Frauen auf Sendung

Isis Elgibali, Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen



In der kurdischen Stadt Halabdscha im Nordirak leben hunderttausende Geflüchtete aus Syrien und dem Zentralirak. Zwei von ihnen sind Hanin Hassan und Hevy Izat Ahmed. Gemeinsam mit der einheimischen Shadan Habeb Fathullah und anderen Frauen machen sie die wöchentliche Sendung „Refugee for Refugee Radio“ bei Radio Dange Nwe. Sie dokumentieren Geschichten von der Flucht und erzählen von Verlusten, Hoffnungen und die Angst vor der Rückkehr in die Heimat. Vier Protokolle


Mehr als nur Kochkurse

PARU ABBAS: Mein Name ist Paru Abbas, ich komme aus Bagdad. Ich unterrichte Handarbeiten und Kochen bei der Nwe-Organisation.
SHADAN HABEB FATHULLA: Sind die Kurse für die Frauen hilfreich?
ABBAS: Ja, sie vermitteln den Frauen ein Gefühl der Unabhängigkeit, und gleichzeitig gehören sie zu einer Gruppe. Viele sagen, die Kurse helfen ihnen auch, sich mental ruhiger zu fühlen, abzuschalten, nach dem, was sie erlebt haben.
FATHULLA: Was würden Sie den Frauen gern sagen, die uns jetzt zuhören?
ABBAS: Kommt  zu uns und lernt etwas! Ihr werdet euch unabhängig und frei fühlen. Mit den neuen Fähigkeiten könnt ihr euer eigenes Geld verdienen. Ihr könnt für euch und eure Familie sorgen und seid nicht von euren Männern abhängig. Ihr werdet eure eigene Identität haben.
Es ist so wichtig, dass Frauen verstehen, dass sie auch von zu Hause aus arbeiten können.“

Viel verloren, aber überlebt

HANIN HASSAN: Willkommen zu unserer Sendung, heute ist Amera Atala bei uns, IDP (internally displaced person, deutsch: Binnengeflüchtete, Anmerkung der Redaktion) aus der Provinz Anbar. Wir würden gerne wissen, mit welchen Schwierigkeiten Sie zu kämpfen hatten.
AMERA ATALA: Um ehrlich zu sein, gab es sehr viele Schwierigkeiten. Wir sind von Ort zu Ort gezogen. Es war sehr schwierig. Unser Zuhause ist nahe Falludscha (die Stadt war bis Juli 2016 von der Terrororganisation „Islamischer Staat“ besetzt). Wir mussten vor den Bomben von Daesh (arabische Bezeichnung für den „Islamischen Staat“, Anmerkung der Redaktion) und den Militärflugzeugen fliehen.
HASSAN: Haben Sie auf Ihrer Flucht viel verloren?
ATALA: Wir haben viele materielle Dinge verloren, unsere Häuser, wissen Sie. Aber, Gott sei Dank: Wir haben keine Menschenleben verloren.

HASSAN: Wie finden Sie das Leben in Halabdscha? Einige Leute sagen, dass es sehr schwierig ist hier zu leben.
ATALA: Das habe ich so nicht erlebt. Das Leben hier ist zwar nicht leicht, aber die Bewohner von Halabdscha waren wirklich sehr nett und hilfsbereit.

Heimkehr nicht möglich

HANIN HASSAN: Mein Gast heute ist Umm Souhad aus der Provinz Diyala, willkommen in unserer Sendung. Warum sind Sie aus Diyala geflohen und nach Halabdscha gekommen?
UMM SOUHAD: Wir sind vor Daesh geflohen. Das Gebiet ist jetzt wieder befreit, aber man erlaubt uns nicht, zurückzukehren.
HASSAN: Wie sieht es momentan dort aus? Wissen Sie, wer die Provinz kontrolliert?
UMM SOUHAD: Wir wissen es nicht. Es heißt, es seien Milizen, irgendwelche Gruppen, die Armee, wir wissen wirklich nicht, was los ist. Wir dürfen nicht zurückgehen.

Keine Hilfe

HEVY IZAT AHMED: Begrüßen Sie unseren Gast für heute, Alia Umm Mohammed aus der Provinz Diyala. Umm Mohammed, worüber möchten Sie heute sprechen?
ALIA UMM MOHAMMED: Ich bin aus Diyala geflüchtet und ich möchte mich über die arabischen Länder beschweren. Wir sind Sunniten, warum helfen sie uns nicht? In meiner Familie sind wir sechs Leute. Ich habe kein Geld, um ein Haus ür meine Familie zu mieten, warum helfen uns die arabischen, die sunnitischen Länder nicht? Die Kurden in Halabdscha haben uns geholfen. Sie lassen mich umsonst in einem Zimmer in ihrem Haus wohnen. Ich möchte den Leuten in Halabdscha danken. Die arabischen Staaten verhöhnen uns. Hilfsorganisationen un- terstützen uns, aber nicht die arabischen Länder. Wir haben alles verloren, unsere Häuser, unsere Verwandten, warum helfen sie uns nur nicht?

Protokolliert von Isis Elgibali

 

Ähnliche Artikel

Inhalt

Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen

mehr


Der Blitz trifft immer Schwarze

Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen, Mukoma wa Ngugi

Dem Rassismus gegen Afro-Amerikaner kann man derzeit in den USA nicht entkommen von Mukoma Wa Ngugi

mehr


"Man muss Risiken eingehen, um sich zu verwirklichen"

Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen, Anoosh Raki, Arash Shadram

Techno im Gottesstaat – für zwei iranische DJs kollidierten persönliche
Träume mit Tradition und Gesetz. Ein Gespräch mehr


Links im Urwald

Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen, José Gil Olmos

Ehemalige Guerilla-Kämpfer leben in Mexiko in funktionierenden Kollektiven zusammen von José Gil Olmos mehr


Indien: Handys mit Paniktaste

Ausgabe III/2016, Das neue Italien

Ab 2017 soll jedes Smartphone, das in Indien verkauft wird, mit einer Notruf­taste ausgestattet sein. Damit sollen Frauen bei Gefahren schneller Hilfe rufen können. Der Notruf soll durch lang anhaltendes Drücken der Taste 5 oder 9 sowie durch wiederholtes Betätigen des Ein-/Ausschalttaste des Telefons aktiviert werden. Die indische Regierung reagiert mit dieser Maßnahme darauf, dass immer mehr Frauen sexuelle Übergriffe melden. mehr


Norwegen: Radio nur noch digital

Ausgabe III/2015, Russland

Norwegen wird seine UKW-Rundfunk­übertragung endgültig abschalten. Ab 2017 geht das Radio dann nur noch digital „on air“. Die Digitalisierung des Radios ist vergleichbar mit dem Technologiewechsel von analogem Fernsehen auf den Digital-Standard DVB-T. Statt fünf nationalen Radio-Sendern gibt es in Norwegen dann Kapazitäten für 42 Kanäle. Die Umstellung soll 200 Millionen Norwegische Kronen (rund 23,5 Millionen Euro) einsparen, die in die Förderung des Radioprogramms fließen sollen. mehr