„Das Verlangen nach Rausch ist von der Natur angelegt“

Kai Schnier, Ausgabe I/2017, Rausch



Was passiert im Gehirn, wenn wir high sind? Ein Gespräch mit der Neurowissenschaftlerin Heather Berlin

Frau Berlin, warum berauschen sich Menschen?
Wir suchen den Rausch aus relativ simplen, evolutionären Gründen. Entwicklungsgeschichtlich gesehen überlebten diejenigen Menschen, die "nützliche" Dinge taten: essen, trinken, sich fortpflanzen. So richtete sich in unseren Gehirnen mit der Zeit ein komplexes neuronales Netzwerk ein, das wir in der Neurochemie auch das "Belohnungszentrum" nennen. Unser Hirn begann, uns auf immer komplexere Art und Weise - etwa durch die Ausschüttung von Stoffen wie Dopamin - dazu zu konditionieren, öfter Dinge zu tun, die uns beim Überleben halfen.

Was hat das mit unserem Verlangen nach Rauschzuständen zu tun?
Jeder Rausch, den wir erleben, geht auf dieses neuronale System zurück. Ob wir uns bei einem Marathon verausgaben oder zur Bierflasche greifen: Wir versuchen, das Belohnungszentrum anzuregen und uns die Stoffe abzuholen, die uns aus evolutionären Gründen glücklich machen. Unser Rauschverlangen ist also von der Natur angelegt - wir verstehen es mittlerweile nur ziemlich gut, unser Gehirn auszutricksen und leichter an die Belohnungen zu kommen.

Sie reden von Drogen?
Nun, der Mensch kann sich auch auf "natürlichem" Wege in neuronale Ausnahmezustände bringen. Man müsste aber äußerst ausgehungert sein, um durch das Essen eines guten Steaks den gleichen Rauscheffekt zu erzielen wie durch die Einnahme von pflanzlichen oder chemischen Substanzen. Drogen sind die ultimative Abkürzung auf dem Weg zur Ekstase. Eine Ecstasy-Pille setzt im Gehirn mehr Serotonin frei, als man es jemals durch Sport erreichen könnte. Wenn wir die Wahl zwischen dem langwierigen und dem schnellen Weg zum Rausch haben, dann wählen wir meist letzteren. Dazu gibt es viele spannende Studien.

Zum Beispiel?
Das eindrücklichste Experiment wurde an Ratten durchgeführt, von deren Reaktionen man gute Rückschlüsse auf potenzielle menschliche Verhaltensmuster ziehen kann. In dem Experiment wurde den Tieren die Möglichkeit gegeben, entweder etwas zu essen oder zu trinken, oder aber einen Schalter zu bedienen, der einen direkten elektrischen Impuls in das Belohnungszentrum des Gehirns schickte. Die Ratten drückten den Knopf bis zu 7.000 Mal pro Stunde und aßen bis zum Punkt der äußersten körperlichen Erschöpfung - in manchen Fällen bis zum Tod - gar nichts mehr. Wenn die Sucht nach der Belohnung einsetzt, dann besteht die Gefahr der Selbstzerstörung.

Es gibt also "gute" und "schlechte" Methoden, sich selbst zu berauschen?

So weit würde ich nicht gehen. Man kann ja auch von Räuschen abhängig werden, die nicht durch Drogen induziert werden. Es gibt die Computerspielsucht, den Arbeitszwang, die Hypersexualität - der Mensch kann sich auch so sehr an gewissen Verhaltensweisen berauschen, dass er abhängig wird. Trotzdem darf man natürlich nicht vernachlässigen, dass viele illegale und auch legale Drogen das Gehirn nachhaltiger schädigen können als solche Suchtkrankheiten.

Unabhängig von den Gefahren des Rausches: Gibt es an der Trunkenheit, dem Draufsein, dem Trippen neben dem simplen "Belohnungsmoment" weitere positive Aspekte?
Natürlich. Alkohol hemmt etwa die Aktivität in ihrem präfontalen Cortex. Dieser hat die Funktion, die aus evolutionärer Sicht "älteren" und instinktiver agierenden Teile Ihres Gehirns zu kontrollieren. Betrinken Sie sich, dann wird dieser Filter abgebaut. Sie denken freier und werden kreativer. Der Rausch kann auch Schmerzen lindern. Gerade experimentieren Wissenschaftler vor diesem Hintergrund mit Substanzen wie LSD. Halluzinogene Pilze wurden bereits bei der Behandlung von sterbenskranken Menschen eingesetzt. Mithilfe eines kontollierten Rausches konnte man ihre Todesängste fast vollständig in den Griff bekommen.

Das Interview führte Kai Schnier

Heather Berlin, geboren in New York City, ist Neurowissenschaftlerin. Sie lehrt als Dozentin an der New Yorker Icahn School of Medicine und erforscht das menschliche Bewusstsein, Kreativität und Therapiemethoden für schwere psychische Erkrankungen. Berlin wohnt in New York City.

 

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