Ländern zu leben. Diese Geschichte muss zusammen mit der Präsenz westlicher Mächte in der Region gesehen werden, von Portugal über Großbritannien bis hin zu Frankreich und den Niederlanden. Diese historische Vielfalt hat sich über Jahrhunderte hinweg entlang einer zentralen Achse entwickelt: des Persischen Golfes.
Für die Kinder ist die Küste Spielplatz und Treffpunkt, an dem sie gemeinsam aufwachsen, spielen und Zeit miteinander verbringen. Auch in Nik Niknahads Erinnerung war das Meer immer ein Ort der Leichtigkeit und der Gemeinschaft
Foto: Morteza Niknahad
Für viele Menschen im Westen ist die Straße von Hormus vor allem ein geopolitischer Brennpunkt. Die Menschen, die dort leben, bleiben hingegen oft unsichtbar. Wie lässt sich das ändern?
Die Fotografie ist ein kraftvolles Medium, um diesen Menschen ein Gesicht zu geben. Entscheidend ist jedoch nicht das Bild an sich, sondern die Art und Weise, wie die Medien dieses Bild in einen Kontext stellen. Iran besteht nicht nur aus seiner Hauptstadt Teheran. Doch insbesondere die europäischen Medien zeigen ihrem Publikum nur einen kleinen Ausschnitt unseres riesigen Landes. Ich habe immer wieder versucht zu erklären, dass die Straße von Hormus nicht lediglich eine strategisch wichtige Wasserstraße ist. Hinter ihrer politischen Geografie verbirgt sich eine komplexe und jahrtausendealte Geschichte der Menschen, die dort leben.
In einem Text zu Ihren Fotografien schreiben Sie, dass Menschen sich in Zeiten von Krieg und Krisen häufig der Vergangenheit zuwenden, um ihre Gegenwart besser zu verstehen. Das ist ein schöner Gedanke.
Seit vielen Jahren baue ich ein Archiv privater Fotografien auf, die Menschen hier am Meer aufgenommen haben. Ich werde dies so lange fortsetzen, wie diese Fotografien existieren und die Menschen bereit sind, sie mir anzuvertrauen. Über Jahrzehnte hinweg sind die Menschen immer wieder an denselben Ort zurückgekehrt, um sich dort fotografieren zu lassen. Es gibt Familienporträts, Bilder von Liebenden, Hochzeiten, Geburten oder Momenten der Einsamkeit. Ich frage mich: Welche Kraft zieht die Menschen immer wieder an das Ufer desselben Gewässers? Ist es einfach die Schönheit des Meeres? Ich glaube, die Antwort geht tiefer. Wenn das Meer Teil der Identität eines Menschen wird, möchte dieser Mensch, dass es auch Teil seines eigenen historischen Gedächtnisses bleibt. Die Menschen hier sind davon überzeugt, dass ein großer Teil ihrer kulturellen, rituellen, wirtschaftlichen und spirituellen Identität vom Meer geprägt wurde. Wenn das Meer bedroht ist, dann ist in ihren Augen auch ein Teil ihrer eigenen Identität in Gefahr.
Niknahads eigene Familiengeschichte ist ein Ausgangspunkt seiner Arbeit. Alte Bilder aus privaten Fotoalben verbinden persönliche Erinnerungen mit den Orten am Persischen Golf, an denen Generationen vor ihm gearbeitet, gelebt und geliebt haben
Foto: Morteza Niknahad
Haben Sie die Sorge, dass die anhaltenden Konflikte und der ideologische Druck im Iran so groß werden könnten, dass kulturelles Erbe zerstört, Erinnerungen ausgelöscht und Geschichte vergessen wird?
Der Krieg hat im Laufe der Geschichte vieles verändert. Doch die Kraft der Kultur ist größer als die Kraft des Krieges. Gemeinsame Rituale führen uns wieder zusammen, um unsere Identität zu bewahren. Wir erheben uns wie der Phönix aus dem Herzen des Feuers. Es sind die Menschen in ihrer Historizität selbst, die zusammenkommen, um ihr kulturelles Erbe zu bewahren.
Können Sie uns etwas über die Menschen erzählen, die wir auf Ihren Fotografien sehen?
Ich kenne alle Menschen auf diesen Fotografien. Einige von ihnen sind enge Freunde. Manche leben auf abgelegenen Inseln, an Orten mit äußerst begrenzter Infrastruktur, andere wiederum in den Städten. Ich weiß nicht, ob Sie das kennen, aber man spricht von einer Traurigkeit, die dem Süden eigen ist. Natürlich ist Traurigkeit kein angeborenes Erbe, nichts, das wie ein kostbarer Gegenstand von Generation zu Generation weitergegeben wird. Traurigkeit ist das Ergebnis von Verlust, von Ungleichheit und von einem historischen Leid, das über Generationen hinweg weitergetragen wurde. Sind wir also lediglich die Erben dieses Leids? Nein. Wir leben dieses Leid selbst. Haben wir etwas verändern können? Vielleicht nicht in der Weise, wie wir es uns gewünscht hätten. Dennoch finden wir Zuflucht in der Musik, in Ritualen und in den Dingen, die uns nach wie vor miteinander verbinden.
„Für mich werden Orte nicht durch alte Bauwerke definiert, sondern durch die Menschen“ – Morteza Niknahad
Foto: Morteza Niknahad
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich heute nur wenig Hoffnung. Mein Land wurde nicht nur durch den Krieg verwundet, sondern auch durch ein ineffektives Regierungssystem. Für mich gleicht es einer Kerze, die langsam dahinschmilzt. Heute empfinde ich tiefe Verzweiflung. Und doch verleihen die Kunst, das Meer und bestimmte Menschen meinem Leben weiterhin Sinn und geben mir die Kraft weiterzumachen. Das ist alles.
Aus dem Englischen mithilfe von KI-Übersetzungsprogrammen
Foto: privat
Morteza „Nik“ Niknahad lebt in Bandar Abbas, Iran. Die Arbeiten des Fotografen, Filmemachers und Künstlers erscheinen unter anderem in „Le Monde“, dem „Guardian“ und bei „BBC World“.