Ich hielt mich für weiß

Tobias Hübinette, Ausgabe II/2010, Körper



Seit Ende des Koreakriegs wurden 160.000 koreanische Kinder adoptiert. Nicht immer ging das gut

Internationale Adoption wird häufig als progressiver humanitärer Akt gesehen, als Weg, in einer multikulturellen Gesellschaft eine Regenbogenfamilie zu schaffen. Diese Sicht ist fragwürdig, und zwar nicht nur, weil sich internationale Adoption durch profitgierige Vermittlungsagenturen zu einer Art Menschenhandel entwickelt hat: Adoptierte Koreaner leiden überdurchschnittlich oft an psychischen Problemen. Mit einem persönlichen Blick auf mein Leben als adoptierter schwedischer Koreaner und auf die biografischen Erzählungen anderer werde ich das veranschaulichen. Erst Ende der 1980er-Jahre begannen sich adoptierte Koreaner öffentlich Gehör zu verschaffen. Ab Mitte der 1990er-Jahre machte eine Explosion autobiografischer Arbeiten diese Gruppe zum ersten Mal sichtbar, nachdem sie bis dahin in Studien über Ethnizität, Migration und Diaspora übersehen worden war. 
Aufgewachsen in einem kleinen Ort unter weißen Schweden, verstand auch ich mich als weiß. Weißsein definiere ich als ein soziales Konstrukt, nicht als Hautfarbe. Es meint die Art sich zu bewegen, zu reden, zu lachen, zu essen und so weiter und schließt auch oft ein, orientalistische Sichtweisen und Einstellungen zu haben. Man kann adoptierte Koreaner mit ethnischen Drags, Cross-Dressern oder Transsexuellen vergleichen, die vermeintlich fixe ethnische, nationale oder sexuelle Identitäten und Zugehörigkeiten stören und parodieren. Es gibt kein authentisches oder ursprüngliches Weißsein. Allerdings ist es nicht unproblematisch, sich selbst als weiß zu begreifen, wenn man einen Körper hat, den eine geschichtlich von Kolonialismus und Rassismus geprägte westliche Kultur immer als anders und fehl am Platz markiert. Das bizarre Phänomen, ein völlig verzerrtes körperliches Selbstbild zu haben, das zu Selbsthass und Selbstzerstörung führt und mit dem man sich selbst zum Fremden wird, ist nur vergleichbar etwa mit dem grausamen Experiment, bei dem Entenküken dazu konditioniert werden zu glauben, dass Menschen ihre Eltern sind.
Mein Körper setzt dem Bemühen, eine weiße Identität aufrechtzuerhalten, Grenzen. In dreierlei Hinsicht kann es passieren, dass ich nicht als Schwede anerkannt werde. Erstens, wenn ich als ethnisches Stereotyp gesehen werde, jemand zum Beispiel in meiner Gegenwart irgendein „Ching-Chong“-Kauderwelsch von sich gibt. Für adoptierte Koreaner sind pauschale Bilder und Vorstellungen, die man im Westen von Asiaten hat, praktisch der einzig verfügbare Spiegel, um ein körperliches Selbstbild zu entwickeln. Zweitens passiert es, dass adoptierte Koreaner für Immigranten, Touristen oder Geschäftsreisende gehalten werden. So spricht man mich etwa auf Englisch an oder sagt mir, ich solle zurück in mein Land gehen. Drittens bin ich im Sinne des koreanischen Nationalismus ein Diaspora-Koreaner, der durch das Blut mit der Heimat verbunden ist. Koreaner reden Koreanisch mit mir und meinen, ich solle zurück in mein Mutterland kommen oder das Ansehen Koreas in der Welt mehren. 
Wenn man sich weiß fühlt, darin von diesen Ideologien aber permanent bedroht wird, führt das zu ungeheurem Stress, zu Wut, Agonie und Melancholie: Man passt nirgendwo hin. Das mag auch die hohen Selbstmordraten, psychischen Erkrankungen und sozialen Probleme bei international Adoptierten erklären. Wenn man sich nirgends verstecken, Ruhe und Trost finden kann, keinen sicheren Raum hat, den andere nicht westliche Immigranten mit Familie oder Community sehr wohl haben, ist Suizid vielleicht der letzte Ausweg aus dem endlosen Kampf um Zugehörigkeit. Adoptiveltern und weiße Freunde sind hier den autobiografischen Zeugnissen nach zu urteilen kaum eine Unterstützung. Sie können nicht sehen oder verstehen, mit welchen Problemen die Adoptierten kämpfen.
Ich selbst habe zugegebenermaßen natürlich auch versucht, all den genannten Zuschreibungen zu entsprechen: Ich hielt mich für weiß und war aufgebracht, wenn jemand mein Schwedischsein infrage stellte. Ich habe Kampfkunst praktiziert, begeisterte mich für popkulturelle Stereotype über Ostasien und kleidete mich wie ein asiatischer Geschäftsmann. Ich war mit nicht westlichen Immigranten befreundet, wollte einer von ihnen sein und tat, als sei ich es. Ich ging in eine koreanische Kirche und fuhr jedes Jahr nach Korea. Heute habe ich jedoch endlich akzeptiert, dass sich meine Identität nur verstehen lässt als die unendliche Geschichte, ein Außenseiter zu sein.
Damit internationale Adoption nicht zu einem Wirtschaftszweig wird, sollte sie, so wie auch Adoption innerhalb der westlichen Länder, ohne zusätzliche Kosten möglich sein. Außerdem sollten der Erhalt von Familien und Pflegeunterbringungen in den Ursprungsländern unterstützt werden. Vor allem aber geht es mir darum, bei potenziellen Adoptiveltern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Bürde die Adoptierten bisweilen zu tragen haben.
 

Aus dem Englischen von Nora-Henriette Friedel

 

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