"Die Sprachenpolitik hat keinen Effekt"

Ausgabe I/2013, Brasilien: alles drin



Die Europäer sind Sprachmuffel, daran konnte auch die Politik der EU bisher nichts ändern. Ein Gespräch mit dem Sprachenforscher Jan Kruse

Herr Kruse, Sie haben sich mit der Sprachenpolitik der Europäischen Union beschäftigt und das „Barcelona-Prinzip“ untersucht. Was genau ist das?
Die Europäische Union erwartet, dass alle Bürger neben ihrer Muttersprache zwei weitere Fremdsprachen beherrschen. Dieser Beschluss ist im Jahr 2002 bei einem Ratstreffen in Barcelona gefällt worden und im Zuge der Tradition, europäische Entscheidungen nach den Orten zu benennen, an denen sie festgelegt wurden, habe ich diesen Beschluss das „Barcelona-Prinzip“ genannt.

Erlauben Sie mir die Frage: In wie vielen Sprachen könnten Sie auf meine Fragen antworten?
Außer auf Deutsch noch auf Englisch und Niederländisch. Dann sind Sie ein guter „Barcelona-Bürger“.
Aber ein seltener. Nicht einmal 50 Prozent der Europäer beherrschen auch nur eine Fremdsprache.

Ist es nach dem Barcelona-Prinzip egal, welche zwei weiteren Fremdsprachen man spricht?
Nach der Vorstellung der Europäischen Union sind alle 23 Amts- und Arbeitssprachen gleichberechtigt, auch in ihrer Stellung als Fremdsprachen. Alle Sprachen sollten demnach gleichmäßig oft gelernt werden. In einem Dokument der Europäischen Union steht, es nütze nichts, wenn alle Englisch lernten, besser wäre es, Waliser würden Polnisch lernen. Das ist die Ideologie hinter der EU-Sprachenpolitik, die sich in der Praxis so natürlich überhaupt nicht wiederfindet.

Warum wünscht sich die EU dreisprachige Bürger?
Sie verspricht sich davon eine Stärkung der europäischen Identität und eine europäische Dimension im Bildungswesen: dass über den Sprachunterricht das Europäische Einzug in Bildungsinstitutionen hält. Sie erhofft sich eine größere Mobilität der Bürger und die Förderung der EU-Binnenwirtschaft, da jeder einzelne Bürger seinen persönlichen Arbeitsmarkt um den Bereich, dessen Sprache er zusätzlich spricht, vergrößern kann und – so die Vorstellung der Europäischen Union – Betriebe mit einer hohen Vielfalt an Fremdsprachenkenntnissen bessere Geschäfte machen. Schließlich geht es auch um den Erhalt der Sprachenvielfalt.

Welche Maßnahmen hat die Europäische Union konkret unternommen, um die Dreisprachigkeit der Bürger Realität werden zu lassen?
Da die EU in der Bildungspolitik den Staaten gegenüber keine direkte Weisungsbefugnis hat, bleiben ihr eigentlich nur Mittel des sogenannten „Soft Law“, das heißt durch gemeinsame Aktionen etwas Normatives zu schaffen. So hat sie vor allen Dingen Förderprogramme für Fremdsprachenkenntnisse eingerichtet und davon gab es zahlreiche.

Welche Förderprogramme waren das zum Beispiel?
Das populärste darunter ist sicherlich ERASMUS, das insbesondere Auslandsaufenthalte von Studierenden und Dozenten fördert. Das größte und direkt auf Sprachenlernen ausgerichtete heißt LINGUA. Es wurde schon in den 1980er-Jahren eingerichtet und fördert in den Mitgliedsstaaten Aktionen, die für das Sprachenlernen werben, ebenso wie Projekte, in denen Sprachen unterrichtet werden, aber auch die Entwicklung von Materialien zum Sprachunterricht oder die Ausbildung von Sprachlehrern.

Wer bekommt die Fördermittel?
Davon haben die unterschiedlichsten Institutionen und Organisationen profitiert, von Kindergärten über Schulen und Hochschulen bis zu privaten Sprachschulen oder Kultureinrichtungen. Interessant an dem Programm ist, dass dadurch explizit kleine und wenig verbreitete Sprachen gefördert werden sollen. Wenn man aber analysiert, welche Sprachen tatsächlich wie oft in den Aktionen und Projekten vorkamen, zeigt sich, dass am meisten diejenigen gefördert worden sind, die ohnehin schon als Fremdsprachen populär sind und eine starke internationale Stellung haben, in ers­ter Linie Englisch. Im Grunde wurden nur die bestehenden Verhältnisse bestätigt. So wie insgesamt nicht erkennbar ist, dass die europäische Sprachenpolitik irgendeinen Effekt auf das Sprachlernverhalten der Bürger hat.

Lassen sich denn auch Verlierer der Programme identifizieren?
Von Verlierern würde ich nicht sprechen, denn es wurden ausgesprochen viele Sprachen gefördert, alle Amts- und Arbeitssprachen waren mit dabei, nur nicht in dem Ausmaß, wie es einmal gedacht war. Wenn natürlich auf dem Papier besonders die kleinen Sprachen gefördert werden sollen und in der Praxis vor allem Englisch als gemeinsame Verständigungssprache davon profitiert, dann geraten die anderen großen Sprachen – Deutsch und Französisch – ein bisschen zwischen die Stühle einer solchen Politik, denn sie werden weder umworben, noch können sie sich gegen Englisch behaupten. Das ist für Franzosen wie Deutsche ein Problem.

Wie viel war es der EU wert, den dreisprachigen Bürger zu bekommen?
Das lässt sich nicht beziffern, da es außer LINGUA keine expliziten Sprachlernförderprogramme gibt und alle diese Aktionen seit 2009 unter dem Programm „Lebenslanges Lernen“ subsumiert werden. Es lässt sich nur so viel sagen, dass die vielen Sprachen in der EU, insbesondere die Übersetzungs- und Dolmetschdienste der Institutionen, Kosten in Höhe von einem Prozent des gesamten EU-Haushalts verursachen.

Welche Rolle spielen alte Sprachen wie Latein oder Altgriechisch? Kommen die in den Überlegungen zur Mehrsprachigkeit überhaupt noch vor?
Ach, eigentlich überhaupt nicht. Sie stehen dem Dreisprachigkeitsziel ein bisschen im Wege, weil sie an vielen Gymnasien und Sekundarstufen noch unterrichtet werden und damit eine zusätzliche Fremdsprache sind, die aber in dem Modell von Muttersprache und zwei Fremdsprachen nicht enthalten sind.

Aber könnten sie nicht als alte Kultursprachen identitätsstiftend sein?
Sicher, es gibt den Standpunkt, die ide­ale Lingua franca sei Esperanto oder Latein, denn das eigentlich Wichtige an einer Verkehrssprache sei doch, dass sie niemandes Muttersprache ist. Aber angesichts der internationalen Bedeutung des Englischen hat diese Ansicht kein Gewicht.

Wenn alle Sprachenpolitik wirkungslos bleibt, wird es den Barcelona-Bürger dann jemals geben?
Davon ist nicht auszugehen. Die Entwicklung der Sprachkenntnisse in den letzten zehn bis 15 Jahren, soweit man das durch die Eurobarometer-Studien messen kann, ergibt nur eine steigende Kompetenz im Englischen, das statt vorher 30 Prozent nun knapp 40 Prozent der Bürger sprechen. Die Ziele, die mit der Sprachenpolitik verbunden werden – mehr Mobilität, erweiterter Arbeitsmarkt, Identitättsstiftung, Erhalt der Sprachenvielfalt und Erlangung einer europäischen Dimension im Bildungswesen –, kann man auch mit nur einer Fremdsprache erreichen. Das heißt, die inhaltliche Ausrichtung der Sprachenpolitik ist nicht dazu geeignet, wirklich zu funktionieren.

Stehen auch die Nationalstaaten einer stärkeren Mehrsprachigkeit der Europäer im Wege?
Wir haben in Europa eine in der Welt seltene Situation: Die meisten können in nur einer Sprache, nämlich ihrer Muttersprache, die auch die Nationalsprache ist, arbeiten, leben und ihre Grundrechte wahrnehmen. Für viele ist der Bedarf einfach nicht groß genug, eine Fremdsprache zu lernen. Man kann die Menschen nicht zwingen, andere Sprachen zu lernen.

Aber man kann sie motivieren. Was würde Bürger motivieren, eine Sprache zu lernen?
Die Hauptgründe, eine Fremdsprache zu lernen, sind tatsächlich Flucht, Besatzung oder wirtschaftliche Not. Wenn das alles nicht zutrifft, kann man nur mit einem vergrößerten Berufsangebot, mit Vorteilen im internationalen Bereich, motivieren. Und das sind vergleichsweise schwache Motive.

Und so schöne Ziele wie Reisen oder Bücher in der Originalsprache lesen wollen zählen alle nicht?
Die zählen schon, aber eben nicht für alle. Es ist doch so: Im europäischen Ausland befinden sich gerade mal drei Prozent aller EU-Bürger. Im Jahr 2006 haben 310.000 Jugendliche an europäischen Austauschprogrammen teilgenommen. Das sind viele, aber es sind nur 0,3 Prozent aller Jugendlichen Europas.

Was würden Sie der EU empfehlen, wie sie sprachenpolitisch in die Zukunft gehen soll?
Sie sollte stärker von den tatsächlichen Gegebenheiten ausgehen. Es existiert eine Hierarchie im Kommunikationswert von Sprachen und ich halte es für wichtig, dass man das auch anerkennt. Englisch steht ganz oben in dieser Hierarchie. Selbst in der Schweiz soll es vorkommen, dass sich Westschweizer und Deutschschweizer auf Englisch unterhalten. Auch könnte man viel mehr Sprachen in den Unterricht mit einbeziehen, wenn man nicht dieses hohe Niveau des Sprachbeherrschens anstrebt, sondern in Strategien der Mehrsprachigkeit unterrichtet. Zum passiven Sprachenlernen und zum Lernen in Sprachfamilien gibt es vielversprechende neue Forschungsarbeiten. Damit kommt man der Lebenspraxis der meisten Menschen sehr viel näher. Und schließlich sollte man Einwanderer und ihre Sprachen in die Politik mit einbeziehen und ihnen eine sehr viel größere Bedeutung geben, als das bisher der Fall ist.

Heißt das, es sollten mehr EU-Bürger Türkisch und Arabisch lernen, um die Integration dieser Migrantengruppen zu erleichtern?
Die Migranten sollten ihre Sprachen aktiv in die Gesellschaft einbringen können. Ich kann mir mehr türkischen Schulunterricht vorstellen. In Deutschland gibt es nur drei Ins­­titute, an denen man eine Lehrerausbildung in Türkisch mit Staatsexamen machen kann. Man könnte Türkisch auch nutzen, um international zu kommunizieren. Die Sprache hat über Europa hinweg ein internationales Netzwerk. Dieses Potenzial wird aber gar nicht gesehen. Es geht mir hier vor allem um die Anerkennung. Wenn jemand in Deutschland lebt und Türkisch, Deutsch und Englisch kann, dann entspricht er in meinen Augen dem Modell eines Europäers mit erwünschter Sprachkompetenz.

Das Interview führte Karola Klatt


Jan Kruse, geboren 1971, studierte Allgemeine Sprachwissenschaft und Philosophie in Köln und Leiden, Niederlande. Für seine Dissertation "Das Barcelona-Prinzip. Die Dreisprachigkeit aller Europäer als sprachenpolitisches Ziel" (Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main, 2012) erhielt er den Rave-Forschungspreis.

 

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