"Ein Stück Italien gehört zu Eritrea"

Stefan Boness, Kai Schnier, Ausgabe III/2017, Raum für Experimente



Eritrea steht für Unterdruckung und Flucht, dabei hat das Land viel mehr zu bieten. Der Fotograf Stefan Boness bereist es seit Jahren. Ein Gesprach

Herr Boness, Sie fotografieren seit zwanzig Jahren in Eritrea. Ist Ihr Archiv nicht bald voll?
Wenn ich noch die alten Diafilme benutzen würde, so wie bei meinen allerersten Reisen, dann wäre das tatsächlich ein Problem (lacht). Über die Jahre habe ich sicherlich Tausende, wenn nicht Zehntausende Bilder in Eritrea gemacht.

Wann waren Sie zum ersten Mal dort?
Das war 1996. Ich flog damals los, um den Moment mitzuerleben, in dem ein neuer Staat geboren wurde. Drei Jahre zuvor hatte Eritrea die Unabhängigkeit von Äthiopien erlangt und nach dem Befreiungskrieg herrschte dort eine unglaubliche Aufbruchsstimmung. Für mich als Fotograf war das eine wunderbare Atmosphäre. Die Leute auf der Straße waren ungemein offen, ich konnte mich frei bewegen und außer mir waren nicht viele andere Ausländer dort. Seitdem bin ich nicht mehr von Eritrea losgekommen.

Besonders oft arbeiten Sie in Asmara. Was macht die eritreische Hauptstadt für Sie so interessant?
Vor allem die alte Kolonialarchitektur, die während der italienischen Besatzung in den 1930er-Jahren entstanden ist. Die Faschisten gaben jungen unbekannten Architekten damals wahnsinnige Freiheiten. Der eine ließ futuristisch bauen, der andere im Stile alter Herrschaftsarchitektur – diese Mischung prägt heute das Stadtbild. Bei meiner letzten Reise traf ich zufällig zwei UNESCO-Abgesandte, die im Juli darüber entscheiden werden, ob Asmara zum Weltkulturerbe erklärt wird. Selbst die waren komplett begeistert. So geht es auch den meisten Menschen, die meine Aufnahmen der alten Kinos, Cafés und Wohnhäuser in Asmara sehen. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass die Bilder auf dem afrikanischen Kontinent entstanden sind.

Ohnehin wirkt es auf vielen Ihrer Fotos  von Architektur und Menschen so, als hätte die koloniale Vergangenheit die eritreische Gegenwart weiterhin fest im Griff ...
Es gibt auf jeden Fall viele kulturelle Spuren aus dieser Zeit, die Begeisterung für das Rennradfahren zum Beispiel. Jedes Jahr wird im Land der Giro d’Eritrea ausgetragen, eritreische Radfahrer werden gefeiert wie Popstars. Und dann gibt es da noch die Asmarinos: alte Männer, wahnsinnig stolze Typen, die täglich in feiner Garderobe über die Hauptstraße flanieren und aus ihren Schultagen noch ein bisschen Italienisch sprechen. Ein Stück Italien gehört zu Eritrea einfach dazu – trotz der Erfahrungen des Kolonialismus haben viele das europäische Erbe angenommen.

Welche Ihrer Fotoprojekte sind Ihnen aus den zwei Jahrzehnten in Eritrea in besonderer Erinnerung geblieben?

Einige meiner persönlichen Lieblingsbilder sind auf dem Medebar-Markt in Asmara entstanden. Dort werden alte Metalle recycelt, Betten aus Schrott gebaut und junge Schweißer kreieren aus billigstem Material alles, was man sich vorstellen kann. Ein faszinierender Ort. Bei einer späteren Reise bin ich einmal wiedergekommen, um die Leute zu finden, die ich porträtiert hatte, aber die meisten waren nicht mehr da. »Der ist schon weg« oder »er ist über den Sudan geflohen«, hieß es oft. Was für mich als Fotograf ein Segen ist – nämlich, dass Eritrea existiert wie unter einer Glasglocke, unberührt und seit Jahrzehnten fast unverändert –, ist für die meisten Menschen natürlich ein Fluch.

Auf die Euphorie der 1990er-Jahre ist längst die Ernüchterung gefolgt. Das Land wird autoritär regiert und rangiert in Sachen Pressefreiheit noch hinter Syrien und China. Hat das Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren erschwert?
Seit der Verhaftungswelle von 2001, in der viele Politiker und Journalisten verschwunden sind, ist das auf jeden Fall so. Ich selbst saß auch schon für einen Tag im Gefängnis, weil ich ein Foto am falschen Ort geschossen habe. Da macht man sich natürlich Gedanken, ob es sich noch lohnt wiederzukommen. An viele Orte außerhalb Asmaras kommt man heute nicht mehr ohne Sondergenehmigungen und auch der Umgang mit den Leuten ist reservierter geworden. Asmara selbst ist aber einfach eine faszinierende Stadt, mich zieht es dort immer wieder hin.

Das Interview führte Kai Schnier

 

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