Sehnsucht nach Unschuld

Andrzej Stasiuk, Ausgabe II/2018, Helden



Warum in Polen jeder Versuch, die eigene Geschichte kritisch zu betrachten, als antipolnisch stigmatisiert wird und weshalb junge Männer heute Partisanen aus dem Zweiten Weltkrieg verehren

Wir werden wieder zu Kindern. Dabei sah es ein Vierteljahrhundert lang so aus, als würden wir erwachsen werden. Nach all den Jahren, in denen man es uns nicht erlaubt hatte. Russland erlaubte es nicht, die Kommunisten erlaubten es nicht, die Deutschen erlaubten es nicht, die Besatzer, die Okkupanten. Unsere Feinde verurteilten uns zur Unreife, zu ewiger Kindheit, zu Zweitrangigkeit, zu Verantwortungslosigkeit. Als 1989 der Kommunismus fiel, konnte man hoffen, dass diese Erzählung der Vergangenheit angehören würde. 2004, als wir der EU beitraten, schien sie endgültig begraben. Schließlich sind wir auf eigenen Wunsch beigetreten; es gab keine Annexion, keinen Überfall, keine Okkupation, allenfalls waren wir von unserer eigenen Geschichte und unserer riskanten geopolitischen Lage determiniert. Es sah so aus, als würden wir den Status des ewigen Opfers endlich aufgeben.

Doch nein. Er kam wieder. Der unwiderstehliche Wunsch nach Unschuld. Jeder Versuch, unsere Geschichte oder unsere Gegenwart kritisch zu betrachten, wird als antipolnische Handlung stigmatisiert. Die wichtigsten Politiker des Landes behaupten, die dunklen Seiten unserer Vergangenheit seien nicht von den Polen geschrieben worden, sondern zum Beispiel von den Kommunisten. Als wären diese »Kommunisten« durch die Annahme der kommunistischen Ideologie staatenlos geworden, als hätten sie damit automatisch ihre Staatsbürgerschaft und Nationalität eingebüßt. So spricht der Ministerpräsident, ein Historiker mit Magisterabschluss. Und all das, damit das Volk unschuldig und unbefleckt bleiben kann. Er sagt es im Zusammenhang mit dem März 1968. Damals wurden aus Polen die letzten Juden vertrieben, mehrere Zehntausend. Nachdem sie den Holocaust überlebt hatten, beschlossen sie dennoch, im Land des Holocaust zu bleiben. Die Aktion initiierte die damalige kommunistische Regierung, aber sie hätte es nicht getan, wenn sie sich nicht einer breiten gesellschaftlichen Unterstützung hätte sicher sein können. Es war nicht mehr die Zeit des stalinistischen Terrors. Die Kommunisten waren bemüht, unpopuläre Entscheidungen zu vermeiden.    
Es geht also um Unschuld. In deren Natur liegt es, permanent dem Angriff, der Gewalt ausgesetzt zu sein. Demonstrative, exponierte Unschuld verlangt geradezu nach Gewalt. Sie tritt nicht allein auf, sie tritt immer zusammen mit Gewalt auf, um Unschuld sein zu können. Das Opfer ist mit dem Henker verheiratet, das ist eine nicht aufzulösende Verbindung. Der Versuch, ständig das Opfer zu sein, hat etwas Perverses an sich. Dieser Versuch raubt Kraft und Glauben, er führt zur Selbsterniedrigung. Nach Meinung der derzeit Regierenden sind wir als Volk ein Opfer der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart, denn wir sind überall von Feinden umgeben, die es auf unsere Unschuld abgesehen haben, auf unsere Identität, unsere Werte, auf unsere Existenz und unseren Stolz.

Die neueste spektakuläre Aktion – zwar nicht von der Regierung angestoßen, aber hervorragend zu deren Politik passend – sind die großen LKW, die von Polen aus auf EU-Gebiet gefahren sind, vor allem nach Deutschland, mit der Aufschrift »#Respect Us. During WW2 Poles Saved Over 100.000 Jews«. Schwer zu sagen, woher die Zahl der Geretteten stammt, denn die Historiker streiten sich immer noch darüber. Ähnlich, wie sie sich über die Zahl der von den Polen getöteten Juden während der deutschen Okkupation streiten. Einige beziffern sie ebenfalls mit 100.000.

Unschuld wie auch Opfer müssen an Heldentum und Stolz gekoppelt sein, um Achtung zu verdienen. Nationalistische Organisationen, hauptsächlich aus jungen Menschen bestehend, die sich weder an die deutsche Besatzung noch an den Holocaust, noch an den Kommunismus erinnern können, marschieren durch die Straßen polnischer Städte und skandieren: »Stolz! Stolz! Nationaler Stolz!« Doch eigentlich weiß niemand, worauf sich dieser Stolz beziehen soll. Auf die Folge von Niederlagen, die Unglückssträhne, die wir als Opfernation 300 Jahre lang erlebt haben? Oder vielleicht auf die 100.000 Juden, die wir angeblich »during WW2« gerettet haben? Mit der zweiten Begründung gibt es ein gewisses Problem: In der nationalistischen Ideologie, vor allem der Vorkriegsideologie, aus der in direkter Linie die heutige hervorgegangen ist, nahmen die Juden die Rolle der eingeschworenen Feinde des Polentums ein, und das tun sie bis heute. Was sagt uns das also? Sind wir tatsächlich so christlich, dass wir auch die andere Wange hinhalten? Ausgerechnet die Nationalisten? Sie sind die letzte politische Kraft, die man im Verdacht haben könnte, die andere Wange hinzuhalten. Umso mehr, als man in diesen Aufmärschen und Manifestationen genauso oft wie »Stolz! Stolz!« den Ruf »Tod den Feinden des Vaterlands!« vernimmt.

Um aus diesem Widerspruch, aus dieser kognitiven Sackgasse herauszukommen, hat man als Nationalhelden die sogenannten »Verstoßenen Soldaten« gewählt. Zu ihnen gehörten Partisanenformationen, die nach dem Ende des Krieges die Niederlegung der Waffen verweigerten und den Kampf gegen die neuen Okkupanten – und zugleich Befreier – aufnahmen, das heißt, gegen die sowjetischen und polnischen Kommunisten. Ein Bürgerkrieg begann; denn wie sehr man sich auch in geistiger Gymnastik üben mochte – die polnischen Kommunisten waren trotz allem Polen. Auch die Gesellschaft stellte keinen antikommunistischen Monolithen dar. Die Menschen waren müde vom Krieg und sehnten sich vor allem nach Frieden. Die Kommunisten führten eine Agrarreform durch und teilten das Land unter den armen Bauern auf. Polen erstand allmählich wieder aus den Ruinen auf. Die neuen Machthaber versprachen den unterprivilegierten Gesellschaftsschichten einen raschen Aufstieg. Die Lage der »Verstoßenen Soldaten« war dramatisch. Auf einen Sieg hatten sie nicht die geringste Chance, nicht einmal aufs Überleben. Sie waren eine Art Desperados. In den Wäldern gefangen, gehetzt, von allen Seiten umzingelt, warteten sie auf den Ausbruch eines dritten Weltkrieges zwischen den Sowjets und dem Westen, was völlig irrational war. Bürgerkrieg ist die schlimmste Form des Krieges. Sie waren Helden einer hoffnungslosen Sache. Viele von ihnen fanden sich im Frieden nicht zurecht.

Manche wurden zu Banditen. Andere machten sich des Mordes an der Zivilbevölkerung schuldig, an Juden und Gefangenen. Wieder andere hatten eine frühere Kollaboration mit den deutschen Okkupanten auf dem Gewissen, die ihnen gegenüber der Bedrohung des kommunistischen Ostens als das kleinere Übel erschienen waren. Eine der berühmtesten Einheiten, die Brygada Świętokrzyska (Heilig-Kreuz-Brigade), zog sich an der Seite der deutschen Armee nach Westen zurück. Ihre Soldaten kamen im Kampf um oder sie wurden gefasst, gefoltert, vor kommunistische Gerichte gestellt, erschossen und an unbekannten Orten begraben. Sie waren wohl die Truppe mit dem tragischsten Schicksal in diesem Krieg. Aber ihre Rolle war alles andere als eindeutig. Sie sahen ihr Modell des Patriotismus als das einzig gültige an. Sie wollten das ganze Volk in den Abgrund der Selbstvernichtung ziehen. In den Abgrund der Selbstaufopferung, der Selbstverbrennung. Angesichts der Gleichgültigkeit des Westens, angesichts der Macht des Ostens konnte niemand mit gesundem Menschenverstand auf irgendeine Art von Erfolg hoffen, ganz zu schweigen von einem Sieg. Die wenigen Einzelnen, die überlebten, versteckten sich wie gejagtes Wild. Der letzte von ihnen wurde 1963 getötet.

Heute tragen junge Männer T-Shirts mit Bildern von ihnen. Sie marschieren mit Fackeln und schreien: »Stolz! Stolz! Nationaler Stolz!« und »Tod den Feinden des Vaterlands!« Sie sind zu jung, um sich an den Tod eines wirklichen Feindes zu erinnern. Wahrscheinlich haben sie überhaupt noch keinen Tod gesehen. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass sie sich vorstellen, sie seien bereit, für diese Parolen mit ihrem eigenen Tod zu bezahlen.

Seltsam ist die polnische Seele. Sie sehnt sich danach, jung zu sterben. Als fürchtete sie zu reifen, als fürchtete sie, etwas älter zu werden. Sie hat es eilig zu sterben, in der Angst, ihre Unschuld zu verlieren.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

 

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