„Die Feminisierung Lateinamerikas lebt bis heute weiter“
Allegorie Amerikas, aus Neue Erfindungen der Neuzeit (Nova Reperta), Tafel 1 von 19, Druckgrafik, Theodoor Galle nach Jan van der Straet, genannt Stradanus
Harris Brisbane Dick Fund, 1934
Das Interview führte Jess Smee
Herr Guardiola-Rivera, kam der US-Militärangriff auf Venezuela überraschend für Sie?
Nicht wirklich. Donald Trump ist bei fast allem, was er tut, daran gelegen, ein möglichst dramatisches Spektakel zu veranstalten, das man effektiv und in kurzen Clips über das Fernsehen oder die Sozialen Medien verbreiten kann.
War das Ganze eine Art Reality-Show mit Raketen?
Donald Trump war vielen Menschen vor allem als Reality-TV-Star bekannt, bevor er 2017 erstmals gewählt wurde. Er weiß genau, wie man im Rahmen der Meinungs- und Pressefreiheit lügen, Halbwahrheiten verbreiten und das Bedürfnis der Zuschauer nach Spektakel befriedigen kann. Um das Phänomen Trump und die Bedeutung der aktuellen Ereignisse zu verstehen, muss man hinter die Bilder schauen.
Was meinen Sie damit?
Der deutsche Philosoph Joseph Vogl hat als einer der wenigen auf die Verflechtung von Ressentiments und der Produktion von Bildern in Sozialen Medien oder auch im Fernsehen hingewiesen, wie sie seit der Berichterstattung über den Irakkrieg zu beobachten ist. Dies wiederum steht in einer Tradition, die sich noch weiter zurückverfolgen lässt, bis hin zur Verwendung von Karikaturen Ende des 19. Jahrhunderts.
Was für Karikaturen waren das?
Sie zeigten Lateinamerika fast immer als Jungfrau, die „entdeckt“ werden müsse. Der Begriff der „Entdeckung“ hat in romanischen Sprachen wie dem Spanisch eine doppelte Bedeutung: Er bezieht sich auf die „Übernahme von Territorium“, aber auch auf das „Entkleiden“. Die Feminisierung des Bildes von Lateinamerika, seine Exotisierung als Frau, lebt bis heute in der Vorstellung des Westens vom angeblich rückständigen Süden weiter.
Sie Beschreiben den Angriff auf Venezuela beinahe als sexualisierten Akt. Ist das nicht etwas übertrieben?
Zugespitzt könnte man sogar sagen, der Angriff vom 3. Januar kommt im Kontext des beschriebenen Diskurses symbolisch betrachtet einer Vergewaltigung gleich. Auch dafür gibt es Vorbilder.
Oscar Guardiola-Rivera, geboren 1969 in Bogotá, lehrt Internationales Recht am Birkbeck College der University of London. Er war Berater des kolumbianischen Kongresses und der Vereinten Nationen.
Foto: Finley Smee
Welche denn?
In einer berühmten Zeichnung aus dem Jahr 1923 lehnt sich Onkel Sam zu einem unreifen Lateinamerika, symbolisiert durch eine junge Frau, über einen Zaun. Die Bildunterschrift lautet: „Sykes, My, How Have You Grown!“ Die Geisteshaltung dieser Art von Karikatur lässt sich zurückverfolgen zum berühmten Kupferstich „America“ des flämischen Künstlers Jan van der Straet aus der frühen Kolonialzeit um 1575/80. Es zeigt den italienische Entdecker Amerigo Vespucci mit Schwert vor einem Amerika, das als nackte Frau in einer Hängematte dargestellt ist. Im Hintergrund sieht man ein Kriegsschiff. Dieses Bild aus dem 16. Jahrhundert liefert einen Hinweis darauf, in welcher Denktradition der Angriff auf Venezuela stattgefunden hat.
Bitte erklären Sie das.
Die sogenannte Monroe-Doktrin erklärte ab etwa 1823, dass Lateinamerika die Einflussspähre der USA sei, aus der sich Europa herauszuhalten habe. Theodore Roosevelt ließ später im Zuge der sogenannten Venezuela-Krise von 1902/03 den Zusatz hinzufügen: Die USA dürften dort jedezeit intervenieren, wenn ein Land sich „chronisch falsch verhalten“ oder „impotent würde, indem es die Bande zur ziviliserten Gesellschaft“ löste. Auf diesen Zusatz bezieht sich implizit die „How Have You Grown“-Karikatur. Auffällig ist die Mehrdeutigkeit der Formulierung von Roosevelt, die erneut das Sexuelle und das Politische miteinander vermischt, als sei Zivilisation eine Frage männlicher, kriegerischer Potenz. Ich glaube darauf spielte der Amerikanische Verteidigungsmnister Pete Hegseth an, als er in seiner Rede vor US-Generälen und Admiralen im September 2025 versprach, „Amerikas Kriegern“ die Freiheit zurückzugeben.
Diese Sichtweise setzt sich also bis heute fort?
In gewisser Weise schon. Während US-Kriegsschiffe in der Karibik aufkreuzen, wurde die venezolanische Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado von Trump als „nette Frau“ bezeichnet, was bewusst herablassend und verniedlichend klingen soll. Gegenüber Delcy Rodríguez, der Interimspräsidentin Venezuelas, sprach Trump eine Drohung aus. Er erklärte, er strebe den „totalen Zugang“ zum Land an. Auch da schwingen Untertöne von van der Straets Kupferstich mit, der wiederum eine visuelle und symbolische Blaupause für die ursprüngliche Monroe-Doktrin aus dem frühen 19. Jahrhundert war.
„Am 3. Januar 2026 sendeten die USA eine klare Botschaft an die Welt: Wenn ihr versucht, euch vom Dollar zu lösen, werden wir euch bombardieren“
Geht es letztlich nicht immer um Rohstoffe?
Die politische Ökonomie ist natürlich wichtig: Die Vereinigten Staaten wollen Venezuelas Ölreserven, die fast zwanzig Prozent der globalen Bestände ausmachen und damit die größten der Welt sind. Es geht dabei auch um die wirtschaftliche Hegemonie der USA, die sich auf die sogenannten Petrodollars gründet. Dies geht zurück auf ein Abkommen, das die Nixon-Regierung in den 1970er-Jahren mit Saudi-Arabien aushandelte. Es sah vor, dass das Land sein Öl weltweit in US-Dollar vermarktet und verkauft und einige der Einnahmen in den USA anlegt. Angesichts internationaler Sanktionen und im Geiste der Bolivarischen Revolution begann Venezuela, Öl in anderen Währungen zu verkaufen, insbesondere im chinesischen Yuan. Am 3. Januar 2026 sendeten die USA eine klare Botschaft an die Welt: Wenn ihr versucht, euch vom Dollar zu lösen, werden wir euch bombardieren, wie zuvor den Irak, Iran und Libyen.
Was könnte das nächste Ziel dieser Politik der Hegemonie oder sogar Unterwerfung sein?
Es ist weniger Südamerika als Europa. Trump sagte es ja selbst: Entweder ihr lasst uns Grönland kaufen, wie wir es mit Louisiana oder Florida gemacht haben, oder wir nehmen es uns. Das ist noch immer nicht ausgeschlossen. Interessanterweise begründet man dies mit reiner, geopolitischer Notwendigkeit. Schon anfang des 20. Jahrhunderts begannen die USA zunehmend, ihre faktische Rolle als imperiale Macht rhetorisch umzudeuten. Man stellte Expansion und Militärpräsenz nicht mehr als Machtausübung dar, sondern als widerwillig übernommene Verantwortung. Als sei man ein Imperium, das nicht herrschen will, sondern muss.
Für die USA ist Europa nur eine weitere Kolonie?
Im Gegensatz zum 19. und 20. Jahrhundert begrenzen die USA ihren Anspruch auf Vorherrschaft jedenfalls nicht mehr hauptsächlich auf Lateinamerika. Der Trumpismus bemüht sich seit längerem, die politische Landschaft in Europa in einer Art und Weise zu seinen Gunsten zu verändern, die an vergangene US-Interventionen in Lateinamerika erinnert. Etwa durch die Unterstützung rechtsextremer politischer Bewegungen, sei es Vox in Spanien, Viktor Orbáns Fidesz oder auch der AfD in Deutschland.
Wie sollte Europa darauf reagieren?
Mit radikalem Pragmatismus. Alte Gewissheiten der Nachkriegsordnung gelten nicht mehr. Die Gewaltandrohungen, mit denen die USA vormals vor allem dem sogenannten Globalen Süden begegnet sind, werden nun auch den einstigen Partnern zuteil. Wir Südamerikaner verstehen genau, wie traumatisch sich dies anfühlen muss. Aber das kann auch zu einem heilsamen Erwachen führen. Europa war mit den USA schon lange nicht mehr auf Augenhöhe. Das war eine Fiktion. Diese Erkenntnis kann zu größerer Souveränität und Handlungsfähigkeit führen.
„US-Latinos haben zwei zentrale Eigenschaften: Sie sind tendenziell politisch progressiv, aber auch sozial konservativ“
Wie werden die USA reagieren, wenn sich Europa emanzipiert?
Das ist schwer zu sagen. Das erste Land, das sich auf radikale Weise aus einer Umklammerung durch die USA löste, war Kuba. Das erklärt auch den Hass des Mannes, der eindeutig der Architekt der aktuellen Venezuela-Intervention ist: Marco Rubio, der aktuelle US-Außenminister. Seine Eltern emigrierten 1956 von Kuba nach Florida, er gehört zur Gemeinschaft der militant antikommunistischen Exil-Kubaner.
Es geht also letztlich um einen ideologisch motivierten Kampf?
Es ist zumindest kein Zufall, dass die Pressekonferenz zu Venezuela im Januar nicht in Washington stattfand, sondern in Mar-a-Lago in Florida.
Warum ist das bedeutsam?
Man darf nicht unterschätzen, wie elementar die Latino-Wählerschaft für die US-Innenpolitik und Trumps Machterhalt ist. Ab etwa dem Jahr 2040 wird die USA trotz aller Bemühungen der Administration keine weiße Mehrheitsgesellschaft mehr sein, und die am schnellsten wachsende Minderheit ist die der Latinos. Trump weiß, dass er diese Basis braucht. Gleichzeitig wissen die Republikaner, dass sie nur bis November dieses Jahres Zeit haben durchzuregieren, denn bei den Midterms, den Zwischenwahlen, droht ihnen der Verlust der Mehrheit im Repräsentantenhaus.
Denken Sie, dass Latinos in den USA nach dem Angriff auf Venezuela eher auf Trumps Seite stehen oder gegen ihn sind?
Man kann beide Reaktionen auf die Ereignisse beobachten. US-Latinos haben zwei zentrale Eigenschaften: Sie sind tendenziell politisch progressiv, aber auch sozial konservativ. Die trumpistischen Republikaner waren sehr gut darin, Letzteres zu kultivieren. Die Demokratische Partei verließ sich darauf, dass diese Community politisch progressiv bleiben würde – und das kostete sie die Wahl. So erklärt es sich teilweise, warum Trump ständig vom Krieg gegen die Drogen spricht. Es stimmt, dass es in den USA eine Drogenepidemie gibt, aber dabei geht es meist um Fentanyl, nicht Kokain. Fentanyl wird hauptsächlich nahe der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze produziert, bei der Herstellung nutzt man Chemikalien aus China. Man kann es nicht aus Pflanzen gewinnen und in den Drogenlaboren in Kolumbien oder Venezuela mit ihrer meist einfachen Ausstattung herstellen. Wenn Trump über diese Drogenkrise spricht, dann geht es nicht um Fakten, sondern um die sozial konservative Ausrichtung der Latinos.
Und sein Kalkül geht auf?
Wir werden sehen. Neben der Außenpolitik hat Trump in den USA eine Welle der Gewalt entfesselt. Wenige Tage nach der Invasion in Venezuela haben ICE-Agenten die weißen US-Bürger Renée Good und dann Alex Pretti in Minnesota auf der Straße erschossen. Aber die Gewalt trifft schon länger vor allem Latinos und wird von der Community genau registriert (Im Jahr 2025 sind 32 Menschen in ICE-Haft gestorben, von denen die allermeisten Latinos waren, Anm. d. Red). Aber es ist Fakt , dass erst jetzt, da diese Gewalt auch weiße US-Staatsbürger trifft, eine gesamtgesellschaftliche Bewegung entstanden ist, die Trump zu einem taktischen Rückzug gezwungen hat und ihn womöglich die Zwischenwahlen kosten könnte.