Sehnsucht nach Damaskus

Suleman Taufiq, Ausgabe I/2016, Was bleibt?



Wie meine Familie an die verlorene Heimat Syrien zurückdenkt

Meine Nichte flüchtete mit ihrer Familie vor einem Jahr aus Syrien. Wenn sie den Lärm von einem Zug oder einen Donner hört, erschreckt sie sich fürchterlich und versteckt sich in der Wohnung. Sie erinnert sich an Flugzeuge, Panzer oder Explosionen. Sie braucht dann einige Minuten, um sich zu beruhigen und festzustellen, dass sie in Deutschland ist und nicht in Syrien.

Viele Flüchtlinge reden viel von der Vergangenheit. Ihre Erinnerungen sind fast mit Händen zu greifen, ständig zu spüren. In ihren Gedanken sind sie immer noch in Syrien. Sie leben in ihrer Erinnerung und beweinen ihre schöne Vergangenheit.

Das beobachte ich auch bei meiner Familie, die nach Deutschland geflüchtet ist. Wahrscheinlich  werden sie sich ihr Leben lang nach Damaskus sehnen, aber vielleicht raubt ihnen die Zeit auch noch die guten Erinnerungen daran. Dann bleibt ihnen nur noch die Sehnsucht. Sie verbindet sich mit ihren Erinnerungen an das Heimatland. Denn Erinnerung hat auch etwas mit Sehnsucht zu tun.

Das Wanderleben der Menschen, die von Ort zu Ort ziehen, macht sie hilflos, heimatlos, es entwurzelt sie. Doch es erfüllt sie auch mit einem Traum, einer Sehnsucht nach einem Leben, in dem sich so etwas wie ein fester Bezugspunkt, ein Stückchen Zuhause, ein wenig Geborgenheit finden ließe. Solche Träume entstehen in einem Leben, das kaum mehr Hoffnung auf ein Ende der Verlorenheit zulässt. Doch die Erinnerung lässt sich nicht ausradieren, sie hockt ständig in einer Ecke ihres Bewusstseins.

Ihre aktuelle Situation löst Ängste bei den Flüchtlingen aus. Die Angst lässt Realität und Phantasie oft ineinander übergehen. Die Erfahrung der Fremdheit und des Nicht-aufgehoben-Seins erzeugt den Wunsch, umso mehr an den Erinnerungen festzuhalten.

Für sie gibt es auch keinen echten Abschied von der Heimat. Syrien ist immer noch ihr Land. Sie haben kein anderes. Arabisch ist immer noch ihre Sprache. Sie verbinden viele Erinnerungen mit ihrer Heimat, mit der Sprache, mit Gerüchen, Geräuschen, Düften und Musik, die jeder Mensch in seiner Kindheit aufnimmt und die ihn ein Leben lang begleiten.

Sie erinnern sich an fröhliche Basarszenen, Straßenszenen und Feste. Diese Erinnerungen stoßen die Tür zu ihrer Sehnsucht auf nach einer Welt, die unterzugehen droht oder vielleicht sogar schon verloren ist. Ihre Sehnsucht können sie auf Deutsch noch nicht ausdrücken: Es sind Erinnerungen an das verloren gegangene Glück, aber auch unangenehme Erinnerungen, die sie hinter sich lassen wollten.

Jeder trägt ein altes geistiges, emotionales und persönliches Erbe mit sich. Darin sind auch die Erinnerungen an die Kindheit und die Bilder aus der Heimat, die noch in der Phantasie und im Kopf hängen geblieben sind, entstanden. Es sind Ereignisse, die in ihren Gefühlen bleiben. All dies wohnt in den Menschen.Die Kultur, in der sie aufwuchsen, war geprägt von familiärem Zusammenhalt und von einer Tradition, die ihnen Maßstäbe für das Leben an die Hand gab.

Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, sehnen sich nach der Kultur. „Wenn du deine Heimat verlässt, verlässt du nicht nur das Land, du verlässt dein eigenes Leben, deine Familie, die Freunde, die Farben, die Gerüche, die Liebe, du verlässt alles“, meinen meine Verwandten. Oft wird die Erinnerung in der Fremde zum einzigen Fluchtpunkt, der Halt verspricht. Die Idealisierung der Vergangenheit bietet Schutz vor der bedrohlich erscheinenden neuen Umwelt.

Die Flucht in die Fremde zwingt jeden, sich selbst zu begegnen, in sein Inneres zu horchen. In der Fremde beginnt man zum ersten Mal, über bestimmte Fragen nachzudenken: Wer bin ich noch? Was machen wir jetzt hier? Die Fremde zwingt uns, das Archiv unseres Lebens zu öffnen, um uns neu zu entdecken. In der Fremde gehen meine Verwandten wie alle Menschen in Gedanken zurück in die Zeit, in der sie Kinder waren und in den Gassen von Damaskus spielten, zurück zu ihren ersten körperlichen Erfahrungen.

In der Erinnerung und in der Phantasie ist ihre Heimat zum Mythos geworden und schließlich sind sie selbst zum Opfer dieses Mythos geworden, ohne es bemerkt zu haben. Getragen von einer intimen melancholischen Stimmung, schwelgen meine Verwandten in Erinnerungen, in denen eine tiefe Gefühlswelt mitzuschwingen scheint, hervorgerufen durch die beengenden Erfahrungen in Syrien.

 

Ähnliche Artikel

Die Erotik der Pfifferlinge

Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen, Nicolás Gelormini

Weshalb man als argentinischer Übersetzer an deutschen Pilzen verzweifeln kann mehr


Aufwachen mit Heine

Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen, Yushu Zhang

Wie deutsche Klassiker uns Chinesen Erkenntnis, Moral und Gefühle lehren mehr


„Der Kulturbetrieb läuft weiter“

Ausgabe III/2014, Iraner erzählen von Iran, Jumana al-Yasiri

Theater spielen mitten im Bürgerkrieg, Romane schreiben im Krisengebiet? Ein Gespräch mit der Kuratorin Jumana al-Yasiri über das kulturelle Leben in Syrien mehr


Wer liefert die schrecklichsten Gräueltaten?

Ausgabe II/2017, Breaking News, Patrick Cockburn

Über Fehler in der Berichterstattung aus Syrien und dem Irak mehr


„Es gibt keine historische Wahrheit“

Ausgabe I/2016, Was bleibt?, Milo Rau

Milo Rau inszeniert Theaterstücke über Ereignisse, die sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt haben. Ein Gespräch
mehr


Unerträglich nah

Ausgabe I/2007, Was vom Krieg übrig bleibt, Marijana Senjak

Zehntausende von Frauen wurden während des Krieges in Bosnien-Herzegowina vergewaltigt. Oft können sie nicht mit ihren Männern darüber reden
  mehr