„Die Klimawissenschaft wird aktiv untergraben“
Auch in diesem Jahr wurden in weiten Teilen Europas neue Hitzerekorde verzeichnet, auch in Deutschland. Bild: Matt Palmer (unsplash)
Das Interview führte Jess Smee
In diesem Sommer wurden in Europa neue Temperaturrekorde verzeichnet. In Deutschland sind in großen Flüssen sogar „Hungersteine“ aus dem Mittelalter wieder zum Vorschein gekommen. Haben die Menschen aufgehört, sich um das Klima zu kümmern?
Menschen haben nur eine begrenzte Kapazität für Sorgen: Es gibt nur eine bestimmte Zahl von Dingen, über die wir sich gleichzeitig Gedanken machen können. Derzeit passiert einfach sehr viel auf der Welt. Konflikte wie der Iran-Krieg wirken sich weltweit auf die Preise aus, und weltweit nehmen die Bedrohungen für die Demokratie zu.
Schalten die Menschen ab, weil sie die Klimabedrohung einfach als zu groß und beängstigend empfinden?
In der psychologischen Forschung gibt es zwei relevante Konzepte. Das eine ist die psychologische Distanz – wenn eine Bedrohung zu weit entfernt erscheint, neigen Menschen dazu, sich weniger Sorgen darüber zu machen. Das andere Konzept ist die Wirksamkeit – unser Glaube daran, dass wir etwas gegen die Bedrohung ausrichten können. Wenn das Klimaproblem zu groß ist und wir uns im Kampf dagegen unbedeutend fühlen, neigen Menschen dazu, sich zurückzuziehen. Von diesen beiden Konzepten ist laut Forschungsergebnissen das Konzept der Wirksamkeit das wichtigere. Denn wenn wir über den Klimawandel kommunizieren, ist es notwendig, dass wir über die vielen bereits existierenden Klimalösungen sprechen und zeigen, dass wir in der Lage sind, den Klimawandel zu bekämpfen.
Wie hat sich die Kommunikation über Klimagefahren in den letzten Jahren verändert?
Es wird verstärkt auf die Risiken von Wetterextremen hingewiesen, da die Wissenschaft immer besser nachweisen kann, inwiefern der Klimawandel dazu beiträgt, dass Wetterextreme gefährlicher werden. Außerdem haben Klimaexperten und Aktivisten zunehmend auf Kommunikationsforscher gehört und legen mehr Wert auf Klimalösungen, was entscheidend ist, um die öffentliche Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen zu gewinnen.
Hat der Klimawandel seit der Hochphase von Greta Thunberg und „Fridays for Future“ an politischer Priorität verloren – und wenn ja, warum?
Menschen sind soziale Wesen, und wenn unsere führenden Politiker beispielsweise bestimmte Signale senden, neigt die Gemeinschaft dazu, ihnen zu folgen. In der Wissenschaft nennt man das „Eliten-Signale” (elite cues). Wenn also Führungskräfte wie konservative Politiker ihren Anhängern vermitteln, dass der Klimawandel keine Rolle spielt, hat das Auswirkungen auf die öffentliche Meinung.
Würden Sie sagen, dass die Trump- und MAGA-Bewegung die Debatte gekapert haben, und wenn ja, wie sah die Strategie dafür aus?
Sie vermitteln nicht nur, dass Klimaschutzmaßnahmen nicht notwendig sind, sondern sie untergraben aktiv die Klimawissenschaft und kürzen die Mittel für die Klimaforschung. Der Angriff auf die Klimawissenschaft geht also über bloße Kommunikation hinaus – sie greifen die Infrastruktur selbst an, auf der die Klimawissenschaft basiert. Das ist zersetzend und schädlich.
Wie wichtig sind Soziale Medien bei der Gestaltung unserer Reaktion auf den Klimawandel?
Seit Jahrzehnten vergiften Falschinformationen zum Thema Klima die Informationslandschaft und führen zu einer zunehmenden Polarisierung der Klimadebatte. Sobald ein Thema zu stark polarisiert ist, wird es Teil eines Kulturkriegs, der weniger mit der Realität zu tun hat. Und Soziale Medien können dies noch verstärken. Die Geschäftsmodelle ihrer Plattformen hängen vom Engagement der Nutzer ab: Polarisierende Beiträge sorgen für hohes Engagement und schaffen Anreize für die Plattformen, Falschinformationen zuzulassen und sogar zu fördern. Es handelt sich um ein tiefgreifendes strukturelles Problem, das jedoch lösbar ist – allerdings nicht, indem man die Social-Media-Plattformen sich selbst regulieren lässt.