Die Armee, das sind auch wir

Serhij Zhadan, Ausgabe II/2018, Helden



Wie geht die Ukraine mit den im Osten des Landes gefallenen Soldaten um?

In der Ukraine wird ununterbrochen über die Armee und die Soldaten gesprochen. Über wen soll man auch sonst reden? Auf den Soldaten ruhen die Hoffnungen, die Soldaten erhalten Unterstützung. Und natürlich müssen sie für alle innenpolitischen Diskussionen herhalten – von der Kulturpolitik bis zur Korruptionsbekämpfung. »Wenn unsere Soldaten von der Front kommen, dann fegen sie die ganzen korrupten Beamten weg.« Oder: »Ihr macht hier eure Konzerte, während unsere Soldaten in den Schützengräben hocken!« Was die Soldaten darüber denken, wird außer Acht gelassen. Um zu erfahren, was sie denken, müsste man in die Kriegsregion fahren. Doch diese Gedanken könnten unbequem sein. Viel einfacher ist es, den eigenen Standpunkt auf die Armee zu projizieren und ein Bild zu zeichnen, das der eigenen Meinung entspricht. Ein Bild, in dem die Armee jede erdenkliche Tugend verköpert, Nuancen aber überflüssig sind. Das Problem besteht nicht darin, dass die Wirklichkeit nicht unseren Vorstellungen entspricht. Das Problem sind unsere Vorstellungen, die mehr über unsere Ängste und Komplexe verraten als darüber,  wie wir die Realität wahrnehmen.

Die ukrainische Gesellschaft lässt es nicht zu, dass Soldaten den gängigen Vorstellungen, dem schönen und vereinfachten Bild, das die staatliche Propaganda so erfolgreich aufbaut, widersprechen. Im vierten Kriegsjahr, im vierten Jahr von Tod und dauerhafter Bedrohung, ignorieren viele von uns die Tatsache, dass die Armee ein einfaches, aber recht genaues Abbild der Gesellschaft darstellt. Sie ist ein Spiegelbild von uns und unseren Idealen, unseren Träumen und Schwächen. Die Armee, das sind also auch wir. Wenn wir über Helden in diesem Krieg sprechen, brauchen wir einfach nur auf die Straße zu gehen und zu schauen, wer uns dort begegnet.

Wir lernten ihn im Basislager seines Bataillons kennen. Wir wollten gegen Abend aus einem kleinen Ort in Frontnähe zurückfahren, zurück ins ruhige Charkiw im Hinterland. Er fragte, ob wir ihn mitnehmen könnten. Er wollte von Charkiw weiter nach Poltawa, wo er jetzt lebt. Wir kamen ins Gespräch. Er war aus Donezk. Hatte dort eine Firma. Schloss sich dem Maidan an. Im Frühjahr 2014 beteiligte er sich an proukrainischen Kundgebungen, die damals im Osten des Landes begannen. Die Separatisten wurden auf ihn aufmerksam, er war eine bekannte Figur in der Stadt. Jemand warnte ihn rechtzeitig, und er kam noch weg. Natürlich musste er alles zurücklassen. Er zog in ein Gebiet, das sich unter ukrainischer Kontrolle befand. Meldete sich als Freiwilliger an die Front. Was gar nicht so einfach war, weil der Verwaltungsapparat schwerfällig auf Stimmungen und Bedürfnisse reagiert. Irgendwann landete er doch in einem Freiwilligenbataillon. Das dritte Jahr kämpft er nun schon ein paar Dutzend Kilometer von seiner Wohnung entfernt, in der jetzt jemand anderes lebt. Er spricht immer noch Russisch und hat so gar nichts von einem Fernsehstar. Vermutlich ist er auf diese Rolle auch gar nicht vorbereitet. Wie die meisten Ukrainer, die im Winter 2013/14 in ihren Städten auf die Straße gegangen sind, um gegen das alte Regime zu protestieren, oder die im Frühjahr und Sommer 2014 de facto die ukrainische Armee aufgebaut haben.

Die Erschaffung der neuen Helden begann schon in dem Moment, als auf dem Maidan in Kiew die ersten Opfer zu beklagen waren. Ich glaube, da begriffen viele von uns, dass wir nicht einfach nur Zeugen einer weiteren politischen Krise sind, sondern dass wir Zeugen und Beteiligte von entscheidenden und blutigen Ereignissen waren. Von historischen Ereignissen, wie es so schön heißt. Solche Ereignisse verändern die Geschichte eines Landes. Und sie ändern das Heldenbild. Helden dienen später als Erinnerung und als Symbol für die Ereignisse, die sich zugetragen haben. Die ukrainische Revolution endete mit der Erschießung von Demonstranten auf den Straßen von Kiew. Ganz schnell war der Ausdruck »Himmlische Hundert« entstanden, der diejenigen Kämpfer bezeichnete, deren Blutvergießen dazu führte, dass es kein Zurück mehr gab. Schnell fand die Bezeichnung Eingang in den offiziellen Gebrauch. Porträts der Himmlischen Hundert hängen heute nicht nur in der Öffentlichkeit, sie werden auch in ukrainischen Schulen verwendet. In einer zivilgesellschaftlichen Bewegung wurden Menschen zu Helden erklärt, doch im Handumdrehen wurde diese Definition von der neuen Führung übernommen. Die Darstellung der Ereignisse von vor vier Jahren hat nun einen Beigeschmack von Staatsnähe. Der Diskurs wird verzerrt, weil das zivilgesellschaftliche Bedürfnis, neue Helden und neue Bedeutungen zu schaffen, unerwartet mit der offiziellen ideologischen Linie zusammenfällt.

Die ersten Toten in der ukrainischen Armee im Frühjahr 2014 schockierten uns. Von Anfang an wurden die Namen der gefallenen Kämpfer verehrt. Im Internet kursieren viele Videos, die zeigen, wie die Ukrainer gefallenen Soldaten begegnen: Dutzende Menschen fallen auf die Knie, wenn die Trauerprozession vorüberzieht. Gleichzeitig wird das Verhalten der »anderen Seite«, der Separatisten und russischen Verantwortlichen, hervorgehoben. Es heißt, sie hielten ihre Opferzahlen geheim und bestatteten die Gefallenen in namenlosen Gräbern. Die Propagandamaterialien aus Moskau und den besetzten Gebieten zeigen, dass in den Straßen von Donezk sehr wohl Porträts von gefallenen Separatisten hängen. Vermutlich wird auf beiden Seiten an der Formierung eines neuen Helden gearbeitet.

Trotz aller propagandistischen Rhetorik und ideologischen Nebentöne, ist die Schaffung eines neuen Heldenbildes für die ukrainische Gesellschaft sehr wichtig. Erklären lässt sich das mit der ukrainischen Geschichte, mit ihrer bisherigen Vision, die sich ausschließlich auf Niederlagen und Misserfolge stützt. Der neue Held muss ein Sieger sein, er muss als Ersatz für eine neue Ideologie dienen: Die Ukrainer wollen ihre Identität nicht länger auf Niederlagen und Kompromisse gründen. Dieser schwierige und schmerzhafte Weg der Umgestaltung vieler Dinge, die für die Gesellschaft essenziell sind, hat auf dem Maidan begonnen und dauert bis heute an. Und er wird sich weiter fortsetzen, zumindest, bis der Krieg zu Ende ist.

Ein Beispiel dafür ist die Stilisierung der ukrainischen »Cyborgs« zu Helden, also der Soldaten, die 2014 und 2015 den Flughafen Donezk verteidigten. Die Bezeichnung »Cyborg«, die die Separatisten in Umlauf gebracht hatten, hat sich in den ukrainischen Medien durchgesetzt.
Der Slogan »Helden sterben nicht« ist in den letzten vier Jahren häufig verwendet worden. Im Krieg klingt vieles, was in Friedenszeiten durch sein Pathos abschreckend wirken würden, ehrlich. Es zeigt, dass die Gesellschaft in den Handlungen ihrer Mitmenschen Heldentum erkennt und ein neues kollektives Gedächtnis schaffen will. Ein Gedächtnis, in dem Platz ist für ein persönliches oder kollektives Heldentum und das die neue Wirklichkeit reflektiert.

Der neue Held verdrängt seinen Vorgänger. Dies ist schmerzhaft. Symptomatisch ist dafür zum Beispiel die Beseitigung des kommunistischen Erbes, zu der auch eine kollektive Abkehr von den alten Helden gehört. Ich kann mich noch gut an eine Diskussion erinnern, die ich mit Maidan-Gegnern im Februar oder März 2014 in Charkiw geführt habe. Es ging um den Abriss des Lenin-Denkmals. Meinen Gesprächspartnern war wichtig, dass das Denkmal als sakrales Symbol an seinem Platz verblieb, obwohl sie den sakralen Gehalt nicht erklären konnten und die ganze Diskussion auf die bekannte Formulierung »das ist doch unsere Geschichte« reduzierten. Eigentlich hätten sie sagen müssen: »Das ist unsere Version der Geschichte, das ist die Geschichte, wie sie uns gelehrt wurde und wie wir sie mit all ihren Helden und Antihelden akzeptiert haben.« Dieser Konflikt und die Unvereinbarkeit der alten und neuen Helden sind dramatisch. Dieser schwierige Prozess wird nicht nur die Toponymie der Stadt, die Namen von Straßen und Plätzen verändern, er ändert auch die innere Toponymie: die eigene Wahrnehmung, das Verständnis von der Welt. Dazu sind längst nicht alle bereit. Niemand ist darauf eingestellt, dass neue Helden kommen. Und ebenso wenig darauf, dass die alten sterben.

Irgendwelche Schlüsse zu ziehen, ist schwer. Der Krieg geht weiter, er fordert Tote und zerstört Hunderte Schicksale. Und solange noch niemand sagen kann, wann er zu Ende geht, ist auch schwer vorauszusehen, wie er sich in der Gesellschaft abbildet und welche Rolle Helden dabei spielen. Wie gut wird es ihnen in einem Land gehen, das der Krieg auszehrt, wie sicher werden sie sich fühlen in einem Staat, der nicht bereit ist zum Dialog mit seinen Bürgern, wie natürlich werden sie sich in einen Kultur- und Informationsraum einfügen, der immer wieder den Versuchungen der Vereinfachung und ideologischen Konjunktur erliegt? Wir Ukrainer sollten uns eines klarmachen: Jeder Held ist in erster Linie ein lebender Mensch, der weniger Verehrung und Huldigung als vielmehr elementare Unterstützung und Solidarität braucht von denen, die keine Helden sind.

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

 

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