Der schneeweiße blinde Passagier

Ana Lilia Pérez, Ausgabe I/2017, Rausch



Riesige Mengen an Kokain werden vor allem auf Schiffen geschmuggelt. Wie funktioniert das?

Kokain in all seinen Varianten ist die Modedroge des 21. Jahrhunderts. Die zu seiner Herstellung benötigten Kokablätter werden in Südamerika angebaut und in Drogenküchen und Laboren in Mexiko, Kolumbien, Peru, Bolivien oder Brasilien verarbeitet. Das fertige Kokain gelangt größtenteils über die Weltmeere und Häfen per Schiffstransport in die Hände der Konsumenten. Es ist ein äußerst lukratives Geschäft. Kokain kann man schnell zu Geld machen und die Gewinne sind exorbitant. Während in Südamerika ein Kilogramm oft für 800 US-Dollar zu haben ist, beträgt sein Wert am Bestimmungsort ein Vielfaches, und oft wird es unterwegs mit Amphetamin, Lidocain, Ephedrin und anderen Stoffen verschnitten.

Je häufiger das Kokain auf diese Weise gestreckt wird, umso niedriger ist seine Qualität, aber es wird auch noch das letzte Stäubchen verkauft, vom hochreinen, sehr weißen Kokain, das eine flockige Konsistenz hat und ölig glänzt, über seine pulverige und glanzlose oder auch beinahe transparente Variante, die mit einem Schmerzmittel versetzt ist und besonders abhängig macht, bis hin zu seinen gefährlichen Neben- und Abfallprodukten, die geraucht werden.

Bis vor einigen Jahren waren die USA der größte Markt für Kokain und wurden von mexikanischen und kolumbianischen Drogenkartellen beliefert. Aufgrund der zunehmenden Konkurrenz und der verschärften Polizeikontrollen bauten die Kartelle vermehrt Netzwerke in Europa, Afrika und Ozeanien auf, wo sich zudem höhere Preise erzielen lassen. Das Prinzip der Marktwirtschaft von Angebot und Nachfrage gilt auch für Kokain. Um ihre Sucht zu befriedigen, würden manche Konsumenten jeden Preis zahlen, und nicht wenige nehmen ihre morgendliche Line schon so regelmäßig wie ihren Kaffee zu sich (weltweit konsumieren 18,3 Millionen Menschen Kokain).

Der effizienteste Transportweg für Kokain ist der Seeweg, es wird in denselben Containern und Frachtern verschifft wie alle anderen internationalen Handelswaren. Rund um die Uhr wird exportiert und importiert, bewegen sich Waren von einem Hafen zum anderen, und in keinem Land kann man alles überprüfen, was Häfen und Zollstationen passiert. Selbst wenn es Kontrollen gibt, bestechen die Rauschgifthändler die Kontrolleure, damit sie den schneeweißen blinden Passagier übersehen, der in Dosen mit Chili und Avocados aus Mexiko mitfährt, zwischen Bananen und Ananas aus Costa Rica, Kaffee aus Kolumbien, oder der sich in langstieligen Rosen versteckt. Die mexikanischen Kartelle, die den Großhandel kontrollieren, arbeiten mit anderen kriminellen Vereinigungen zusammen: So werden etwa die italienische ’Ndrangheta und die Cosa Nostra von Venezuela, Suriname und den karibischen Inseln aus per Schiff beliefert, weshalb Seeleute den Hafen Gioia Tauro in Kalabrien auch als „Coca Tauro“ bezeichnen. Der Handel mit der Droge verbindet Partner verschiedener Nationalität, Muttersprache und sozialer Stellung – und nicht nur Berufskriminelle, sondern auch Unternehmer, Politiker, Bankiers, Reeder und Schiffseigner, die das schnelle Geld suchen. Sie brauchen für ihre Geschäfte keine Freihandelsverträge, sie zahlen keinen Zoll, und weder der Brexit noch Donald Trump können ihnen etwas anhaben, weil sich die Gier nach Kokain von einer Grenzmauer nicht aufhalten lässt.

Schon beim Gedanken an das weiße Pulver läuft den Konsumenten das Wasser im Mund zusammen. Sie bereiten ihre Line vor, ziehen sie, und in ihren Gliedern beginnt es wie Ameisen zu kribbeln, während die Schleimhäute gierig noch das letzte Stäubchen absorbieren. Dann wie ein Hammerschlag: Euphorie, Glücksgefühle, Allmachtsfantasien, die den organisierten Drogenschmuggel am Laufen halten.

Doch bevor das Kokain in die Hände der Kunden gelangt, durchläuft es einen langwierigen Prozess, dessen wichtigste Stufe der Transport ist, weil der Stoff, um Europa zu erreichen, den halben Erdball umrundet, entweder mit den eigenen Schiffen der Rauschgifthändler oder aber auf Frachtern, zwischen der Ladung versteckt, die genauso gut aus Düngemitteln wie auch Atommüll oder Schrott bestehen kann. Auch in Tiefkühlfisch, künstlichen Bananen aus Glasfaser, in losem Mehl, im Steuerruder einer Jacht oder im Motor einer Fähre wurde Kokain schon versteckt. Aus den Drogenküchen und Laboren wird das Kokain zunächst mit sogenannten Mutterschiffen in internationale Gewässer gebracht, um dort entweder umgeschifft oder aber an Schwimmkörpern befestigt und mit einem Peilsender ins Wasser geworfen zu werden, wo Schnellboote es auffischen. In der warmen Jahreszeit werden dafür auch Jachten und Segelboote eingesetzt, die im dichten Schiffsverkehr nicht weiter auffallen. Jene Schiffe, die von den Mutterschiffen die Ware übernehmen, nennt man in Lateinamerika auch „Mulis“. So ein „Muli“ begibt sich manchmal direkt auf die Fahrt über den Atlantik zu seinem Zielort. Wenn die Dealer jedoch kein Schiff besitzen oder Marineschiffe patrouillieren, kann das Kokain auch in Container gepackt und als „legale“ Fracht getarnt auf den großen Handelsfrachtern verschifft werden. Deren Kapitäne wissen nicht, was sie transportieren, weil sie nicht befugt sind, die Container auf dem Schiff zu öffnen. Auf dieselbe Art werden auch die Geschäfte der Bosse aus Mexiko und Südamerika mit ihren Kollegen im Mittleren Osten und in Asien abgewickelt: Drogenausgangsstoffe und Waffen im Tausch gegen weiterverarbeitetes Kokain und Heroin.

Der Highway 10, die Autobahn der Drogenhändler, ist heute die bevorzugte Route, um südamerikanische Drogen auf den großen eurasischen Kontinent zu schaffen. In Seemannskreisen wird er so genannt, weil er zehn Grad nördlich der Äquatorialebene der Erde beginnt. Würden wir seinem Verlauf vom amerikanischen Kontinent aus in östlicher Richtung folgen, so würde er uns durch Costa Rica, Kolumbien, Guinea, die Elfenbeinküste, Burkina Faso, Ghana, Nigeria, Kamerun, Tschad, den Sudan, Äthiopien, Somalia, Indien, Myanmar, Thailand, die Philippinen und Mikronesien bis zu den Marshallinseln im Pazifik führen. Der zehnte Breitengrad verläuft durch drei Ozeane sowie zahlreiche Buchten und Meere der fünf Kontinente. Da es auf dieser Schiffsroute zahllose Möglichkeiten gibt, jeden beliebigen Ort der Welt durch weitgehend unbewachte Gewässer zu erreichen, hat sich der zehnte Breitengrad zum Lieblingstransportweg der Drogenhändler entwickelt.

Auf dieser Route bringen mexikanische Drogenhändler – zusammen mit ihren kolumbianischen, galicischen und italienischen Geschäftspartnern, mit afrikanischen Warlords und mit der Al-Qaida im Mittleren Osten – das Kokain nach Europa.

Für die Leute, die auf dem Seeweg Rauschgift schmuggeln, ist die Welt klein und überschaubar: Sie besteht aus Routen für die Übergabe von Drogen, aus Häfen und Zollstellen mit Beamten, die auf ihren Gehaltslisten stehen, aus den „halcones“ (Falken) genannten Spähern, die ihre Ladungen überwachen, und weiteren Informanten, die für sie arbeiten. Auf dem Seeweg haben sie über den Highway 10 Guinea-Bissau zum ersten Drogenstaat der Welt gemacht, Spanien zur Rauschgiftbörse Europas, Panama zum wichtigsten Drehkreuz für den interozeanischen Drogenschmuggel, den Amazonas zum Zubringerfluss und mehrere Pazifikhäfen zu Rauschgifthäfen, wo heutzutage „pizzo“ (das Schutzgeld der italienischen Mafia, das sich die amerikanischen Kartelle abgeschaut haben) bezahlt werden muss, um seine Drogen unbehelligt durch ein bestimmtes Gebiet zu schleusen.

Die Leistungsfähigkeit des Güterverkehrs auf See, so wichtig für die europäische Wirtschaft, begünstigt zugleich den Kokainhandel. Im Europäischen Drogenbericht des Jahres 2016 schreibt die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht von „Anzeichen für eine anhaltende Diversifizierung der Schmuggelrouten nach Europa; so wurden in jüngster Zeit Sicherstellungen der Droge in den Häfen des östlichen Mittelmeers, der Ostsee und des Schwarzen Meers gemeldet“.

Der Kokainhandel ist heute das am stärksten globalisierte Geschäftsfeld des internationalen Verbrechens. Die Gewinne werden in Steuerparadiesen geparkt oder in feudale Wohnsitze in europäischen Ländern investiert, in Diamanten und Kunstwerke, in italienische Luxusautos, in Flugzeug- und U-Boot-Flotten mit Standort in der Karibik, in Vollblutpferde und in Wetteinsätze beim Kentucky Derby, ins Black-Jack- oder Pokerspiel in Las Vegas, in politische Kampagnen in Mexiko; sie dienen aber auch der Ausrüstung illegaler Armeen wie des Drogenkartells Zetas, von Paramilitärs, von Auftragskillern; sie sichern Allianzen zwischen der mexikanischen und der italienischen Mafia und finanzieren Terrororganisationen wie Al-Qaida. Die weiße Farbe des Kokains ist eine Täuschung; blickt man tiefer, dann entdeckt man darin Spuren von Blut, Gewalt und Schrecken.

Aus dem Spanischen von Birgit Weilguny

 

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