Die grauen Herren von der Wall Street

Tijo Salverda, Ausgabe I/2015, High. Ein Heft über Eliten



Jeder spricht von der globalen Finanzelite. Wer sind die überhaupt?

Vor der Finanzkrise von 2007/2008 hat es kaum jemanden interessiert, was Banker tun. Erst das Chaos, das die Krise rund um den Erdball auslöste, hat den Blick dafür geschärft, wie sehr die Profis an den Finanzmärkten Einfluss auf unsere Leben nehmen. Der Mann im Nadelstreifenanzug symbolisiert heute die Arroganz einer global agierenden Finanzelite, die sich um die Konsequenzen ihres Handelns für den Rest der Gesellschaft kaum schert. Sehr viel mehr ist über diese Elite allerdings nicht bekannt, nicht zuletzt deshalb, weil die Märkte, in denen sie agiert, oft als autonome, gesichtslose Systeme betrachtet werden. Mit den Worten von Richard Fuld, dem letzten Vorstandsvorsitzenden von Lehman Brothers – jener Bank, deren Bankrott die Finanzkrise zu einer globalen Katastrophe machte – war die Krise ein „Finanz-Tsunami“, wogegen kein Normalsterblicher hätte Vorsorgen treffen können.

Sind die Finanzmärkte wirklich so unpersönlich, wie sie oft dargestellt werden, und war die Finanzkrise nur eine Art Naturkatastrophe? Was erkennt man, wenn man sich die Gesichter hinter diesen Systemen genauer ansieht? Regiert die globale Finanzelite wirklich die Welt?

Zuallererst ist es schwer, Finanzprofis als Elite im traditionellen Wortsinn zu definieren. Sie sind weder eine Gruppe, die sich lokal verorten ließe wie nationale Eliten, noch sind sie über Beziehungen eng verbunden. Abgesehen von leitenden Angestellten, die für Institute wie die Deutsche Bank, Goldman Sachs oder JPMorgan Chase arbeiten, handelt es sich um Hedgefondsmanager, institutionelle Anleger, Hochfrequenzhändler oder Anwälte. Sie stammen aus aller Herren Länder und wohnen in den Finanzzentren der Welt, zum Beispiel in London, New York, Frankfurt, Singapur, Hong Kong, Dubai – und einigen Schweizer Kantonen. Es lassen sich daher nur schwer Motivationen und Vorgehen ausmachen, welche „die Finanzelite“ eint.

Doch obwohl Finanzexperten keine Elite im traditionellen Sinn sind, kann man sie doch als solche begreifen. In Anlehnung an den argentinischen Anthropologen Horacio Ortiz stehen Finanzprofis im Zentrum der Ressourcenverteilung und gestalten das Finanzsystem mit. Das verleiht ihnen eine herausragende Machtstellung. Sie eint das Interesse, das System zu erhalten, auch wenn sie weit voneinander entfernt und ohne direkte Beziehungen arbeiten. Ihre Hauptverbindung besteht darin, dass sie alle in den elektronischen Bereichen der globalen Finanzmärkte tätig sind. Demzufolge lässt sich auf diese Finanzexperten der Begriff der „Eliten“ – eher im Plural als im Singular – anwenden.

Ein offensichtliches Merkmal der elitären Stellung von Finanzprofis ist ihr Einsatz, wenn es darum geht, die eigenen Interessen zu schützen. Das hat die Zeit nach der Finanzkrise deutlich gezeigt. Streng genommen setzten sie nur die gezielte Lobbyarbeit fort, die sie schon vor der Krise betrieben hatten und die von Anfang an dazu beigetragen hatte, dem Finanzsystem eine wichtige Stellung innerhalb der Gesellschaft zu sichern.

Doch im Gegensatz zur Vergangenheit, wo dieser Lobbyismus wenig mediale Beachtung fand und zum großen Teil im Privaten stattfand, ist er heute viel stärker in das Licht der Öffentlichkeit gerutscht. Gleichwohl finden sich immer noch große Geldhäuser, deren maximale Verschuldungsquote – also das Verhältnis zwischen der Summe des Eigenkapitals der Bank und ihren finanziellen Verpflichtungen – sich kaum verbessert hat. Das könnte darauf hindeuten, dass die Finanzeliten die Fäden noch immer in der Hand halten und sie die Politiker nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Die niedrige Eigenkapitalquote vieler Banken gilt als eine der Ursachen der Finanzkrise. Je geringer diese Quote ist, desto weniger sind die Geldinstitute in der Lage ihre Verluste selbst aufzufangen.

Wenn man jedoch die Rolle, die das Finanzwesen heute spielt, wirklich begreifen möchte, muss man sich von der Vorstellung lösen, dass die globalen Finanzeliten und die nationale Politik Gegenpole sind. Als ob es so wäre, dass die einen den Ton angeben und die anderen folgen. Es ist nicht nur der erfolgreichen Lobbyarbeit der Finanzprofis geschuldet, dass entgegen der politischen Rhetorik die Steuerzahler höchstwahrscheinlich erneut die Rechnung werden zahlen müssen, wenn die nächste Krise hereinbricht. Denn sicherlich gibt es auch aufseiten der Politik ein starkes Interesse daran, profitable Geschäftsmodelle beizubehalten.

Leider gibt es aber auch heute kaum Auseinandersetzungen darüber, wie stark die Interessen von Finanz­eliten und die von Staaten miteinander verwoben sind. Zum Beispiel bemühen sich die Vereinigten Staaten und Großbritannien nach Kräften darum, ihre gegenwärtigen Führungsrollen in der finanziellen Weltordnung aufrechtzuerhalten. Insbesondere Großbritannien würde ohne Londons Finanzdistrikt geopolitisch viel schlechter dastehen. Die derzeitigen Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland, die im Zuge der Ukraine-Krise in den vergangenen Monaten von der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten verhängt wurden, zeigen ebenfalls, wie die Macht von Staaten mit der Kontrolle über die wichtigsten Finanzzentren der Welt steigt. Aus dem gleichen Grund haben weder Deutschland noch Frankreich Interesse daran, ihre Großbanken auf eine potenziell gesündere Größe schrumpfen zu lassen. Die Deutsche Bank und BNP Paribas sichern den Europäern ihre Sitze am großen globalen Finanztisch. Genau wie die Finanzeliten erachten es Staaten also für wichtig, den Finanzsektor zu stützen – auch wenn die einfachen Steuerzahler dafür geradestehen müssen, wenn etwas schiefläuft.

Gerne wird die Finanzwelt (wie die Wirtschaft) als ein neutraler Bereich dargestellt, der außerhalb der Einflussgebiete von Staaten und nationaler Politik operiert und nur ein technisches Verständnis der komplexen Materie erfordert. Im Hinblick auf die Definition einer Elite verfügen die Finanzprofis also über die geeigneten Sachkenntnisse und Erfahrungen, die notwendig sind, um das System am Laufen zu halten. Dadurch übersieht man aber, dass sich die Interessen von Staaten und Finanzeliten oft überlappen. Denn in Wahrheit gibt es kein Finanzwesen ohne Politik. Die Lobbybemühungen der Finanzeliten stehen geradezu exemplarisch für die Bedeutung, welche die Politik für das Funktionieren der Finanzmärkte hat. Ohne den politischen Rahmen könnten diese nicht so agieren, wie sie es tun. Andersherum betrachtet, ist es ganz klar, dass Staaten enorme Möglichkeiten haben, in die Finanzmärkte einzugreifen, wenn sie es möchten.

Die Sanktionen gegen Russland werden ohne Zweifel mancherorts umgangen. Doch insgesamt gab es von den Finanzeliten nur wenig Widerstand. Sie akzeptierten die Forderungen der Politik. In die gleiche Richtung weisen die heftigen Strafen, die eine Reihe von Banken in den Vereinigten Staaten zahlen mussten, weil sie Sanktionen gegen Länder wie Iran oder Kuba verletzt hatten. Mit anderen Worten: Staaten haben weit mehr Möglichkeiten in die Finanzmärkte einzugreifen, als sie der Allgemeinheit weismachen wollen. Sonst würden die Forderungen der Öffentlichkeit an die Politik, mehr zu unternehmen, um die Macht der Finanzeliten zu beschränken, vielleicht lauter werden, als sie es gegenwärtig sind.

Die globalen Finanzmärkte sind zweifelsohne komplex und ein Stück weit auch unpersönlich. Weder die global agierenden Finanzeliten noch Staaten kontrollieren sie völlig. Doch die Probleme – wie die Vorteile –, die aus ihnen erwachsen, hängen sehr von dem Vorgehen realer Personen ab, sowohl innerhalb der Finanzeliten als auch unter den Politikern. Um diese besser zu verstehen, muss man über das gängige Verständnis der Finanzmärkte als unpersönliche und autonom funktionierende Systeme hinausgehen. Und man muss die trügerische Gegenüberstellung von Finanzwesen und Politik, die damit einhergeht, aufgeben.

Aus dem Englischen von Karola Klatt

 

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