Zu Besuch bei Feinden

Lizzie Doron, Ausgabe II/2018, Helden



Was ich über Heldentum gelernt habe, als ich palästinensischen Kämpfern zuhörte

Meine Kindheit war die einer Verliererin. Meine Eltern entkamen dem Holocaust, aber sie hielten nie eine Waffe in der Hand, haben nicht gekämpft, während der Feind ihre Familien tötete. Ich wuchs sozusagen in einem Antihelden-Haushalt auf.

Im neu gegründeten Staat Israel veränderte sich die Vorstellung davon, was es heißt, Jude zu sein. Unsere Geschichte basierte bis dahin auf intellektuellem Bibelstudium und einem Leben in der religiösen Gemeinschaft. Unsere neue Identität, die den Namen »Israeli« trug, baute darauf auf, jemand zu sein, der auf dem Feld arbeitet, Land urbar macht – und dessen Hauptziel es ist, als Kämpfer die Armee des jungen Staates zu stärken. Wir wollten nicht nur die Vergangenheit überwinden, sondern ein für alle Mal für die Zukunft gewappnet sein. Wir wollten Helden sein. Ich erinnere mich, wie begeistert ich war, wenn ich Uniformierte mit Waffen sah. Im Kindergarten spielten wir nicht mit Puppen, wir spielten mit Panzern und Flugzeugen. Unser junger Staat musste gegen alle Feinde von außen verteidigt werden, das war gesellschaftlicher Konsens. Wir waren immer Opfer gewesen. Nun war es an uns Juden, siegreich zu sein. Die Psychologie des Opfers ist kompliziert. Von außen erscheint es schwach. Aber es ist sehr gefährlich.

In den Träumen meiner Kindheit war ich eine gut trainierte Läuferin. Ich musste darin entweder vor den Deutschen oder den Arabern fliehen. Jede Nacht fiel ich in ein anderes tiefes Loch im Boden, versteckte mich dort und tüftelte die beste Kampfstrategie aus, um meine Verfolger zu töten. Ich war, wohlgemerkt, erst vier oder fünf Jahre alt. Als ich etwas älter war, las ich viele Heldengeschichten und suchte mir vor allem Geschichten über israelische Helden aus. Unter ihnen waren auch Frauen, zum Beispiel Pionierinnen, die nachts die Grenze bewachten. Auch die Frauen mussten die Staatsräson mittragen.

Ich wuchs ohne Vater auf. Er starb, als ich acht war, aber meine Mutter hat das nie in aller Deutlichkeit ausgesprochen. Wir taten so, als wäre er einfach irgendwo weit weg. Als ich mit 18 Jahren zur Armee ging, wurde ich nach meinem Vater gefragt. Erst da habe ich zum ersten Mal wirklich ausgesprochen, dass er tot ist. Ich wurde gefragt, wie er gestorben ist. Und dann sagte ich etwas, was tief aus meinem Innern zu kommen schien, ich glaube, aus meinen Träumen: Ich sagte, er starb im Unabhängigkeitskrieg. Alle schauten mich verblüfft an: Das kann nicht sein, du bist 1953 geboren und der Unabhängigkeitskrieg war 1948! Ich hatte einfach mein Wunschdenken ausgesprochen. Ich wollte so sehr, dass mein Vater ein Kriegsheld war – schließlich lassen die meisten Helden in unseren Geschichten am Ende ihr Leben. In Wirklichkeit ist mein Vater an Tuberkulose gestorben. Unser Ministerpräsident Benjamin Netanjahu behauptete übrigens einmal, sein Impuls, für die Freiheit Israels zu kämpfen, stamme aus der Zeit der britischen Besatzung des Landes. Aber Netanjahu wurde erst später, nach Beendigung der Besatzung geboren. Er wurde deshalb überall Lügner genannt – und das ist er natürlich auch. Aber diese Episode war für mich ein Zeichen dafür, dass nicht nur ich eine seltsam verzogene Perspektive hatte. Sie ist eng verknüpft mit unserem Trauma. Israels psychologische Innenwelt hat so viele Schichten; sie sind zu unserer Prägung geworden fast wie ein genetisches Programm. Denn wir haben ja nicht nur ein kompliziertes Innenleben, sondern auch tatsächlich Feinde, die unsere Existenz als Staat bedrohen.

Als ich im Wehrdienst das erste Mal eine Waffe in der Hand hielt, dachte ich sofort: Ich muss meiner Mutter erzählen, dass ich nun weiß, wie man jemanden tötet. Ich war unglaublich stolz. Sie aber war weise und sagte: Wenn du jemanden tötest, ist es viel wahrscheinlicher, selbst getötet zu werden. Denke nicht, das ist Heldentum. Es ist Dummheit! Ich bin mit Freunden aufgewachsen, die auch Kinder von Holocaust-Überlebenden waren. Wir alle träumten davon, Helden zu sein. Wir hatten wenig Glück. Wir traten 1973 unseren Armeedienst an, im Jahr des Jom-Kippur-Krieges, des vierten arabisch-israelischen Krieges. Sieben meiner Freunde starben. Das war für mich ein Wendepunkt. Man darf nicht nur auf vermeintliches Heldentum blicken. Es ist ein hoher Preis, den wir zahlen müssen.

Jede Nation hat ihr Narrativ, ihren gesellschaftlichen Konsens. Für Israel heißt er: Wir sind in Gefahr – darum müssen wir stark sein und brauchen starke Führer. Um diesen Konsens aufrechtzuerhalten, haben wir eine Menge Gedenktage für Soldaten, Holocaust-Überlebende und zivile Opfer. Wir zählen immer wieder unsere Toten und stellen fest, dass es viele sind. Das befüttert die tief verwurzelten Helden- und Märtyrerträume, sie halten uns im nicht enden wollenden Nahost-Konflikts gefangen. Uns fehlt eine alternative Erzählung, um das System zu durchbrechen.

Während des Jom-Kippur-Krieges begann sich dieser Konsens für mich zum ersten Mal falsch anzufühlen. Ich schloß mich Linken an, Friedensaktivisten, aber wir waren nur eine kleine Gruppe. Ich gab es auf und widmete mich wieder meinem Leben. Später mussten mein Mann, dann meine Kinder zur Armee. Wieder fand ich in mir den Impuls, den Feind, also die Palästinenser, kennenzulernen. 2009 entschloss ich mich dazu. Für mich war damals jeder Palästinenser eigentlich ein Terrorist, ein Mörder, dessen Leute meine sieben besten Freunde getötet hatten. Ich begann mich zunächst regelmäßig für ein Buchprojekt mit einem palästinensischen Journalisten zu treffen. Bei diesen Treffen wollte ich auch herausfinden, was es heute im Nahen Osten heißt, ein Held zu sein. Du musst die Perspektive wechseln, um dich auf die Geschichte der anderen einlassen zu können. Es ist wie eine innere Revolution, die du durchleben musst. Sie ist schwierig, denn man hat ja seine eigenen Toten zu betrauern. Aber ich musste feststellen: Die Parallelen auf beiden Seiten sind verblüffend. Du erzählst deine Geschichte und hörst ein Echo, es ist die Geschichte deines Feindes. Ich denke, in Bosnien oder Irland ist es ganz ähnlich. Überall, wo es solche Kriege gibt, müsste jemand ein unverstelltes Bild des Feindes zeichnen. Ich habe auch festgestellt, dass wir einen absurden Konkurrenzkampf führen: Wer hat mehr gelitten, wer hat mehr Opfer gebracht? Und gleichzeitig wollen auch die Palästinenser Helden sein. Wie wir glorifizieren sie Krieger, glorifizieren sie den Krieg und die Entscheidung, darin Selbstmord zu begehen. Dabei ist das verrückt! Wirklich verrückt! Was, zum Teufel, soll das für ein Traum sein, wie können wir so leben?

Ich hoffe, die Leute realisieren langsam, dass es ein endloser Krieg ist. Wir überprüfen seine Notwendigkeit gar nicht mehr. Wir zweifeln nicht mehr, es ist wie eine religiöse Doktrin: Gott befiehlt, und du zweifelst nicht. Der Kampf in der Armee ist ein Teil dieser Logik. Der Militärdienst ist uns so selbstverständlich wie den Berlinern die U-Bahn. Heute glaube ich, wir können nur etwas verändern, wenn wir bereit sind, uns dem gesellschaftlichen Konsens zu widersetzen. Das ist meine Definition von Heldentum. Nicht nur in Israel, auch in Bewegungen wie der #MeToo-Bewegung geht es um Menschen, die Grundannahmen infrage stellen. Dafür muss man zunächst Abstand gewinnen, rauszoomen, als ersten Schritt, etwas zu hinterfragen. Dafür brauchen meine Helden keine Waffen, keine Uniformen.

Von Zeit zu Zeit höre ich im Traum die Stimmen meiner toten Freunde, die fragen, ob ich eine Kollaborateurin bin. Heute sehe ich sie nicht mehr als Märtyrer. Sie folgten den Träumen der politischen Führer. Zu der Zeit waren wir überzeugt, dass wir das Land beschützen müssen. Aber im Nachhinein betrachtet, war es vermutlich ein Fehler, sein Leben für diesen Krieg zu verlieren. Vielleicht hätten wir andere Lösungen gefunden.

Aber auch heute haben wir wohl noch nicht die richtigen Argumente, die richtige Sprache gefunden, um einander zu überzeugen. Ich werde auch weiter die Geschichten der anderen aufschreiben. Es ist, als sei ich in einen Zug umgestiegen, der in eine andere Richtung fährt; es ist nicht mehr möglich, in den alten umzusteigen. Der Humor, der meine Bücher prägt, ist dabei meine Beruhigungspille. Ich muss einfach zynisch sein. Auch bei meinen palästinensischen Freunden kann ich das beobachten, Opfer haben oft einen wunderbaren Sinn für Humor. Neulich ging ich mit Suliman, dem palästinensichen Leiter der Friedensorganisation »Combattants for Peace« in einem feinen Restaurant in Jerusalem essen. Suliman liebt es, barfuß zu sein, und zog seine Schuhe aus. Alle anderen Gäste starrten ihn an wie einen Verrückten. Ich machte ihn vorsichtig darauf aufmerksam. Er entgegnete: »Sag ihnen doch, besser, ich bin barfuß, als dass ich in jeder Hand eine Handgranate halte.«
Wir konnten nicht aufhören zu lachen.     

Protokolliert von Friederike Biron

 

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