Die schwarze Medici

Igiaba Scego, Ausgabe III/2016, Das neue Italien



Afroitaliener sind bis heute Bürger zweiter Klasse

Im Walters Art Museum in Baltimore hängt ein Gemälde des italienischen Malers Jacopo da Pontormo. Auf dem Bild sind eine reife Frau und ein junges Mädchen zu sehen. Die Frau thront hoch im Bild, ihr Finger sind – wie für den Manierismus der Spätrenaissance üblich – unnatürlich lang, ihre ganze Figur streckt sich in die Vertikale. Doch etwas an dem jungen Mädchen stört diesen Stil. Es hat ein rundes, ganz und gar nicht manieristisches Gesicht, schmollend, beinahe ungeduldig sieht es aus. Man muss genauer hinsehen, um zu erkennen: Das Mädchen hat ein typisch afrikanisches Gesicht und leicht bernsteinfarbene Haut.
Das Porträt, das Pontormo 1537 erschuf, ist wohl eine der ersten Abbildungen einer namentlich bekannten Afroitalienerin. Die Porträtierte ist Giulia de’ Medici und ihre Herkunft ist kein Geheimnis. Gulias Vater, Alessandro de’ Medici, der Herzog von Florenz, war der Sohn von Lorenzo II. de’ Medici und Simonetta di Collevecchio, einer Sklavin afrikanischen Ursprungs. Seit ich das Gemälde zum ersten Mal gesehen habe, hat Giulia einen festen Platz in meinem ganz persönlichen afroitalienischen Pantheon. Sie ist dort gut aufgehoben zwischen Menschen wie Giorgio Marincola, einem aus Somalia stammenden Partisan, der 1945 in Stramentizzo in einem der letzten nazi-faschistischen Massaker in Italien starb, und Alessandro Sinigaglia, einem schwarzen Juden, Toskaner und Partisanen, der unter dem Decknamen „Vittorio“ den Widerstand gegen Mussolini mitorganisierte. Die Liste ist lang, voll von berühmten Figuren afroitalienischen Ursprungs, die ich als meine Vorgänger sehe. Ich könnte sie ewig fortsetzen, aber sie hat nicht viel mit meiner eigenen, mit der Geschichte der Afroitaliener der Gegenwart zu tun. Die ist viel jünger.
Geboren wurde meine Generation in der Zeit, in der Italien von einem Land der Auswanderung zu einem Land der Einwanderung wurde. In den 1970er-Jahren verwandelten sich Rom, Mailand, Turin, Neapel und Palermo in Städte, aus denen man nicht mehr nur abreiste, sondern in denen man blieb. Erst kamen Menschen aus Eritrea und Somalia, unter ihnen auch meine Eltern. Sie flüchteten vor Diktaturen und Dürreperioden und spürten eine seltsame Verbindung zu Italien, das einerseits Kolonialmacht und Feind, andererseits eine Art europäisches Mutterland für sie war. Dann kamen die Migranten von den Kapverdischen Inseln. Sie waren von den katholischen Missionen geschickt worden, um als Pflegepersonal und als Hausangestellte zu arbeiten. In den 1990er-Jahren gipfelten diese Entwicklungen schlussendlich in einer von den Medien und der Politik als „Einwanderungsnotstand“ ausgerufenen Situation. Migranten aus dem Senegal, aus Marokko und Algerien standen an den Grenzen. Die Medien begannen, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen.
Doch während das Thema Einwanderung nun problematisiert und unsere Eltern wahrgenommen wurden, blieben wir, die als zweite Generation in Italien geboren wurden und aufwuchsen, unsichtbar. Wir bevölkerten die Klassenzimmer mit unseren großen Augen, unserer schwarzen Haut, unseren krausen Locken, wir eigneten uns den römischen oder lombardischen Dialekt an, wir machten Italien zu unserer Heimat, aber Italien wollte nicht zu unserer Heimat werden. Wer Glück hatte, dessen Eltern wurden eingebürgert und übertrugen das Recht auf Staatsbürgerschaft automatisch auf ihre Kinder. Der Rest von uns hatte eben Pech gehabt – und das bis heute: Auch im Jahr 2016 gilt in Italien noch das Recht des Blutes und nicht das Recht des Bodens. Viele Afroitaliener, die in Italien geboren sind, haben keine italienische Staatbürgerschaft. Die Aktivistin Queenia Pereira de Oliveira hat den kafkaesken Zustand der zweiten ­afroitalienischen Generation passend beschrieben. Es sei ein bisschen so, als könnte „der Eigentümer unseres Hauses jederzeit das Schloss auswechseln und uns draußen vor der Tür stehen lassen“.
Afroitaliener sind bis heute Ausländer im eigenen Land, so hat es der italoägyptische Rapper Amir ausgedrückt und so fühlen es die meisten von uns. Ohne Staatsbürgerschaft gibt es kein Mitspracherecht in den Angelegenheiten des Landes, keine Reisefreiheit, keine Jobchancen. Die Frustration nimmt zu. Anderswo kann ein Sadiq Khan Bürgermeister von London werden, in Italien dürfen die vielen Sadiq Khans noch nicht einmal zur Wahlurne gehen.
Dabei ist die institutionelle Diskriminierung nur eine Seite des Problems. Der Rassismus, die Afrophobie, ist die andere. Ich erinnere mich gut daran, wie italienische Zeitungen in den 1990er-Jahren anfingen, in einem besorgten Ton über die Afroitaliener zu berichten. Viele junge Leute afrikanischen Ursprungs versammelten sich gerade in jenen Jahren oft auf der Piazza Mancini in Rom, im Stadtviertel Flaminio. Es war eine gemischte, auf keine bestimmte soziale Schicht bezogene Gruppe, in der Kinder von Diplomaten mit Kindern von Proletariern zusammenkamen. Man hörte Rap, man sprach über Politik und viele machten sich auf diesem Platz zum ersten Mal klar, dass sie nicht wie die anderen waren. Das löste Beunruhigung aus. Die Zeitungen berichteten über Gangs und Kriminalität. Man zeigte mit Fingern auf die Jungen und Mädchen der Piazza Mancini, als seien sie eine Gefahr. Es war ein Schock für Italien, uns dort zu sehen. Man wusste nicht, wie man uns einordnen sollte. Wir waren keine Ausländer, aber wir waren auch keine Italiener.
Das lag und liegt bis heute daran, dass die afrikanische Vergangenheit Italiens, der Kolonialismus mit seinem immer noch üppigen Reservoir an Diskriminierungen und Stereotypen nachwirkt. Kaum hatte Italien die staatliche Einheit errungen, da machte sich das Land auf, Afrika zu erobern. Weil das alle machten. Und weil man hoffte, dadurch einen nationalen Geist zu schaffen, den es auf der Apenninenhalbinsel vorher nie gegeben hatte. Angetrieben von einem unter der faschistischen Regierung neu entfesselten Nationalismus eroberte man Äthiopien und triumphierte, auch mit dem Einsatz von Giftgas, über die „anderen“. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss Italien dann, den Kopf in den Sand zu stecken. Es gab keine Nürnberger Prozesse, Kriegsverbrecher blieben auf ihren Posten. Der Prozess der Entkolonialisierung und Entfaschistisierung wurde schlicht übersprungen. Jetzt, wo wir Afroitaliener hier sind, in diesen Zeiten der Migration und Transformation, macht sich das bemerkbar. Die alten Klischees tauchen wieder auf. Es kommt vor, dass schwarze Italiener mit Bananen beworfen werden, so wie es kürzlich der Ministerin für Integration Cécile Kyenge passiert ist, oder auf der Straße im Vorbeigehen das faschistische Lied „Faccetta nera“, „Schwarzes Gesichtchen“, angestimmt wird – faktisch eine Hymne auf koloniale Vergewaltigungen.
Doch Aufgeben ist keine Option. Wir sind Teil dieses Landes, wir sind keine Fremden – und es ist vor allem die Kunst, die dabei hilft, nicht alle Hoffnung zu verlieren. Man denke nur an die außerordentliche Arbeit von Fred Kuwornu, dessen Mutter Jüdin und Italienerin und dessen Vater ein Chirurg aus Ghana ist. In seinem Projekt „Blaxploitalian – 100 Years of Blackness in Italian Cinema“  verfolgt er die Rolle von Afro-Italienern im italienischen Film. Man denke an Jonis Bascir, der in seinem Theaterprojekt „BEIGE – L’importanza di essere diverso“ („Anders sein ist wichtig“) Stereotypen und Diskriminierungen mit Ironie begegnet und herausstellt, wie komplex die italienische Identität ist. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr allein.
Im Fernsehen spielt Tezetà Abraham, eine junge Frau, die in Djibouti geboren und im Alter von fünf Jahren nach Rom kam, seit Kurzem eine kleine Rolle in der Serie „È arrivata la felicità“ – „Es kam das Glück“. Sie spielt Francesca, eine Tochter von Ausländern, die aber waschechte Römerin ist. Sie arbeitet in einer Spielothek zwischen Büchern und Kindern. Sie ist eine ironische Frau, eine positive Figur, eine Art Bridget Jones, die immer ein bisschen Pech in der Liebe, aber viele Träume in der Schublade hat. Doch die Figur der Francesca ist mehr als das, sie steht sinnbildlich für eine kleine Kulturrevolution: Zum ersten Mal ist in einer vom staatlichen Fernsehen produzierten Serie eine schwarze italienische Frau zu sehen, die keine untergeordnete Rolle spielt. Wenn der große Fortschritt ausbleibt, dann sind es eben die kleinen Dinge, die uns Afroitalienern Hoffnung machen.

Aus dem Italienischen von Gesa Schröder

Igiaba Scego, geboren 1974 in Rom, ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie schreibt für verschiedene Zeitschriften, unter anderem für L’Unità und Internazionale, und ist die Herausgeberin mehrerer Anthologien. Ihre Eltern kamen nach dem Militärputsch von 1969 aus Somalia nach Italien. Scego lebt in Rom.

 

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