„Selbstzensur ist weit verbreitet“

Hazem Saghieh, Kai Schnier, Ausgabe II/2017, Breaking News



Wie politische Unterdrückung und soziale Normen die Medien der arabischen Welt lähmen. Ein Gespräch mit dem Journalisten Hazem Saghieh

Herr Saghieh, Sie haben lange für die libanesische Tageszeitung As-Safir gearbeitet. 1988 zogen Sie dann nach London und wurden Redakteur bei der panarabischen Zeitschrift al-Hayat. Wie unterscheidet sich die Arbeit eines Journalisten im Libanon von der in England?
Zwischen dem Journalismus in der arabischen Welt und dem amerikanischen oder europäischen Journalismus herrscht ein Unterschied wie Tag und Nacht. In London werden zum größten Teil unabhängige Inhalte produziert, hierzulande sind die Medien nicht mehr als Handlanger der Regierenden. Die Journalisten in London sind frei, die Medienmacher in Beirut sind unfrei. Das beeinträchtigt selbstverständlich das journalistische Arbeiten.

Und doch sitzen wir hier in einem Beiruter Café und führen ein offenes Gespräch ...
Ohne Zweifel, aber nur solange es die Hisbollah erlaubt. Zurzeit sitzt die Partei fest im Sattel, ihre Autorität wird nicht in Zweifel gezogen. Da kann man sich eine freier agierende Presse erlauben. Doch lassen Sie sich nicht täuschen. Beirut gilt innerhalb der arabischsprachigen Welt zwar als Medienoase, aber auch hier könnte es von heute auf morgen zu Ende sein mit der Pressefreiheit, wenn es die Machthaber es für nötig hielten. Und diese Gewissheit ist an sich schon eine Form der Unterdrückung.

Inwiefern spüren Sie diese Einschränkungen bei Ihrer eigenen Arbeit?
Ich arbeite seit vierzig Jahren für arabischsprachige Zeitschriften. Ich spüre die Einschränkungen nicht mehr, sie sind ein Teil von mir geworden. Die Tageszeitung As-Safir wurde zu meiner Zeit dort von Muammar al-Gaddafi gesponsert, al-Hayat gehört bis heute der saudischen Königsfamilie. In den 1980er-Jahren durfte ich dementsprechend kein schlechtes Wort über al-Gaddafi verlieren, heute muss ich mir meine Meinung zu Saudi-Arabien verkneifen. Folgerichtig habe ich diese Themen in eine Schublade gesteckt, sie abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen. Der Grundsatz meines journalistischen Wirkens ist also: Ich glaube an alles, was ich schreibe, schreibe aber nicht alles, was ich glaube.

Glauben Sie, dass es vielen Journalisten in der arabischen Welt so geht?
Natürlich. Wenn Sie sich mit Schriftstellern und Reportern in Marokko, dem Libanon oder in Saudi-Arabien unterhalten, dann werden Sie feststellen, dass diese Form der Selbstzensur weit verbreitetet, weil notwendig ist. Es sind ja nicht nur die Machthaber, vor denen man sich in Acht nehmen muss. Es ist auch die Gesellschaft selbst. Als junger Journalist in Beirut berichtete ich einmal über einen Ehrenmord. Danach erhielt ich Drohbriefe von der Familie des mutmaßlichen Täters. Genauso geht es Journalisten, die über andere Themen berichten, die von der politischen oder sozialen Norm abweichen. Wer über Sexualität schreibt oder über Religion oder über einen potenziellen Frieden mit Israel, der hat keinen einfachen Stand. Der Druck, sich den gültigen gesellschaftlichen Narrativen zu unterwerfen, ist so groß, dass er die Entstehung einer lebendigen Medienlandschaft im Keim erstickt.

Kann man die Medien in der arabischen Welt vor diesem Hintergrund überhaupt als vierte Gewalt, als Gegengewicht zur Politik, verstehen?
Wer die arabischen Medien als Motor des Wandels, geschweige denn als vierte Gewalt sieht, der muss ein echter Optimist sein. Die hauptsächliche Aufgabe der Zeitschriften und des Fernsehens hierzulande ist es,  den politischen und gesellschaftlichen Status quo zu erhalten.

Liegt das nur an der politischen Kontrolle und der Selbstzensur, über die wir bereits sprachen, oder sind die Gründe dafür vielschichtiger?
Das sind zweifelsohne die zwei wichtigsten Punkte. Diese würden aber vielleicht weniger stark ins Gewicht fallen, wenn nicht noch ein dritter Faktor dazukäme: das Duckmäusertum der Mittelklasse. Natürlich sind es die Finanzeliten und Machthaber, die sich gegen kritische Berichterstattung wehren und jede Form der Veränderung ablehnen. Aber es gibt auch keine arabische Bourgeoisie, die sich der Medien bedient, um Wandel zu erzwingen. Die Mittelklasse versteht sich nicht als Katalysator politischer Reformen. Sie ist mehr von finanziellen als von politischen Interessen geleitet. Der Privatsektor hat nie wirklich versucht, sich in die Medienlandschaft einzukaufen. So ist es für die Oligarchen, Despoten und Regierungen zwischen Rabat und Riad natürlich ein Einfaches, die Informationslandschaft zu kontrollieren.

Sie fordern also zu mehr Mut auf, den staatsnahen Medien Widerstand zu leisten?
Mut ist ein großes Wort, wenn man Regimes gegenübersteht, die den Menschen keinen Raum lassen, sich als Zivilgesellschaft zu organisieren. Trifft sich ein Syrer mit seinen Nachbarn, um zu diskutieren, wie man den Hausmüll am besten entsorgt, kriegt er es bereits mit dem Geheimdienst zu tun. Kritische Debatten sind heutzutage vielerorts schlichtweg untersagt. Ich fürchte deshalb, dass es längst zu spät ist, die Medienlandschaft – in welcher Form auch immer – zurückzuerobern. Durch die Unterdrückung des Volkes und die Gleichschaltung der Medien herrschen die meisten Machthaber längst nicht mehr nur über ihre Staaten, sondern auch über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft ihrer Bürger. Sie kontrollieren die Vergangenheit, weil sie die Macht haben, sie umzuschreiben, die Gegenwart, weil sie die Mittel besitzen, Menschen und Gedanken zu unterdrücken, und die Zukunft, weil sie die Menschen davon abhalten können, sich politisch zu organisieren.

Dabei legten viele Menschen während des Arabischen Frühlings noch große Hoffnung in die Medien als revolutionäre Kraft, insbesondere in die sozialen Netzwerke ...
Das ist richtig. Mithilfe der sozialen Medien wurde es damals tatsächlich kurzzeitig möglich, das herrschaftliche Monopol auf Informationen und Kommunikation zu brechen. Die arabische Jugend fand plötzlich einen Weg, sich zu organisieren. Plattformen wie Facebook übernahmen die Funktion, die früher von politischen Parteien erfüllt worden war – und wirkten teilweise sogar noch effektiver.

Trotzdem folgte auf den anfänglichen Enthusiasmus das große Scheitern der Revolutionen ...
Es reichte eben nicht aus, kommunizieren zu können. Die sozialen Medien vernetzten Millionen von Menschen, aber es fehlte ein alternatives Zukunftsmodell, um den Revolutionen den nötigen Schwung zu geben. Freiheit, das war die grundlegende Forderung. Das war eine respektable Angelegenheit, für die es sich zu kämpfen lohnte. Aber der Wunsch nach Freiheit allein war zu wenig. Es fehlten die Ideen, die Diskussionen darüber, was man mit der Freiheit anstellen würde, wenn man sie einmal errungen hätte. Dafür boten die sozialen Medien nicht das richtige Forum. Dieses ideologische Vakuum überraschte allerdings auch nicht: Wo politische Debatten über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg untersagt sind, da können nicht viele neue Visionen sprießen. Und die wenigen Visionen, die zirkulieren, sind Antivisionen.

Wie meinen Sie das?
Der Antikolonialismus, der Antiamerikanismus, der Antizionismus, das sind die kritischen Denkströmungen, die in arabischsprachigen Medien salonfähig sind. Geht es um diese Themen, dann wird investigativ gearbeitet, dann darf journalistischer Mut bewiesen werden. Nur: Diese vermeintliche Courage ist natürlich nichts wert, denn ihr geht kein echtes Risiko voraus. Auf gewisse Art und Weise sagt diese Art des „Journalismus“ viel über uns, diejenigen, die die Medien machen, und unsere Situation aus. Wir sind dazu verdammt, unsere eigenen Herrscher von der Kritik auszunehmen, also üben wir umso schärfere Kritik an den anderen. Wir sind Antiimperialisten, aber was sind wir, wenn der Imperialismus einmal versiegt ist?

Sie klingen resigniert. Messen Sie dem Journalismus im Libanon und anderswo gar kein revolutionäres Potenzial mehr bei?
Die Medien allein können keinen Wandel anzetteln. Selbst wenn wir über Feminismus, über Gleichberechtigung oder Religionsfreiheit berichteten – alles exzellente Themen –, die Lage der Menschen würde sich nicht ändern. Zuerst müsste sich die politische Situation ändern. Doch seit dem Scheitern des Arabischen Frühlings schlägt das Pendel eher wieder in die andere Richtung aus: hin zu mehr Unterdrückung.

Das Interview führte Kai Schnier

Hazem Saghieh ist Journalist und Autor. Er wurde 1951 als Sohn libanesischer Eltern in Freetown, Sierra Leone, geboren und wuchs in Beirut auf. Saghieh ist Redakteur bei der arabischsprachigen Zeitschrift al-Hayat. Zwischen 1974 und 1988 arbeitete er für die libanesische Tageszeitung As-Safir. Er lebt in Beirut.

 

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