Trink doch was, Fatuma!

Fatuma Musa Afrah, Ausgabe I/2017, Rausch



Vom Feierabendbier bis zum Absacker – wie deutsche Trinkgewohnheiten auf andere wirken

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Party in Berlin. Ein deutscher Freund wollte mir das „echte Nachtleben“ zeigen und nahm mich in einen Club mit. Die Musik war unvorstellbar laut, die Leute tranken und rauchten überall. Die Luft war eine Mischung aus Zigarettenqualm und Schweißdunst. Ich fühlte mich in dem Moment irgendwie schmutzig und ungesund. Auf einem Sofa lag ein junger Mann, ganz regungslos. Für einen Moment dachte ich, er wäre tot. Ich riss mich zusammen und wir gingen auf die Tanzfläche, aber nach einer Stunde nahm ich meinen Freund beiseite und sagte ihm, ich müsse nach Hause gehen. „Bist du verrückt?“, fragte er: „Es geht doch gerade erst los!“ Ich winkte nur ab und entgegnete: „Du bist der Verrückte! Bring mich jetzt sofort nach Hause.“

Als ich vor zweieinhalb Jahren nach Deutschland kam, ahnte ich nicht, wie schwer es sein würde, sich an die deutsche Partykultur und speziell an die Alltäglichkeit des Alkoholkonsums zu gewöhnen. Ich bin in Somalia geboren. Wer dort Alkohol trinkt, der muss sich nicht um den Kater am nächsten Tag sorgen, sondern um eine Gefängnisstrafe oder Schlimmeres. Betrunken zu sein, das ist in meiner Heimat allein schon aus religiösen Gründen verpönt. Wer trinkt, der verliert die Kontrolle und auch ein Stück seiner Würde.

In Deutschland ist es andersherum: Hier gehört man erst so richtig dazu, wenn man trinkt. „Komm, ich kauf’ dir ein Bier!“ – diesen Satz höre ich dauernd. Wenn ich ablehne, dann ist die nächste Frage stets: „Warum?“ Sollte nicht ich diejenige sein, die diese Frage stellt? Ist es nicht bizarr, dass ich mich dafür rechtfertigen muss, nicht zu trinken? Die meisten verstehen gar nicht, wie fremd das auf mich wirkt. Manchmal antworte ich auf die Frage nach dem Warum: „Weil ich ein böses Mädchen bin!“ Das sorgt immer für Lacher. Für einen kurzen Moment wird allen klar, wie verquer das Thema Alkohol hierzulande behandelt wird.

Bevor ich nach Berlin kam, hatte ich gar keine Ahnung, wie es aussieht, wenn Menschen betrunken sind. In Somalia kauen viele Leute Kathblätter, aber das ist meist eine private Angelegenheit und die Effekte sind in der Öffentlichkeit weniger sichtbar. Entsprechend schockiert war ich, als mir in der Berliner U-Bahn zum ersten Mal ein Mann gegenübersaß, der herumschrie und seinen Nebenmann anrempelte und dabei kaum noch geradeaus schauen konnte. Bis heute macht es mir – wenn ich ganz ehrlich bin – ein bisschen Angst, wenn vor mir jemand über die Straße wankt. Woher soll ich wissen, ob sich die Person noch im Griff hat oder als Nächstes anfängt, um sich zu schlagen? Die Wahrscheinlichkeit, in eine solche Situation zu geraten, ist allein schon deshalb höher, weil Alkohol in Deutschland so leicht zu bekommen ist. Wer sich wann betrinkt und wie stark und ob ich zufällig nachts von so einer Person belästigt werde, all das liegt außerhalb meiner Kontrolle.

Ich verstehe, dass der Alkohol in gewisser Weise zur deutschen Kultur gehört, und ich würde Menschen niemals vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben. Immerhin bin ich aus eigenen Stücken nach Deutschland gekommen. Ich habe nicht vor, meinen Gastgebern vorzuhalten, was sie richtig oder falsch machen. Ich muss Sachen auch gar nicht toll finden, um sie wertzuschätzen. Die Freiheit, die Deutschland seinen Bürgern bietet, bedeutet mir sehr viel. Vielleicht würde ich einfach eine bestimmte Maximalgrenze für den Alkoholkonsum festlegen, wenn ich in der Politik etwas mitzureden hätte. Einfach, damit es in der Öffentlichkeit nicht zu Übergriffen und Gewalt kommt.

Seit meiner ersten Partynacht in Berlin war ich noch ein- oder zweimal in einer Disco. Natürlich habe ich mich manchmal gefragt, ob ich mich diesem ganzen verrückten Treiben nicht einfach anschließen soll. Es fühlt sich aber nicht richtig für mich an, in einem Club zu sein oder ein Bier zu trinken. Mittlerweile versuche ich, möglichst oft mit dem Zug nach Brandenburg in die Natur zu fahren. Ich habe das Gefühl, dass ich dort besser hineinpasse. Ich bin nicht neidisch auf die Leute, die trinken und feiern. Jedem das Seine, das ist mein Motto, solange es niemand anderem schadet. Meinen persönlichen Rausch erlebe ich beim Joggen. Ich renne vierzig Minuten, gehe duschen, mache mir eine Tasse Tee und schaue einen Film. Ich tanze auch sehr gerne – nüchtern.

Protokolliert von Kai Schnier

 

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