Uns neu erfinden

Tariq Ramadan, Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam



Über Kulturen, die Künste und das Entertainment

Der Begriff der Kultur spielt in Diskussionen über den heutigen Islam eine zentrale Rolle. Zwar kann man nicht oft genug unterstreichen, dass der Islam in erster Linie „eine Religion“ ist, und nicht „eine Kultur“. Doch muss man gleich hinzufügen, dass Religionen ihre Form niemals außerhalb einer Kultur finden und dass umgekehrt eine Kultur sich nie ausbildet, ohne Bezug zu nehmen auf die Werte und religiösen Praktiken der gesellschaftlichen Mehrheit, welche die Kultur konstituiert. Es gibt also weder religiös neutrale Kulturen noch kulturfreie Religionen. Jede Religion wird immer innerhalb einer bestimmten Kultur geboren – und interpretiert –, und im Gegenzug nährt und gestaltet die Religion die Kultur einer Gemeinschaft, in der sie gelebt und gedacht wird. Aufgrund dieser untermeidlichen und vielfältigen Verbindungen fällt es – ob nun mit Blick auf religiöse Texte oder Praktiken – schwer zu unterscheiden, was zur Religion an sich gehört und was eher die kulturelle Dimension betrifft.
Dennoch sollte man versuchen, zwischen religiösen Prinzipien und ihrem kulturellen Gewand zu differenzieren: Manchmal ist das einfach, etwa wenn es um das Glaubensbekenntnis und konkrete Formen der Anbetung geht. Schwieriger wird es schon, wenn man ermitteln will, was etwa ein religiöser Text genau meint, was der Text selbst schon als unterschiedlich deutbar darstellt, was mit der Kultur des Gelehrten, der den Text auslegt, zusammenhängt, was unveränderlich ist, was sich wiederum wandelt und so weiter. Hier ist eine genauere, anspruchsvollere Deutung erforderlich. So groß die Herausforderung sein mag, man muss sich ihr stellen: Wenn der Islam wirklich eine globale, umfassende Religion ist, muss er seinen Gläubigen die Mittel an die Hand geben, sich der Vielfalt der Kulturen auf angemessene Weise zu nähern. Konkret geht es hier um die Vielfalt kollektiver Weltbilder, Gesellschaftsmodelle, Vorstellungen, Geschmäcker, ästhetischer und künstlerischer Ausdrucksformen. Man braucht allgemeine ethische Prinzipien, um klare Richtlinien für einen vertrauensvollen menschlichen Umgang innerhalb eines bestimmten kulturellen Universums zu formulieren, und zwar sowohl auf der Ebene des Alltagslebens als auch auf jener der Kunst und anderer kreativer Tätigkeiten.
Die Universalität des Islam – beziehungsweise der „islamischen Zivilisation“ – verdankt sich historisch gerade der Verbindung zwischen der Einheit der Grundprinzipien und der Vielfalt der Kulturen. Neu sind heute die Auswirkungen der Globalisierung, die Entwicklung einer zunehmend dominanten globalen Kultur. Man kann über die Fakten diskutieren – doch in jedem Fall sind die Wahrnehmungen, welche breitere Bevölkerungsschichten wie auch die Eliten nicht-westlicher Länder haben, ein Teil der Realität: Die westliche Kultur scheint sich überall eingenistet zu haben, sich über die globalisierten Medien und Kommunikationsmittel durchzusetzen. Überall lässt sich das gleiche Phänomen beobachten, eine Art Appetenz-Aversions-Konflikt, der typisch für psychologische Situationen ist, die aus einem Gefühl des Machtverlustes heraus entstehen: Während wir durch den Instinkt und das Begehren zu einem Objekt hingezogen werden, entwickeln unser Verstand und Gewissen einen Hass auf das, was uns bewegt und berauscht. Mehrheitlich muslimische Gemeinden und Gesellschaften sind geprägt von solch widersprüchlichen Gefühlen und manchmal bringt diese Situation beinahe schizophrene Einstellungen und Diskurse zum „Westen“ mit sich – den die Menschen ebenso beherzt imitieren wie verdammen.
Deshalb muss man die Frage nach kulturellen Faktoren sehr ernst nehmen: Als Mittler beeinflusst eine bestimmte Kultur natürlich nicht nur das Verständnis religiöser Texte, sondern auch, was die Texte über sich selbst, ihre Bedeutung und ihre Reichhaltigkeit aussagen. Deshalb ist heute mit Blick auf das Verhältnis von „Religion“ und „Kultur“ eine kritische Herangehensweise nötig, die in zwei Richtungen wirkt: Zum einen müssen die kulturellen Faktoren identifiziert werden, durch die die Bedeutung der Texte manchmal reduziert, gefärbt oder sogar verzerrt wird zum anderen müssen wir uns den höheren Zielen und Werten und den interpretatorischen Freiheiten öffnen, welche die Texte bieten, um frische, kreative, originelle kulturelle Ausdrucksformen zu fördern. Mit anderen Worten, wir brauchen einen Doppeleffekt: Einerseits müssen wir der ausschließlichen, einförmigen Vereinnahmung der ursprünglichen Bedeutung religiöser Texte durch traditionell ausgerichtete östliche Kulturen widerstehen andererseits müssen wir uns gegen die Tendenzen zur Standardisierung durch die westliche Kultur stemmen, die keinen Platz für andere kulturelle Äußerungen oder andersartige Vorstellungen lässt.
Darin liegt eine immense, außerordentlich wichtige Herausforderung. Die Moderne, der Kult des Fortschritts, der Technik und der Produktivität gehen eindeutig einher mit der seelischen Verarmung von Nationen und Völkern. Im Osten und Westen sehen sich Frauen und Männer, junge und alte Menschen zunehmend gezwungen, in hohem Tempo zu leben, eine Art ewige Jugend zu bewahren und zukunftsfähig zu bleiben – und verlieren so nach und nach ihr kollektives Gedächtnis, werden von ihren Wurzeln und ihrer Geschichte abgeschnitten. Sie wähnen sich in „Kulturkämpfen“, wissen aber kaum noch, was eine Kultur, Tradition oder Zivilisation ist, was Begriffe wie Herkunft und – ständig sich verändernde – Identitäten bedeuten. Ohne Selbstvertrauen verfallen sie in Selbstzweifel, haben Ängste vor anderen. Der „Kampf“ oder „Konflikt“ betrifft jetzt eher minimale, oberflächliche Wahrnehmungsunterschiede als „Kulturen“ oder „Zivilisationen“. Auf der ganzen Welt werden Muslime Opfer solcher Verwirrung und eines gefährlichen Reduktionismus: Man verwechselt Spiritualität mit stark emotionalen Reaktionen obsessiv starrt man auf Normen, ohne ihre Bedeutung zu ergründen auf schizophrene Weise wird die dominierende Kultur abgelehnt, ohne dass man an einer kreativen Alternative arbeitet. All das sind Symptome der Krankheiten, die muslimische Gesellschaften und Muslime in aller Welt plagen. Die zahlreichen Fatwas (Rechtsgutachten), welche diverse muslimische Komitees täglich auf der ganzen Welt herausgeben, zeigen, dass man die Probleme nicht in der Tiefe angeht und dass kulturelle Belange oft entweder unterschätzt oder falsch verstanden werden.  
Wenn der Islam universell ist und wenn man verschiedene Kulturen, Sprachen, Konsumgewohnheiten, Ausdrucksweisen und Zeichensysteme integrieren muss, um die unterschiedlichen Dimensionen seines Wertesystems zu durchdringen, sollte man unbedingt auch die Beziehung des islamischen Diskurses zu den verschiedenen Weltkulturen und -gesellschaften überdenken. Will man der Bedrohung durch die kulturelle Standardisierung mit ihren ungünstigen Folgen widerstehen, muss man die verschiedenen Kulturen mit einer grundsätzlich toleranten Einstellung von innen betrachten. Nur so kann man die Wurzeln ihrer Traditionen, ihres besonderen Charakters und ihrer Kreativität erkennen, ihr Überleben sichern und ihre Ausdrucksformen fördern. Die Bandbreite sollte dabei vom Konsumverhalten im Alltag (lokale Speisen und Getränke) bis zur Kleidung, zur Sprache, Architektur, Musik und allen Arten künstlerischen Ausdrucks reichen. Als Gegenstück zu einer im Geschmack und im Geiste amerikanisierten Fast-Food-Kultur sollten wir eine Kultur fördern, die einen jeweils unterschiedlichen Umgang mit Zeit, Bedeutung und höheren Zielen beinhaltet. Diese Kultur umfasst chinesischen Tee ebenso wie lokale Küchen von Afrika über Europa bis in die amerikanische Provinz. Auch dieser Widerstand zielt wieder in zwei Richtungen, geht doch, wie man sieht, der Schutz kultureller Vielfalt mit der Weigerung einher, sich der globalen Ökonomie zu ergeben, die einem bestimmte Geschmäcker und Moden aufzwingt, eine globalisierte Ästhetik, der aktuelle Standard für alle.
Eine tiefere, engere Beziehung zu nationalen und lokalen Kulturen wäre für Muslime aller Welt dringend nötig. Nicht nur würde eine solche Beziehung eine Bereicherung der Ausdrucksformen in Sachen inneren Seins und Sehnens bewirken. Sie würde auch zu einem tieferen Verständnis des Reichtums menschlicher Gemeinschaften beitragen – gemäß dem Satz aus dem Koran „damit ihr einander kennenlernt“ (Koran, 49:13) – und zur Förderung der Kreativität jedes Einzelnen, zumal wenn der persönliche Ausdruck auf eine freiwillige und stets konstruktiv kritische Weise mit einfließen kann. Konkret bedeutet dies, dass man höheren, ethischen Werten treu bleibt, wo immer man auch sein mag, und dabei zugleich eine Neugier und Kreativität entwickelt, Geschmäcker wie künstlerische Formen aus allen möglichen Kulturen und Kontexten zu integrieren.
Kulturen haben bestimmte Symbole, und so wie es keine Gesellschaften ohne Kultur gibt, existieren auch keine Gemeinschaften ohne Symbole. Die Vorstellung von einem kulturell neutralen öffentlichen Raum ist nicht nur absurd, sie könnte sich sogar als gefährlich erweisen – wegen der Menge an weltlichem Dogmatismus, der für die konkrete Umsetzung nötig wäre. Religiöse und kulturelle Symbole sagen etwas über die Wurzeln und die Seele von Gesellschaften aus, eine Dimension der kollektiven Psychologie, die keineswegs zu unterschätzen ist. Es geht hier nicht darum, sich hinter den Symbolen anderer zu verstecken und unsichtbar zu werden. Vielmehr sollte man die Wertschätzung dieser Elemente und sein Vertrauen in die ethischen Grundsätze des Islam so ausdrücken, dass man dabei die Symbole der Kultur, in der man im Osten oder Westen lebt, integrieren kann. Im Lauf der Zeit wird ohnehin und natürlicherweise ein zweifacher Einfluss zum Tragen kommen. Auf jeden Fall sollte man weiterhin Respekt gegenüber kulturellen Aspekten, Ausdrucksformen und Symbolen zeigen, die historisch – durch Krisen hindurch und in Entwicklungsschüben – gewachsen sind. Hier wird nochmals klar, dass die Anerkennung der höheren Werte einer islamischen Ethik ein zusätzliches Maß an Kreativität statt eines Isolationismus und einer Fixierung auf ausschließlich „orientalische“ Formen und Ästhetiken voraussetzt.
Auch der Bereich der Unterhaltung ist zu diskutieren. Zunächst sollte man erkennen, dass Unterhaltung für Jugendliche wie für Erwachsene ein nötiger Teil des Lebens ist und dass der Standpunkt buchstabengläubiger Gelehrter und einige rigoristische Tendenzen unhaltbar und absurd sind. Sie wollen uns ein Leben ohne Unterhaltung aufzwingen, ohne Lektüre, ohne Fantasie, ohne Musik ... und sogar ohne spirituelle Muße. Das kann nicht angehen und entspricht auch nicht den Lehren des Islam. Wir hören, dass die Musik zur universellen Sprache der jungen Leute geworden ist, dass Fernseh- und Kinobilder die Menschen weltweit bewegen, dass die großen Sportveranstaltungen die rituellen Zusammenkünfte der modernen Zeiten geworden sind. Und da sollen wir so tun, als ob das keinen Einfluss auf das Denken, die Herzen und das Alltagsleben der Gläubigen hätte, die in Einklang mit bestimmten Lebensregeln und einer bestimmten Ethik leben wollen? Die Frage ist nicht, ob wir uns an Unterhaltung erfreuen sollen oder nicht, sondern was die Bedeutung, die Form und der Charakter des Entertainments sein sollen.
Sind die fundamentalen Ziele und Werte der islamischen Ethik erst einmal festgelegt, sollte man einen zugleich offenen und kritischen Blick auf die Weltkulturen und ihre spezifischen künstlerischen Formen werfen. Wir sollten allen Kunstwerken – von der Musik und Architektur bis zum Kino, zur Literatur und dem Theater – offenherzig begegnen und ihnen einen Platz in unserem Leben einräumen. Sie bringen die Güte und das Wesen des Menschen in seiner Suche nach Sinn, seine Zweifel, Gefühle, Leiden und Freuden zum Ausdruck. Wir sollen bestimmt keiner Zensur das Wort reden oder die Freiheit von Autoren oder Künstlern beschneiden. Vielmehr sollten wir an das Gewissen und die Herzen der Frauen und Männer, die solche Werke schaffen, appellieren, auf dass sie nach Würde und Güte streben und uns mit ihren Werken inspirieren, statt etwa repressive Tendenzen zu fördern. Man sollte Fragen respektieren und akzeptieren, Zweifel und Kummer und man sollte das Talent derer feiern, die diese Dinge vermitteln. Entsprechend sollte man sich Gedanken machen über die Rahmenbedingungen einer gründlichen, tief greifenden und kritischen Ausbildung im künstlerischen Bereich: Wenn man den Akt des künstlerischen Schaffens versteht, etwas über Kunstgeschichte erfährt, über Denkschulen, historische Eckdaten und wichtige Debatten, dann trägt dies zur Charakter- und Geschmacksbildung bei, ist die Grundlage jeder Wahlfreiheit und hilft, dem Druck der zeitgenössischen globalen Kultur zu widerstehen. Ist man intellektuell – und spirituell – ohne jeden Begriff von Kunstgeschichte (und den Fragen, die mit ihr zusammenhängen), läuft man Gefahr, von einer Kunst des Masseninstinktes vereinnahmt zu werden, mit vorgefertigten Sehnsüchten und Antworten, die einfach nur deshalb nicht so dogmatisch erscheinen, weil die Mehrheit in dieser globalisierten Kultur sie zu teilen scheint.
Hier ist eine fachkundige Arbeit mit Blick auf die erwähnten höheren Ziele und Werte gefragt, die auf dem Wissen um vergangene und zeitgenössische Produktionen basiert. Deshalb sollte man sich mit klassischen Theorien auseinandersetzen, der These von der Kunst um der Kunst willen oder jenen des Funktionalismus (wie dem Programm des Bauhauses um Kandinsky) und anderen Strömungen moderner Kunst. Auch sollte man etwas über die akribische Arbeit von Anthropologen und Ethnologen wissen, die sich mit Künsten in verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen künstlerischen Kulturen beschäftigen. Kunst und Kultur dürfen nicht ignoriert werden: Frauen und Männer müssen die Mittel an die Hand bekommen, um sie besser verstehen zu können – ohne sich dabei selbst untreu zu werden.
Das bedeutet auch, dass Muslime zur kulturellen und künstlerischen Kreativität animiert werden sollten. Wenn die Botschaft des Islam lautet, den Sinn des Lebens verstehen zu lernen und den Menschen insgesamt zu respektieren, indem man das Leben feiert, den Frieden, die Würde, den Wohlstand, Gerechtigkeit, Gleichheit, Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit, Kontemplation, Erinnerungen, Kulturen und so weiter, dann steht jedem in seiner Kreativität ein ganzes Universum an künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten offen. Ist man allerdings davon besessen, bloß nicht gegen Normen zu verstoßen, verliert man die Fähigkeit, über den Sinn zu sprechen, es fällt einem schwer, die natürlichsten Gefühle zu kommunizieren und Lebenserfahrungen mit anderen zu teilen, die über religiöse Zugehörigkeiten hinausweisen – und den Normen ihren wahren Sinn geben.
 

Aus dem Englischen von Loel Zwecker

 

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