„Die Kubaner sind am Limit“
Bewohner von Havanna spielen bei Handylicht Domino, während in der Straße ein Feuer brennt, entzündet von Anwohnern, die gegen die Stromausfälle protestieren.
Ramon Espinosa/AP
Das Interview führte Jess Smee
Im November 2021 wurde Yunior García Aguilera, Schauspieler und Dramaturg aus Havanna, ohne Gerrichtsverfahren unter Hausarrest gestellt. Sein Telefonanschluss wurde gesperrt, die Internetverbindung gekappt und die Fenster seiner Wohnung von außen mit großen kubanischen Flaggen zugehängt. Der Grund: Aguilera war dabei, eine Demonstration zu organisieren, einen friedlichen Protestmarsch, den ersten größeren in Kuba seit mindestens fünfzig Jahren. Doch dieser wurde verboten und konnte nicht stattfinden. Wenig später floh Aguilera ins Ausland, nach Madrid, wo er heute lebt. Im Interview spricht er über die humanitäre Krise in Kubaund was jetzt passieren muss, um einen gesellschaftlichen Wandel in Gang zu setzen.
Herr Aguilera, in Kuba fehlt es derzeit an Lebensmitteln und Kraftstoff. Wie würden Sie als Menschenrechtsaktivist die Situation auf der Insel beschreiben?
So wie bisher kann es mit Kuba nicht weitergehen. Ändert sich nichts, werden noch mehr Menschen sterben. Sie sterben bereits jetzt. In den Krankenhäusern gibt es kaum noch Medikamente, keine Blutkonserven mehr für Transfusionen, Stromausfälle dauern bis zu zwanzig Stunden, Operationen und andere Behandlungen sind praktisch ausgesetzt. Mein Vater ist vor einem Jahr gestorben, und ich bin sicher, er hätte noch gerettet werden können, wenn er nicht in Kuba gelebt hätte. Auch der Vater meiner Frau ist im letzten Jahr gestorben. Und wir haben viele Freunde verloren – darunter junge, gesunde Menschen, das alles wegen fehlender medizinischer Versorgung.
„In Havanna hacken die Leute ihre Türen und Möbel klein, um kochen zu können“
Und welche Auswirkungen hat die Ölblockade, die die Trump-Regierung Ende Januar verhängt hat?
Kuba ist ein tropisches Land, Stromausfälle bedeuten nicht nur Dunkelheit, sondern auch Moskitos und die Verbreitung gefährlicher Krankheiten. Es gab schwere Ausbrüche von Chikungunya- und Denguefieber. Wenn es an Benzin fehlt, holt die Müllabfuhr den Müll nicht ab, und an jeder Straßenecke bilden sich Abfallberge, ein enormes Risiko für die öffentliche Gesundheit.
Wie sieht der Alltag der Kubaner aus?
Viele Menschen müssen um zwei oder drei Uhr morgens aufstehen, wenn es ausnahmsweise mal eine Stunde lang Strom gibt – nur um für ihre Familien zu kochen. Wenn sie kein Strom oder Gas haben, verwenden sie dafür häufig Holz. In Havanna hacken die Leute ihre Türen und Möbel klein, um kochen zu können. Manche stehlen sogar Holzschwellen aus Bahngleisen, um Feuer zu machen. Als Folge davon könnten Züge entgleisen. Das zeigt den Grad der Verzweiflung, die Bevölkerung ist längst am Limit.
Protestieren die Kubaner, oder brauchen sie ihre ganze Kraft und Energie für den täglichen Kampf ums Überleben?
Proteste entstehen spontan, immer dann, wenn die Leute es nicht länger aushalten. Sie sind schwer vorherzusagen. Derzeit kommt es zu cacerolazos, das sind lautstarke Proteste, bei denen auf Kochtöpfe geschlagen wird. Und in Morón, in der Provinz Ciego de Ávila in Zentralkuba, wurde vor kurzem das dortige Büro der Kommunistischen Partei in Brand gesteckt. So verzweifelt sind die Menschen mittlerweile.
Yunior Garcia Aguilera
Foto: IMAGO / El Mundo
Aus dem Exil betrachtet: Wie schätzen Sie ein, was sich die Menschen auf der Insel für die nahe Zukunft wünschen?
Ich denke, die Mehrheit will einen Wandel. Und sie träumt davon, dass er friedlich vonstattengeht. Doch nüchtern betrachtet, ist den meisten klar, dass das nahezu unmöglich ist. Viele denken, dass ein echter Wandel nur durch Druck von außen zustande kommt, ausgeübt durch ein einflussreiches Land wie die USA. Die Leute fantasieren von einem schnellen und „sauberen“ Vorgang, so wie es in Venezuela geschehen ist (wo die Trump-Regierung zu Beginn des Jahres Staatschef Maduro illegaler Weise entführt hat). Aber das ist riskant. Es macht mir Angst, mir vorzustellen, wie verwundbar die Menschen wären, wenn die Lage eskaliert. Ich habe auch einen Sohn, der noch in Havanna lebt. Dort sind viele Gebäude schon so zerfallen, dass bei jedem heftigen Regenguss ein paar davon einstürzen. Die bröckelnden Kolonialgebäude werden seit Jahrzehnen nicht instandgehalten. Man kann sich ausmalen, was passiert, wenn dort eine Bombe einschlagen würde: Die halbe Stadt könnte einstürzen.
„Trumps größte Angst, wenn es um Kuba geht, ist zurzeit die Migration“
Und selbst in Venezuela hat die Absetzung Maduros keinen demokratischen Wandel gebracht. Werden Interventionen von außen dadurch nicht fragwürdig?
Ja, es ist ein moralisches Dilemma. Einerseits braucht Kuba einen Wandel, und wir wissen, dass es den nur geben wird, wenn die Machthaber ernsthaft unter Druck geraten. Andererseits dürfen wir dafür nicht in Kauf nehmen, dass auch nur ein einziger unschuldiger Mensch stirbt. Der Blick nach Iran hat gezeigt, wie hoch der Preis sein kann, den eine Zivilbevölkerung bei einer US-Intervention bezahlen muss.
Im März sprach Trump davon, er werde „die Ehre haben, Kuba zu übernehmen“. Wie blickt der US-Präsident Ihrer Meinung nach derzeit auf Kuba?
Trumps größte Angst, wenn es um Kuba geht, ist zurzeit die Migration. Er fürchtet einen erneuten Exodus, so wie 1980 bei der Mariel-Bootskrise und in den 1990er-Jahren bei der Flucht der Balseros (als Kubaner – illegaler Weise – versuchten, mit auf selbstgebauten, primitiven Flößen auf dem Seeweg in die USA zu gelangen). Oder auch während der Auswanderungswelle, zu der es kam, als Biden noch US-Präsident war. Mexiko teilt diese Befürchtungen, denn heute steuern viele Migranten mit ihren Booten die Halbinsel Yucatán an. Beide Länder haben Angst vor einer unkontrollierbaren Einwanderungswelle, die durch einen möglichen Zusammenbruch Kubas ausgelöst werden könnte. Das bestimmt in Wirklichkeit Trumps Handeln. Gleichzeitig macht die exilkubanische Community in Miami, die Trump schon seit langem unterstützt, Druck. Der Präsident steht in der Angelegenheit zwischen seinem Vize J.D. Vance, der vermutlich sagt, Kuba sei nicht sein Problem, und Außenminister Marco Rubio, der kubanischer Abstammung ist und eine enge, persönliche Verbindung zu der Insel hat.
Wie reagiert Kuba auf die USA?
Das US-Embargo ist eine willkommene Ausrede für das kubanische Regime. Indirekt wird die kubanische Wirtschaft seit langem auch aus den USA heraus unterstützt – durch die Remesas, die Rücküberweisungen aus Miami, die mit Abstand die wichtigste Devisenquelle für die Insel sind. 1964 sagte Che Guevara, dass das Embargo keinen realen Schaden angerichtet habe – und betonte, es stärke die Opferbereitschaft der Kubaner und die internationale Solidarität. Mitunter lieferte es dem Regime allerdings auch einen Vorwand, um die USA zum Sündenbock zu machen, auf den man die Schuld für alles, was schiefläuft, abwälzt. Währenddessen liegt die kubanische Wirtschaft am Boden, die Korruption breitet sich weiter aus, und Löhne und Gehälter sind so absurd niedrig, dass die Bezahlung nicht mehr den Ausschlag dafür gibt, einen staatlichen Job anzunehmen. Oder man denkt eher darüber nach, was man da klauen könnte. Von einem Monatslohn kann man sich mit etwas Glück gerade mal einen Karton Eier und eine Flasche Speiseöl kaufen.
Immer mehr Menschen verlassen die Insel – in den letzten 5 Jahren nach Schätzungen rund 1,5 Millionen. Besonders die jungen, gut ausgebildeten Kubaner sind gegangen. Was bedeutet dieser Exodus für die Zukunft des Landes?
Kuba wird darauf angewiesen sein, dass ein Großteil seiner Diaspora zurückkehrt. Das Land ist nicht nur wirtschaftlich ruiniert, es ist physisch so zerstört, als wäre es zerbombt worden. Es muss von Grund auf neu aufgebaut werden. Und es gibt ein weiteres Problem: Seit 1940 haben wir nicht mehr in einer Demokratie gelebt. Es gibt kein demokratisches Gedächtnis mehr in Kuba, keine entsprechende Zivilgesellschaft. Stattdessen ist die „Caudillo“-Mentalität, der Glaube an einen „starken Mann“, nach wie vor verbreitet, ein Messias-Komplex, verbunden mit der Hoffnung, dass einer kommt, der alle erlöst. Das ist gefährlich. Aber mir ist die Komplexität eines demokratischen Aufbaus tausendmal lieber als die Aussicht auf ein Kuba, das sich damit abfindet, für alle Zeiten in einer Diktatur zu leben. Fakt ist: Wenn es in dieser Geschwindigkeit weitergeht, dann ist in vier oder fünf Jahren vielleicht nichts mehr zu retten. Kuba könnte wie Haiti als „Failed State“ enden, als endgültig gescheiterter Staat ohne jede Perspektive.
„Wichtig sind Menschen innerhalb der Machtstrukturen, deren Weste noch weiß ist“
Wie könnte ein realistischer Weg des Wandels aussehen?
Verhandlungen allein werden nichts bringen. Das kubanische Regime ist noch an der Macht, weil viele der Amtsträger nach einem Umbruch strafrechtlich verfolgt würden. Wir haben es mit einer Verbrecher-Clique zu tun, die um ihr eigenes Überleben kämpft. Für einen tatsächlichen Wandel müssten drei Dinge zusammenkommen: erstens soziale Proteste im Innern, die zunehmen, bis das Regime nicht mehr dagegen ankommt; zweitens ernsthafter Druck von außen – nicht nur von den Vereinigten Staaten, sondern auch von der Europäischen Union und aus Lateinamerika; und schließlich drittens, ganz essenziell, ein Bruch in den innersten Machtzirkeln selbst. Wichtig sind Menschen innerhalb der Machtstrukturen, deren Weste noch weiß ist. Eine Gruppe, die nicht die Last vergangener Verbrechen und alter blutiger Wunden mit sich herumträgt, sondern die sagt: Wir sind nicht dazu verdammt, mit euch unterzugehen. Ich glaube, das alles könnte passieren, sobald Raúl Castro nicht mehr da ist. Er ist über neunzig, aber immer noch die Figur, die das Ganze hinter den Kulissen zusammenhält.
Sie setzen sich dafür ein, dass die humanitäre Krise in Kuba in Europa auf der Agenda bleibt. Wie stark wirken da alte Klischees noch heute? Wie viele Linke haben zum Beispiel lange Zeit die kubanische Revolution romantisiert?
Hier in Madrid haben wir in den letzten Jahren versucht, den Menschen auf der Insel zu helfen, wir haben Spenden organisiert, Medikamente beispielsweise, und rübergeschickt, was wir konnten. In Europa herrscht in gewissen Kreisen eine kindische und irgendwie auch verlogene Romantisierung der kubanischen Realität, diese Vorstellung, dass Kuba ein Symbol für etwas bleiben müsse, eine letzte Bastion, und dass die Kubaner sich dafür opfern und am Kreuz sterben sollten. Da soll ein Mythos bewahrt werden, der nie etwas mit der Wirklichkeit zu tun hatte. In Kuba habe ich nie, kein einziges Mal, eine Zeit erlebt, in der man gut essen, gut leben und sich frei fühlen konnte. Wir sind immer von einer Krise in die nächste gestolpert. Ich wurde 1982 geboren, das war angeblich die beste Zeit, die letzten Jahre der Sowjetunion. Aber meine Kindheitserinnerungen sind von Mangel geprägt. Mein Körper weiß noch genau, wie sich Hunger anfühlt.
Würden Sie in das Land zurückkehren?
Ich will zurückgehen – vielleicht nicht, um dauerhaft dort zu leben, aber um dort wieder zu arbeiten, wieder Theater für ein kubanisches Publikum machen zu können, um das Land wieder mitaufzubauen. Doch es gibt Straßen in Havanna, da bin ich mir nicht sicher, ob ich die noch einmal entlanggehen könnte. Sie sind von einer Traurigkeit erfüllt, die nicht mehr vergeht.
Übersetzt von Miriam Denger