Stress in den Tropen

Daniela Chiaretti, Ausgabe I/2018, Erde, wie geht's?



Im Amazonasgebiet leben 30 Millionen Menschen. Wirtschaftliche Entwicklung und Naturschutz sind für sie kaum zu vereinbaren

Die Wajãpi leben in der Amazonasregion im Norden Brasiliens, unweit der Grenze zu Französisch Guayana. Sie erzählen, dass ihre Vorfahren mehr als einmal wegen Übervölkerung und nicht nachhaltiger Nutzung der natürlichen Ressourcen ihre Heimat verlassen mussten. Sie sagen, ihr derzeitiger Wohnort sei ihr »dritter Planet«. Die Botschaft ist klar: Der Stress, dem die Natur ausgesetzt ist, fordert seinen Tribut und wer diese Erfahrung einmal gemacht hat, kann die Bedrohungen erkennen und auf die Veränderungen reagieren.

»Das Interessante an den Äußerungen der Wajãpi ist, dass sie die Besorgnis einer Gruppe ausdrücken, die schon einmal ihren Wohnort wechseln musste, weil zu viele Menschen die natürlichen Ressourcen ausbeuteten«, so Adriana Ramos, Maßnahmenkoordinatorin des Sozial- und Umwelt-Instituts (ISA), einer der wichtigsten Nichtregierungsorganisationen, die in Brasilien mit indigenen Gruppen arbeiten. »Würden wir den Indigenen vorurteilsfrei gegenübertreten, könnten wir mit unserem Wissen schon viel weiter sein. Aber wir warten immer auf die Bestätigung der westlichen Wissenschaft für das, was sie uns schon lange sagen«, erklärt sie.

Die brasilianische Amazonasregion erstreckt sich über fünf Millionen Quadratkilometer, das sind fast sechzig Prozent der Gesamtfläche Brasiliens. Das Grün hat hier die verschiedensten Facetten, je nachdem, ob man sich im tropischen Regenwald oder in der Ebene befindet. Der Wald ist nicht monoton grün, geschweige denn unbewohnt. Es leben dort über dreißig Millionen Menschen, viele davon in Städten wie Manaus oder Belém, andere an den Flussläufen und Wasserwegen und wieder andere inmitten des Urwalds wie etwa die Kautschuksammler. Die Debatten mit Wissenschaftlern und Umweltschützern kreisen permanent um den Spagat zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung der Region und dem gleichzeitigen Schutz der Biodiversität.

In der Amazonasregion gibt es 419 indigene Gebiete. Die Völker des Waldes sind hier die Beschützer ihres Lebensraums. Jüngste Erhebungen zur Abholzung zeigen, dass im Zeitraum von August 2016 bis Juli 2017 6.624 Quadratkilometer Wald abgeholzt wurden; nur zwei Prozent dieser Rodungen fanden innerhalb von indigenen Gebieten statt. Über drei Viertel der Abholzungen in indigenen Gebieten konzentrieren sich wiederum auf zehn Regionen, die sich alle in der Nähe großer Bauprojekte befinden, darunter die riesigen Wasserkraftwerke von Santo Antônio und Jirau im Bundensstaat Rondônia oder das Kraftwerk von Belo Monte im Bundesstaat Pará. Die Bauprojekte fördern das Bevölkerungswachstum in der Region und bringen mehr Geld in Umlauf. Hinzu kommt die mangelhafte Überwachung der Bauprojekte, weshalb das Eindringen von Holzfällern in indigenes Land nicht verhindert wird. Schätzungen zufolge gibt es in Brasilien über 200 indigene Völker mit unterschiedlichen Weltanschauungen, Sprachen und Traditionen. Dieses riesige Wissensarchiv wird selten von den Kanälen traditioneller Wissenschaften angezapft. Das Umweltinstitut ISA arbeitet seit einiger Zeit an der politischen Bildung und dem Wissensaustausch in Sachen Klimawandel. Hierfür kommen zwanzig Anführer von 17 Ethnien zusammen. Bislang fand ihr reichhaltiges Wissen in der Klimadebatte kaum Beachtung. »Die Indigenen werden hinzugeholt, um Fragen zu beantworten, die Weiße schon gestellt haben«, so Adriana Ramos. »Wenn wir aber von den Erfahrungen und der Lebensrealität der Indigenen ausgehen würden, könnten andere Sichtweisen und andere Fragestellungen Gehör finden«, fährt sie fort. Mit ihren Aussagen provoziert Ramos die Wissenschaftler des Weltklimarats der UNO, IPCC, der die Erkenntnisse der Klimaforschung auf globaler Ebene sammelt und zusammenfasst. »Wenn es innerhalb des IPCC einen Wissensaustausch mit Indigenen gäbe, wären wir schon viel weiter«, sagt sie. Die Indigenen beobachten die Indikatoren des Klimawandels. Sie haben im Blick, wie sich die Bestände bei Insekten oder Fischen, die Rodungen und die Ernteerträge entwickeln.

Der Wald selbst spiegelt die Veränderungen wider. Im Zeitraum von 2005 bis 2017 wurden im Amazonas-Gebiet sechs extreme Naturereignisse registriert, darunter große Dürren und starke Hochwasser. »Das haben wir nie zuvor erlebt«, so der Klimaforscher Carlos Nobre. Vorher kamen Dürreperioden etwa alle zwanzig Jahre vor. »Diese Intervalle gaben den Wäldern Zeit, sich zu erholen. Jetzt hat das Ökosystem begonnen, wie wild zu oszillieren, das Gleichgewicht ist fragil geworden und wir wissen noch nicht genau, warum«, erklärt Nobre.

Im Amazonasgebiet sind noch immer die Auswirkungen des Wetterphänomens El Niño zu spüren, das zu Temperaturveränderungen im Pazifik geführt hat. Das Ökosystem leidet auch darunter, wenn die Wassertemperatur im Nordatlantik höher ist als im Südatlantik. Zu den natürlichen Entwicklungen kommen die Folgen menschlicher Aktivitäten hinzu. Waldbrände nehmen aufgrund der Brand­rodungen für die Landwirtschaft massiv zu. Im September 2017 hat die brasilianische Weltraumbehörde INPE die mithilfe von Satelliten den Waldverlust beobachtet, die größte Zahl an Waldbränden in den letzten 25 Jahren in Brasilien registriert.

Eine aktuelle Bestandsaufnahme des Urwalds zeigt, dass etwa zwanzig Prozent des Waldes bereits nicht mehr stehen. Im Jahr 2014 waren laut einer Studie von Antonio Nobre bereits etwa 42 Milliarden Bäume durch das fortwährende Eindringen in das Amazonas-Gebiet in den vorhergehenden vierzig Jahren zerstört worden. Die Zerstörung des Waldes verhindert die Speicherung und Weiterleitung von Feuchtigkeit in andere Regionen und die Temperaturregulierung durch die Vegetation. Die direkten Auswirkungen auf den Südwesten des Landes, insbesondere São Paulo, bedürfen noch näherer Untersuchungen, aber es ist bereits offensichtlich, dass das komplexe System der Natur ganzheitlich wirkt und funktioniert. Greift man an einer Stelle ein, spürt eine andere die Auswirkungen.

Carlos Nobre sagt, Brasilien sei die Reduktion der Abholzung im Zeitraum von 2005 bis 2014 nur durch bessere Überwachung gelungen. Die brasilianische Gesetzgebung erlaubt Landbesitzern in Amazonien, zwanzig Prozent ihres Landes zu roden, und verpflichtet sie, achtzig Prozent intakt zu lassen. Unter Forschern festigt sich aber immer mehr die Haltung, die Abholzung im Land vollständig zu stoppen. "Abholzung ist schädlich, das Land braucht keine weiteren Freiflächen", so Paulo Barreto, Forscher am Institut Mensch und Umwelt in Amazonien, Imazon. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass sich Abholzungen und Brandrodungen negativ auf die Gesundheit von Menschen und Tieren in der Region auswirken und dass das Ausbleiben von Niederschlägen die Landwirtschaft schädigt. Die Brandrodungen sind außerdem für 26 Prozent der Treibhausgas-Emissionen in Brasilien verantwortlich. "Die Rodungen im Amazonasgebiet zu bekämpfen ist eine der einfachsten Stellschrauben beim Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft", ist Barreto überzeugt.

Unter der aktuellen Regierung von Präsident Temer gibt es allerdings kaum Anlass zu Optimismus für den Urwald. Das Wald-Überwachungssystem mittels Satellitenbildern ist von Kürzungen bedroht. Auch die Mittel des Umweltministeriums wurden stark reduziert. "Diese Kürzungen machen eine Überwachung der Rodungen in der Amazonas-Region, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten durchgeführt wurden, schier unmöglich", befürchtet der Umweltphysiker Paulo Artaxo von der Universität von São Paulo. Überraschend ist diese Entwicklung für ihn aber nicht: "Das brasilianische Parlament wird von Vertretern der Großgrundbesitzer dominiert und diese arbeiten daran, sämtliche Kontrollinstrumente der Abholzungen im Amazonasgebiet systematisch zu zerstören", so der pessimistische Ausblick Artaxos.



Aus dem Portugiesischen von Christiane Quandt

 

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