Wie der soziale Frieden des Westens mit der Stabilität im Nahen Osten zusammenhängt. Ein Gespräch mit Eva Illouz">

"Das ferne Elend ist zuhause angekommen"

Eva Illouz, Ausgabe II/2016, Neuland



Wie der soziale Frieden des Westens mit der Stabilität im Nahen Osten zusammenhängt. Ein Gespräch mit Eva Illouz

Frau Illouz, was denken Sie, wenn Sie die Bilder von Booten mit flüchtenden Menschen sehen, die ihr Schicksal Schmugglern anvertrauen, um Europa zu erreichen?
Ich denke an die bittere Ironie, die in diesen Bildern liegt. Von der Verzweiflung anderer zu profitieren, ist ein altes Gewerbe, und doch stehen diese zynischen Schmuggler ironischerweise im Dienste der Menschlichkeit. Diese Flüchtlinge symbolisieren das, wofür Europa steht, ein Leuchtfeuer der Hoffnung für die Menschlichkeit. Europa ist das Ziel, für das die Verfolgten ihr Leben riskieren. Welche größere Hommage kann man ihm zollen?

Diese Hommage an unsere Werte wird in Europa wenig gesehen. Warum sprechen wir stattdessen meist über die Frage, wie Geflüchtete unsere Gesellschaften verändern werden?

Ich glaube, weil eine große Herausforderung auf den europäischen Wohlfahrtsstaat zukommt, der seinen Mitgliedern Privilegien einräumt, seien diese Staatsangehörige oder Beschäftigte innerhalb der Staatsgrenzen. Die traditionelle Rolle des Staates bestand darin, seine Bürger vor Feinden zu beschützen und für eine Infrastruktur zu sorgen, die wirtschaftlichen Wohlstand und sozialen Zusammenhalt ermöglicht. Im Austausch arbeiten die Bürger, zahlen Steuern und halten sich an Gesetze. Die Flüchtlingskrise zwingt uns, unsere Vorstellung der Solidarität auf alle Mitglieder der Menschheit auszuweiten.

Welche Auswirkungen wird das auf Europa haben?
Bislang erfüllte Europa seine humanitäre Berufung durch das Senden medizinischer Missionen nach Afrika, durch Geldspenden an das Rote Kreuz oder direkte Unterstützung für andere Länder. Das ferne Elend ist nun aber zu Hause angekommen. Europa muss jetzt einsehen, dass der eigene soziale Frieden mit der Stabilität des Nahen Ostens einhergeht.

Dennoch wird in der Debatte in Europa weniger diese gegenseitige Abhängigkeit betont als die kulturellen Unterschiede.
Dass die Flüchtlingskrise vor dem Hintergrund des internationalen Terrorismus geschieht, ist eine besonders unglückliche Überschneidung, weil viele Leute nicht umhinkönnen, eine Verbindung zwischen der grässlichen Gewalt und den Flüchtlingen zu sehen. So werden die geflüchteten Menschen auf dreierlei Weise als Bedrohung empfunden: wirtschaftlich, kulturell und in Bezug auf die persönliche Sicherheit. Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln bedienten alle diese Ängste zugleich. Auch wenn ich glaube, dass die Bedrohung mehr imaginär als real ist, sollte man imaginäre Ängste niemals unterschätzen. Hass und Angst bauen auf diesen Vorstellungen auf.

Was sollten wir also tun?
Ich glaube nicht, dass die wahre Herausforderung eine wirtschaftliche ist. Ein kleines Land wie Israel schaffte es, in den 1990ern eine Million russische Immigranten zu integrieren. Das Schwierige ist die kulturelle Integration. Geschichtlich gesehen, gründeten sich westliche liberale Gesellschaften auf der Toleranz verschiedener Religionen. Der Staat entwickelte sich zu einem neutralen Rahmen, innerhalb dessen jeder seinen Glauben frei ausleben konnte. Gesellschaften sahen sich zunehmend als nicht religiöse Einheiten, Religion wurde ins Private verschoben. Die Möglichkeit, dass Religion eine konstitutive Rolle für ganze Minderheiten und deren Gemeinschaften spielen könnte, wurde in diesem Modell nie bedacht.

Stoßen deshalb besonders muslimische Flüchtlinge auf Ablehnung?
Ich glaube, die Präsenz von Muslimen verursacht Angst bei Christen, die zum ersten Mal glauben, dass es eine ernsthafte Konkurrenz für die Hauptreligion des Kontinents gebe. Aufseiten der politischen Linken hingegen denken viele, dass der für die Demokratie grundlegende Säkularismus von der Religiosität bedroht sei. Christentum und Säkularismus sind der fundamentale Kern europäischer Identität, und beide fühlen ihre unangefochtene Vormachtstellung infrage gestellt. Soll der säkulare Staat religiösen Gemeinschaften helfen, sich selbst zu organisieren? Oder soll er eine säkulare Erziehung verlangen?

Müssen wir also akzeptieren, dass Europa religiöser wird?
Man kann Bevölkerungen nicht zwanghaft ihre religiösen Bezugssysteme entziehen. Das heißt aber nicht, dass die europäische Kultur ihren säkularen Kern aufgeben sollte. Religionen leben nur gut miteinander, wenn von oben, von säkularen Institutionen vermittelt wird. Der Staat hat das Recht, eine bestimmte Art von Religion zu unterstützen, wenn sie für Modernität und Menschenrechte offen ist. Er hat auch das Recht, bestimmten Arten der Religiosität entgegenzuwirken, die die kollektive Solidarität stören. Ebenso hat er das Recht, die Werte zu erklären, für die sich europäische Gesellschaften einsetzen. Säkularismus, Universalismus, Freiheit und Toleranz sind die Werte, für die Europa steht und auf die es sich im Umgang mit den geflohenen Menschen festlegen kann.

Wenn wir unsere Grenzen für Geflüchtete schließen, widersprechen wir damit nicht genau diesen Werten?
In der Moralphilosophie gibt es das Konzept der unvergleichbaren Güter. Hier sind zwei davon betroffen, und man kann nicht sagen, welches wichtiger ist. Eines ist „devoir d’humanité “, die Pflicht Menschen zu helfen, die lebensgefährlichen Umständen entfliehen. Das andere ist sicherzustellen, dass die eigene Gesellschaft ihren Zusammenhalt behält, dass sie nicht zerfällt. Wie viele Flüchtlinge können wir aufnehmen, bis wann und unter welchen Bedingungen? Da herrscht eine Spannung zwischen Moralität und Politik. Solange Nationen mit diesen Fragen hadern, verlieren wir unsere Menschlichkeit nicht. Aber in Ungarn etwa gab es diese Debatte nicht. Es wurde sofort entschieden. Das finde ich nicht akzeptabel. Ich glaube, dass Europa und Amerika die Pflicht haben, die Flüchtlingskrise zu beheben. Es könnte ein Fünfjahresplan entwickelt werden, um geflüchteten Menschen dabei zu helfen, dort zu leben. Nach diesen fünf Jahren, abhängig von der Situation im Nahen Osten, könnten sie bei ihrer Rückkehr oder der Suche nach einem neuen Zuhause in Europa unterstützt werden.

In sozialen Netzwerken streiten immer mehr Menschen diese Pflicht zu helfen ab. Fehlt es an Mitgefühl?
Ich glaube, es ist Hass. Ich glaube, es fehlt nicht an Mitgefühl, sondern es ist eine hemmungslose Zurschaustellung von Hass.

Wie könnte man die Entwicklung eines solchen Hasses verhindern?
Das ist eine gute Frage. Hass ist ein Verwandter der Angst. Die politische Linke macht den Fehler, diese Ängste zu schnell als rassistisch abzustempeln. Ein Teil des Rassismus ist der Glaube an die eigene „rassische“ Überlegenheit. Mit diesem Teil ist kein Dialog möglich. Aber ein anderer Teil von Rassismus entsteht durch Angst und Unwissenheit, und diese können angesprochen werden. Angst wird zu Hass und Wut, wenn sie nicht angesprochen, sondern ihr mit moralischer Ablehnung und Überlegenheit begegnet wird. Der globale Kapitalismus hat die Welt der Arbeiterklasse in unsichere und heikle Bedingungen geführt. Für die Arbeiterklasse ist die Zugehörigkeit zur europäischen Kultur und zum Nationalstaat ein Grund für Stolz und Identitätsgefühl. Ihre Wahrnehmung von Flüchtlingen ist zwangsläufig eine andere, als die der kosmopolitische Elite, die sich problemlos in globalen Netzwerken bewegt. Wegen seiner Geschichte ist es in Deutschland tabu, Ängste anzuerkennen, wenn diese einen rassistischen Beigeschmack haben. Dieses Tabu sollte nicht ignoriert, sondern angesprochen werden. Es ist keine Schande zu fragen, woher diese Ängste kommen und wie sie beruhigt werden können, anstatt sie von oben herab abzutun.

Was können wir tun, um unsere Werte zu bewahren?
Wir sollten als Erstes Führungspersonen innerhalb der Flüchtlingsgemeinschaften finden, mit denen wir direkt reden können und die ihre Gemeinschaften lenken können. Diese Führungspersonen müssen wir stärken und sie ihre eigene Autorität auf ihre Menschen ausüben lassen. Europäer sollten nicht bevormundend oder autoritär auftreten. Wir sollten diese Menschen nicht als Mob sehen. In erster Linie sollten wir ihnen helfen, sich zu organisieren, damit sie dann diese Ordnung nutzen können, um sich durch ihre eigenen Institutionen zu integrieren. Wenn sie ihre eigenen gesellschaftlichen Strukturen im Kleinen aufbauen, dann können unsere Werte über diese Strukturen aufgenommen werden.

Das Interview führte Timo Berger

 

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