"Afrika ist das Labor der Zukunft"

Timo Berger, Achille Mbembe, Kai Schnier, Ausgabe III/2017, Raum für Experimente



Die Komplexität globaler Fragen überfordert uns. Der Philosoph Achille Mbembe erklärt im Gespräch warum es nicht an neuen Ideen, sondern an deren Umsetzung mangelt

Herr Mbembe, im 21. Jahrhundert sind viele große Ideen im Umlauf: Banken regulieren, ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, den Klimawandel bekämpfen. Warum bleibt so viel davon pure Theorie?
Die schiere Menge an Ideen, über die die Menschheit verfügt, war tatsächlich nie größer. Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte war das Archiv des Wissens gewaltiger als heute. Es gibt keinen Teil der Erde, der nicht vermessen ist, keine Gedanken, die nicht schon besetzt sind – und doch ist gleichzeitig die Kultivierung von Ignoranz und Apathie nie offensichtlicher gewesen. Das liegt vor allem daran, dass wir uns, wenn überhaupt, nur sehr sorglos mit dem Konzept der Zukunft auseinandersetzen.

»Die Zukunft verliert als zeitlicher Horizont des Politischen immer mehr an Relevanz«, haben Sie diesbezüglich einmal gesagt. Was meinen Sie damit?
In der intellektuellen Tradition, in der ich mich verorte – zwischen westlicher und schwarzer Ideenwelt –, war die Zukunft stets ein starker Motor für gesellschaftlichen Wandel und politische Mobilisierung. Wie hätte der Kampf gegen die Apartheid ausgesehen, wenn in den Köpfen der Menschen nicht eine Vorstellung dessen existiert hätte, was danach kommen sollte oder könnte? Die Antizipation einer besseren Zukunft stand immer im Zentrum der großen politischen und sozialen Bewegungen.

Und das ist heutzutage nicht mehr so?     
   
Mittlerweile pflegen wir zunehmend ein Zeitverständnis, das der Zukunft keinen Raum mehr bietet. Wenn Menschen über das nachdenken, was kommt, dann tun sie es mehr und mehr im Rahmen dessen, was bereits war. Das Künftige wird nur noch als Raum für eine potenzielle Restauration der Vergangenheit behandelt, einer Zeit, in der wir vermeintlich größer, besser oder stärker waren. Auf die gleiche Art hat sich auch unser Verständnis der Gegenwart verkürzt – auf das Augenblickliche, auf den Instant-Gedanken. Unsere soziale und politische Umwelt ist dementsprechend zu einer großen Maschine des Vergessens geworden, insofern, als dass der Akt des Behaltens und der Erinnerung nicht länger dem Menschen innewohnt, sondern den Maschinen. Diese können unsere Ideenwelt zwar archivieren, aber eben auch löschen. Statt Ideen zu denken, zu speichern und auf ihre Umsetzung hinzuarbeiten, verwerfen wir ständig Dinge, denken sie neu, lagern sie aus und verpassen es in der Zwischenzeit, an einer Zukunft zu arbeiten, die es sich zu antizipieren lohnen würde.

Ist das der einzige Grund, weshalb wir uns mit der Umsetzung neuer Ideen so schwertun?
Sicherlich nicht. Der Umsetzung gesellschafts- und politikverändernder Ideen stehen kolossale Interessen gegenüber. Organisationen, multinationale Unternehmen und elitäre Netzwerke haben oft kein Interesse daran, an grundlegenden Veränderungen mitzuwirken. Stattdessen bekämpfen sie diese auf das Äußerste. Während dem globalen Prekariat weisgemacht wird, dass die Klassengesellschaft passé ist, herrscht innerhalb der transnationalen Elite ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein und ein enormer Zusammenhalt, was die eigenen Interessen angeht. Echte Veränderungsprozesse geraten so ins Stocken.

Mahlen die Mühlen vieler demokratischer Staaten vielleicht auch einfach zu langsam, um den Umbrüchen unserer Zeit standzuhalten? Die chinesische Regierung plant die Zukunft etwa in Fünfjahresplänen und setzt politische und wirtschaftliche Kursänderungen kompromisslos um ...
Aber zu welchem Preis? Es stimmt, dass die chinesische Regierung das Konzept der Zukunft ernster nimmt als viele andere Staaten auf der Welt. Vor allem tut sie das aber aus strategischen Erwägungen heraus und vor dem Hintergrund des eigenen Macht- und Aufstiegsbestrebens. Der Preis, den die Menschen und die Natur für diesen radikalen Entwicklungskurs bezahlen, ist enorm. Dazu muss man bedenken, dass der Blick nach China uns kein wirklich neues Entwicklungsmodell zeigt, sondern schlicht und einfach das westliche Wachstumsdogma in anderem Anstrich. China versucht, die Industriestaaten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, indem es ihr Spiel auf die Spitze treibt. Deshalb liefert China uns keine alternativen Denkarten, was die Wirtschaft, den Wohlfahrtsstaat oder die individuelle Freiheit angeht. Ich denke auch nicht, dass es die unterschiedlichen Regierungsformen sind, die Staaten daran hindern, auf die Implementierung neuer Ideen hinzuwirken. Es ist wohl vor allem die ungemeine Komplexität der Fragen, denen wir heutzutage gegenüberstehen, die uns lähmt.

Denken Sie, dass uns Probleme wie der Klimawandel, die wirtschaftliche Ungleichheit oder der politische Extremismus schlichtweg überfordern?

Zumindest denke ich, dass nachhaltiges Handeln und die Umsetzung guter Ideen dadurch erschwert werden, dass die meisten Probleme, mit denen wir ringen, einen globalen Charakter haben. Natürlich hat jede Krise ihre lokalen, regionalen und individuellen Auswüchse, aber am Ende ist das alles überlagernde Problem, die wirkliche Krise, unser Zustand planetarer Verstrickung. Natürlich werden vielerorts gute Ideen gedacht, sei es bezüglich unseres zukünftigen Energieverbrauchs, des Finanzsektors oder des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Doch auch wenn diese Ideen von Individuen, NGOs und der ein oder anderen Regierung unermüdlich vorangetrieben und teils auch umgesetzt werden, sind sie in ihrem Effekt klar limitiert. Die viel tiefgründigere Frage ist es, wie die Menschheit sich ein gemeinschaftliches, kosmopolitisches Selbstverständnis schaffen kann, das es uns erlauben würde, nachhaltige Veränderungen zu erwirken. Denn in einer Ära, in der wir beobachten, wie Nationalstaaten sich auf ihre eigenen Angelegenheiten zurückbesinnen, sich umzäunen und von den Problemen der Welt abschotten wollen, werden diese Probleme eher größer als kleiner werden. Das gilt besonders für die Krise von Demokratie und Kapitalismus, die meiner Meinung nach die größte unserer Zeit ist.

Was charakterisiert diese größte aller Krisen?

Es ist nicht mehr klar, ob die Ausprägung des Kapitalismus, die wir heute erleben, noch mit dem Konzept der Demokratie vereinbar ist. Der antiliberale Umschwung in vielen Staaten, die Aushöhlung der demokratischen Grundwerte, ist ein direktes Resultat der neoliberalen Dogmen, die seit den 1970er- und 1980er-Jahren in Umlauf gekommen sind und sich seither radikalisiert haben. Viele Ergebnisse dieses Prozesses zeigen sich erst heute in ihrer ganzen Schärfe: die Ausbeutung der Natur, die Zunahme globaler Ungleichheit – und nicht zuletzt die Transformation ganzer Gruppen von Menschen zum Wegwerfprodukt. Ich lebe in Südafrika, wo die Arbeitslosenquote laut offiziellen Statistiken bei mehr als 35 Prozent liegt. Selbst diejenigen, die bereit wären, sich ausbeuten zu lassen, finden dazu in der aktuellen Lage keine Möglichkeit mehr. Selbst die minimalste Freiheit des Verkaufs der eigenen Arbeit steht ihnen nicht mehr zu. Sie werden zu gesellschaftlichem Abfall. Die bedeutendste Frage unserer Zeit ist es also, wie wir ein wirtschaftliches und demokratisches System schaffen können, das Menschen wieder humaner behandelt. Das ist aber eine Frage, die global angegangen werden muss und deshalb voraussichtlich nicht ausschließlich in Europa und in den USA beantwortet werden wird.

Die globale Politik und Wirtschaft neu zu denken, innovative Ideen in die Praxis umzusetzen – das sollte also Ihrer Meinung nach kein Projekt des »Westens« sein?
Das kann gar kein Projekt des Westens sein, denn die europäische Staaten und die USA haben die Krisen unserer Zeit noch gar nicht richtig erkannt – ganz einfach, weil sie nicht die Hauptlast ihrer Auswirkungen tragen. Sie bekommen die Wucht der globalen Verschiebungen erst in diesem Augenblick zu spüren – und auch das nur langsam. Die Orte, an denen die Zukunft der Welt weitergedacht wird, sind also wahrscheinlich nicht im Westen zu finden, sondern dort, wo die Krisen unserer Zeit bereits längst echt sind: in der ehemals kolonisierten Welt und speziell in Afrika. Dort schlägt die ganze Gewalttätigkeit des modernen Kapitalismus nicht erst neuerdings durch, die Folgen des Klimawandels sind spürbar, genau wie die Nachwirkungen einiger der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. All das macht Afrika zu einem prädestinierten Labor für soziale und politische Ideen und ihre Umsetzung. In gewisser Weise war das ja schon einmal so: während der Kolonialzeit.

Inwiefern?
Damals war Afrika ebenfalls ein Raum für Testversuche, allerdings auf eine ganz andere Art und Weise. Die Europäer experimentierten mit extremen Formen der politischen Herrschaft, mit radikalen Ausbeutungsmethoden, mit Ins-trumenten der Entmenschlichung und der Unterjochung. Das Wissen, wie man Fingerabdrücke anfertigte, um Einzelpersonen zu identifizieren, brachten die Briten zum Beispiel aus Indien zurück in ihre Heimat. Auch Ende des 20. Jahrhunderts wurde Afrika wieder zum Versuchslabor: Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds erprobten mit ihren Strukturanpassungsprogrammen die Möglichkeiten und Grenzen des Neoliberalismus. Heute sehe ich Afrika im Gegensatz dazu allerdings als einen Raum für positiven Wandel. Wie können Menschen miteinander existieren, die im Mangel leben und auf das Teilen angewiesen sind? Wie können die größten gesellschaftlichen Krisen überstanden werden? Das sind nicht nur die großen Fragen unserer Zeit, sondern auch Fragen, die in Afrika tagtäglich beantwortet werden. In Ruanda wurden Ende des 20. Jahrhunderts in kürzester Zeit 800.000 Menschen umgebracht, in Südafrika fiel das Apartheidsregime. Ich will nicht behaupten, dass der Rest der Welt diese Erfahrungen erst machen muss, um nachhaltig zu lernen. Aber ich denke, dass Afrika ein Kontinent ist, der unter den extremsten Formen der politischen und wirtschaftlichen Gewalt gelitten hat und deshalb Gesellschaften beherbergt, die wichtige Überlebensstrategien entwickelt haben, von denen die Welt lernen kann.

Zum Beispiel?
Bleiben wir bei dem Land, in dem ich lebe: Südafrika. Vor 23 Jahren war es noch der einzige selbst erklärte Rassenstaat der Welt, heute ist das Land einer der wenigen Orte auf dem Globus, in dem die Frage des postkolonialen Rassismus nachhaltig geklärt werden könnte. Wie lassen sich Demokratie und multikulturelle Gesellschaft vereinen? Wie lebe ich in einem Zeitalter der Feindschaften mit meinen Feinden zusammen? Wie gehe ich mit Verlusten um, die nie kompensiert werden können, und koexistiere mit den Verursachern dieser Verluste, teile eine Gesellschaft mit ihnen? Natürlich steht auch Südafrika am Anfang dieser Fragen. Doch allein durch die historische Erfahrung des Landes befindet man sich in ihrer Klärung bereits auf einer ganz anderer Verständnisebene als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Die giftigen Kategorien, die Menschen andernorts noch in Freund und Feind spalten, sind in Südafrika schon eingerissen worden – oder gerade im Begriff eingerissen zu werden.

Und das gilt auch für den Rest des Kontinents?
Zumindest finden sich auch außerhalb Südafrikas viele wertvolle Lebensmodelle und Gedanken, von denen es sich zu lernen lohnt. Wer durch afrikanische Metropolen reist, der merkt etwa schnell, welche Rolle der Reparaturgedanke auf dem Kontinent einnimmt – ein Konzept, das anderswo auf der Welt längst in Vergessenheit geraten ist. Das urbane Prekariat hat ein ungemeines Potenzial dafür entwickelt, Dinge wiederzuverwerten und instand zu setzen. Das gilt nicht nur für alte Autos, die wieder fahrtüchtig gemacht werden, sondern auch für das gemeinschaftliche Zusammenleben. Man hilft sich, wo man kann, wenn das Individuum zum Scheitern verurteilt ist, dann übernimmt das Kollektiv. Es sind solche einfachen Gedanken des Zusammenlebens, die uns helfen können, die menschliche Existenz auf dem Planeten neu zu beleben, weiter- und, wenn nötig, auch einmal zurückzudenken. 

Das Interview führten Timo Berger & Kai Schnier

 

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