Frei sprechen

Shumona Sinha, Ausgabe IV/2017, Une Grande Nation



Als Einwanderer lebt man zwischen den Kulturen. In der Sprache aber kann man ein neues Zuhause finden

Ich habe meine Zeit der Unschuld bei den Bengalen verbracht. Und mich durch die französische Sprache emanzipiert. Blicke ich zurück, sehe ich ein Land, das mich liebt, aber nicht mehr versteht, und vor mir sehe ich ein anderes Land, das unermüdlich versucht, mich zu verstehen: meinen Ausgangspunkt und meine Irrwege, meine verdeckten Motive und verräterischen Träume, meine Daseinsberechtigung, hier, unter ihnen. Denn ich werde niemals den richtigen Kopf haben, um als Europäerin zu gelten, obwohl ich mehrere europäische Sprachen spreche und mein literarisches Werk in einer europäischen Sprache geschrieben habe.

Der Turm der Sprache ragt auf, die Fremden schwirren und flattern um ihn herum, picken sich etwas heraus, hinterlassen ein bisschen Mist, aber es wird ihnen nicht gelingen, ihr Nest zu bauen. Das Recht der Sprache ist ebenso unbeugsam wie das Recht des Bodens, zudem abstrakter und verschwommener, man kann weder Karte noch Gebiet ausmachen.

Ich werde regelmäßig eingeladen, an Diskussionen zum Thema Identität teilzunehmen. Natürlich stelle ich in meinen Büchern die Frage nach den Bedingungen eines Lebens als Migrantin, demnach sollte es nur legitim sein, sie an mich zurückzuspielen. Sorge bereitet mir aber, dass man mich durch die permanente Frage nach meiner eigenen Biografie und meinen Wurzeln auf eine ethnische Identität reduziert, in Frankreich wie in anderen Ländern Europas. Auch die Bitte um diesen Artikel zeugt davon. Das rührt daher, dass die europäische Demografie der vergangenen Jahre einen radikalen Wandel vollzogen und der islamistische Fanatismus zugenommen hat. Die Stellung aller nicht christlichen Frauen und Männer auf europäischem Territorium ist in Zweifel gezogen.

Die Konfrontation der unterschiedlichen Zivilisationen hat die Sitten und Gebräuche zerrüttet, und das literarische Milieu ist davon leider nicht unberührt geblieben: Es reflektiert dieselbe Angst vor den Nachbarn, den Ausländern, den Anderen.

Wo sind die eigenen Wurzeln, und welchen Schaden richtet es an, sie auszureißen, sie durch- und abzuschneiden und an einem anderen Ort wieder einzupflanzen? Diese hartnäckigen Fragen in der Gesellschaft unterwandern das Vertrauen und zerstören die Hoffnung. In einigen Pariser Stadtvierteln zeigt sich ein großer Widerstand gegenüber Fremden aus südlichen Ländern. Und da man das Leben nicht austauschen kann, tauscht man das Viertel, zieht um, ein-, zwei-, dreimal in Folge. Wie ein Hund, der sich in seinem Körbchen immerzu um die eigene Achse dreht, bevor er die ideale Schlafposition findet, irrt man durch Paris, von Norden nach Süden, von Osten nach Westen. Es gibt immer einen ersten Zwischenfall, der als »rassistische« Tat bezeichnet werden kann. Dann folgen weitere, immer mehr, man gewöhnt sich daran, nennt es einen »gewähnlichen Rassismus«. Der Fremde beginnt irgendwann an der Gültigkeit seines neuen Ausweises – in den Farben Blau und Weiß – zu zweifeln, als sei er nichts als eine weitere Bürde, nämlich jene, seine Legitimität beweisen zu müssen. Letztendlich wird der Fremde verstehen, dass er sich niemals von sich selbst entfernen kann, weder von seinem Bild noch seinem Schatten. Er wird sich niemals aus den Problemzonen entfernen können, denn er trägt sie in sich, in seinem Gesicht, an seinem ganzen Körper, wie die vergammelte Karte eines fernen Landes. Die Zone ist er selbst.

Die Neugier auf die Hautfarbe ist unersättlich. Immerzu versucht man sie mit einem passenden Wort zu etikettieren. Die Haut und das Wort stigmatisieren sich gegenseitig, unablässig. Das Bild, das die Gesellschaft reflektiert, wird vom literarischen Milieu zwar als Problematik aufgegriffen, allerdings nur, um sich hervorzutun und daraus einen Diskussionsgegenstand zu machen, den zu verhandeln immer und immer noch die »ausländischen« Schriftsteller geladen werden; ein Katzentisch, ein Zoo für bedrohte Tierarten. Ich nenne das die Ethno-Überlegenheit, die paternalistische Haltung der weißen Rasse, die sich für ihre vermeintliche Vorherrschaft entschuldigen möchte. Das ist eine edle Absicht, aber ebenso abwertend und letztendlich kontraproduktiv.

Die eigentliche Frage müsste nach meiner sprachlichen Identität gestellt werden und danach, wie ich sie als Künstlerin verwende. Die Sprache ist nicht nur dazu da, eine Botschaft zu transportieren, sie ist Botschaft. Jeder ernst zu nehmende Schriftsteller verformt seine Sprache, Muttersprache hin oder her, misshandelt und verkehrt sie, lässt sie implodieren, um seine Sprache zu entwickeln, eine Sprache im Inneren der Sprache. Jeder ernstzunehmende Schriftsteller überschreitet seine Grenzen, um ins Innere seines Textes zu gelangen. Natürlich verläuft diese »Sprach«-Reise, wenn man »anderswo« geboren wurde, in Riesenschritten, und die Implosion geschieht in einem rasanten Tempo.

Ich beziehe mich hier auf einen Artikel, den ich in diesem Jahr anlässlich der Woche der Frankophonie für die Libération verfasst habe: Ein einziges Wort reicht aus, um meinen Weg zu beschreiben: Langueagement – Sprache ist Engagement. War das Schreiben auf Bengalisch – einer Regionalsprache in Indien, das von der nationalistischen Kultur der Hindi-Sprache dominiert wurde – im jugendlichen Alter die erste Stufe meines Widerstands, so bildete meine Entscheidung, auf Französisch zu schreiben, angesichts der imperialistischen Vormachtstellung des Englischen die zweite Stufe. Vielleicht war das meine persönliche Entkolonialisierung. Für einen bengalischen Schriftsteller, der von Kindheit an Zugang zur Weltliteratur hatte, besonders zur russischen, ist es geradezu revolutionär, auf Französisch schreiben zu wollen, denn das Französische ist eine konzeptionelle Sprache, anspruchsvoll und schwerfällig. Seine Grammatik verlangt geradezu nach einem analytischen und rationalen Umgang, im Gegensatz zur transparenten Anschaulichkeit des Bengalischen. Der Geschmack des Lebens ändert sich mit der Sprache, in der man lebt. Sie ist nicht nur Mittel zum Ausdruck, sie ist der Ausdruck. In einer fremden Sprache zu schreiben verwandelt und zersetzt nicht nur die Form, sondern auch die Substanz des Gedanken. Ich bin kein Mischling durch Geburt, sondern ein Mischling der Kulturen, der hybride Texte schreibt.

Schreibt man in einer angenommenen Sprache, lebt man in einem Zustand der sprachlichen Unruhe, in der Versuchung, den Ursprung jedes Wortes zu erklimmen. Nicht wie ein Wissenschaftler, sondern wie ein Entdecker, ein Fallensteller, der sich verirrt hat und sich grabend und wühlend einen Weg durch den Dschungel bahnt.

Nach den ersten Jahren der Schizophrenie, des Nebeneinanders von Leben und Sprachen, die die Träume heimsuchten, wurde die Entscheidung für die französische Sprache langsam zu einer bewussten und persönlichen politischen Geste. Französisch zu schreiben befreit vom Gewicht der Tradition einer patriarchalischen indischen Gesellschaft, die, in den Klauen des hinduistischen Fundamentalismus, zunehmend nationalistisch wird, wo die Zensur nicht nur vom Staat ausgeht, sondern ebenso vom persönlichen Bewusstsein. Die französische Sprache hat mich sowohl als Frau als auch als Schriftstellerin befreit. Das Schreiben ist meine Art zu leben, meine Daseinsberechtigung. Ich schreibe nicht in der Kontinuität der Realität, sondern in einer veränderten Variante der Realität. Die Literatur ist für mich diese wundervolle, empirische und notwendige Perversion der Wirklichkeit.

Rimbaud hat gesagt: »Das wahre Leben ist abwesend«, und wir haben daraus eine angenehmere, lebensfähigere Variante gemacht: »Das wahre Leben ist anderswo«. Dieses Anderswo existiert dank der Anwesenheit der Fremden in einer Sprache. Wir, die wir unsere literarische Verantwortung ernst nehmen, haben das Privileg und das Recht, die Vielfalt der sprachlichen Identitäten in Anspruch zu nehmen, eine Vielfalt, die nicht erstarrt, sondern im ewigen Wandel begriffen ist.

Aus dem Französischen von Bärbel Brands

 

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