Kontinent der Flüchtlinge

Doris Akrap, Ausgabe I/2018, Erde, wie geht's?



Der Historiker Philipp Ther untersucht, wie Europa in der Vergangenheit Schutzsuchende aufgenommen hat

Wird über Menschen gesprochen, die ihre Heimat verlassen mussten, geschieht dies meist nur im Plural. Wer es geschafft hat, Krieg, Verfolgung, Hunger und Leid zu entkommen, sieht sich in den Gesellschaften, in denen er Zuflucht sucht und findet, meistens damit konfrontiert, als Teil einer Gruppe wahrgenommen zu werden.

Bis heute werden Flüchtlinge in den Statistiken der Behörden nicht nach Fluchtgründen erfasst, sondern nach nationaler Zugehörigkeit. Entscheidend für die Ermöglichung ihres Hierbleibens ist deswegen eben gerade nicht nur das persönliche Schicksal, sondern vor allem die Einschätzung der Gesamtlage des Landes, aus dem sie geflohen sind.

Das ist aus verwaltungstechnischer Sicht sicher am einfachsten, ungerecht ist es in vielen Fällen trotzdem. Die Unterordnung einzelner Schicksale unter eine Gruppe verstärkt das Bild von einem Kollektiv, das von rassistischen Scharfmachern als ein Heer von Arschgrapschern, Faulenzern und Sozial­schmarotzern stigmatisiert wird. Diese Stigmatisierung kann  zu einem großen Problem im Alltag von Geflüchteten werden, die ohnehin oft schon traumatisiert sind. »Die Flüchtlinge« sind seit der großen Wanderung 2015 in Richtung Zentraleuropa aber nicht nur zu einem Spielball von Rechten und Rassisten geworden; Politiker aller Couleur werfen ihn mal hierhin und mal dorthin, um die Gunst der Wähler damit zu erheischen.

Der Historiker Philipp Ther hat dieses höchst gefährliche Spiel zum Anlass genommen, in seinem neuen Buch »Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa« aufzuzeigen, dass das »Problem« heute gar kein so großes ist und sein müsste, wie gern behauptet wird.
Auf gut 400 Seiten zeichnet er die Geschichte der europäischen Moderne als eine nach, die immer schon von großen bis sehr großen Migrations- und Fluchtbewegungen geprägt war. »In früheren Perioden der [europäischen] Geschichte, vor allem nach den beiden Weltkriegen, befanden sich im Verhältnis zur Weltbevölkerung weit mehr Menschen auf der Flucht als 2015.« Was als genereller Befund auf Seite 303 so leicht dahingeschrieben scheint, entfaltet seine beeindruckende Wirkung dann, wenn man Thers vorangehende drei Kapitel über die verschiedenen Epochen und Hintergründe der Fluchtgeschichte Europas gelesen hat. In all der Verknappung, die so ein Herangehen mit sich bringt, liefert Ther eine kluge Zusammenfassung der jeweiligen Gemengelage von den Hugenotten im 16. Jahrhundert über den muslimischen Exodus aus Südeuropa im Zuge des Niedergangs des Osmanisches Reiches, von den »Gastarbeitern« im Nachkriegsdeutschland zu den Bosnienkriegsflüchtlingen der Neunzigerjahre und den aktuellen Syrienflüchtlingen.

In allen Kapiteln stößt man auf überwältigende Zahlen wie jene, dass zwischen 1877 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 die osmanische Hauptstadt Istanbul von 722.000 Einwohnern auf 1,6 Millionen wuchs, von denen der Großteil auf europäische Flüchtlinge zurückging. Das gesamte Osmanische Reich nahm bis 1896 übrigens allein über 1,3 Millionen Flüchtlinge aus dem Balkan und dem Kaukausus auf.

Neben den inhaltlichen Gründen der Flucht (religiöse, nationalistische, politische Verfolgung) kategorisiert Ther in seiner historischen Perspektive vier Typen von »Fluchtvorgängen«: die »existenzielle Flucht«, die Menschen, wollen sie nicht sterben, keine andere Wahl lässt als zu fliehen, die »prädeterminierte Flucht«, in der die Vertreibung von Menschen das Ziel der Politik ist, die »proaktive Flucht«, die vorausschauend noch Zeit lässt, eine halbwegs geordnete Flucht anzutreten, und die »optionale Flucht«, in denen die Auswanderung nur eine Möglichkeit darstellt, der Bedrohung zu entkommen.
Das Hauptaugenmerk des Autors liegt dabei jedoch nicht nur auf den Ursachen, sondern darauf, wie die Neuankommenden in den jeweiligen Zuwanderungsgesellschaften aufgenommen wurden und mit welchen Maßnahmen ihre Integration gefördert oder behindert wurde. Für einen Historiker sicher ungewöhnlich, will der am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien lehrende Professor Philipp Ther mit seinem Überblick vor allem Ansatzpunkte liefern, um den Umgang mit der heutigen Situation zu erleichtern. Denn, so Ther, die Integration von Flüchtlingen sei eine Frage staatlicher und gesellschaftlicher Fürsorge und nicht so sehr eine der Integrationsbereitschaft der Neuankommenden.

Auch wenn es ein Sonderfall ist, so ist es dennoch hochinteressant zu lesen, wie am Beispiel der Hugenotten eine Integration verlaufen ist, die im Dialog mit den Geflüchteten stattfand. Vertreter der Hugenotten verhandelten direkt mit den preußischen Machthabern über Leistung und Gegenleistung. Oder das Beispiel des British Empire, das nach seiner verlorenen Schlacht um die nordamerikanische Kolonie 1776 rund 60.000 amerikanischen Revolutionsflüchtlingen großzügige Entschädigungen für verlorenes Land und Immobilien bot und ihnen finanziell und logistisch die Ausreise in ein sicheres Exil ermöglichte; ein Prinzip der »politischen Solidarität«, das Ther im heutigen Umgang mit den Flüchtlingen stark vermisst.

Der Autor, der 2015 für sein Buch »Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent« mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, konstatiert in der Debatte um die gegenwärtigen Flüchtlinge außerdem einen interessanten Befund: Mehrere »Zeitschichten und Bevölkerungsgruppen« seien durcheinandergeraten, und das manchmal absichtlich: »frühere und aktuelle Flucht- und Migrationsprozesse, Flüchtlinge und andere Migranten, vergangene und gegenwärtige Integrationsprobleme«. Es sei die Aufgabe der Geschichtswissenschaft, zwischen diesen Polen Position zu beziehen und zur Versachlichung einer Debatte beizutragen, die »in mehrerlei Hinsicht aus dem Ruder gelaufen« sei.

So etwas liest man nicht mehr oft aus dieser sich in den letzten Jahren so sehr auf sich selbst bezogenen Universität. Umso großartiger, dass dieses Buch sich nicht darauf beschränkt, Geschichte zu erzählen, sondern als politische Intervention in einen Diskurs gedacht ist, der uns alle angeht.

Doris Akrap ist Journalistin. Sie arbeitet für die TAZ. Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. Von Philipp Ther. Suhkamp, Berlin, 2017.

 

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