Die Farben der Nation

Constanze Musterer, Ausgabe I/2013, Brasilien: alles drin



Das brasilianische Grafikdesign ist unkonventionell und voller Optimismus. Staaten, Gemeinden und Regierung nutzen es für ihr Image

Das Logo "Marca Brasil" ziert seit 2005 die offizielle Tourismuswerbung, Promotionbroschüren und Exportprodukte. Die große Premiere hatte Marca Brasil in Deutschland 2006 zur Fußball-Weltmeisterschaft - zur nächsten im Jahr 2014 wirbt das Logo dann vor allem im eigenen Land. Marca Brasil ist das Resultat eines zweistufigen nationalen Wettbewerbs, aus dem der Grafikdesigner Kiko Farkas vom Büro Máquina Estúdio, São Paulo, als Gewinner hervorging. Er zählt zu den bekanntesten brasilianischen Grafikdesignern, ist mehrfach ausgezeichnet und Gestalter vieler Kataloge sowie unzähliger Plakate, zum Beispiel für das Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo.
Das abstrakte Logo von Kiko Farkas versinnbild-licht ausgewählte positive Charakteristika Brasiliens: Kurven und Ausbuchtungen zeichnen Formen von Stränden, Bergen und des Meeres nach. Helligkeit, Glanz und der Reichtum an Farben sind Ursprung der Freude, Gemütlichkeit und des Sich-Wohlfühlens im Land - egal woher man kommt. Die Farbpalette im Logo adaptiert neben der Natur die bunten Farben der Volksfeste. Die Farbmischungen und Überlagerungen verweisen dabei auf die vielen Kulturen, Ethnien und das Hybride, das Brasilien auszeichnet. Im Zentrum des Logos steht die Schrift weiß und klar auf blauem Grund, für Farkas eine Allegorie der Modernität, wissenschaftlich-technologischen Kompetenz und religiösen Freiheit des Landes.
Die der Gestaltung der Marca Brasil zugrunde liegende Philosophie von Kiko Farkas ist abgewandelt auch in anderen offiziellen Logos erkennbar und hat in ihrer Wertevermittlung eine gewisse Tradition. In den 1950er-Jahren, als die Agrarnation Brasilien zu industrieller Größe gelangte, avancierte das Grafikdesign zu einem wichtigen kreativen Feld zwischen Wirtschaft und Kultur. Die jungen brasilianischen Grafikdesigner waren herausgefordert, die Verantwortung einer visuellen Identität für das aufstrebende Land zu übernehmen - und das taten sie auch. Die Staaten und Gemeinden, die Regierung und die Wirtschaft in Brasilien reagierten schnell auf den "Zeitgeist" und nutzten das vorhandene kreative Potenzial für die eigene Repräsentation. Sparsame, aber lebendige Farben in ihren Logos sowie schlichte und prägnante Grafikformen vermitteln ein positives, junges, doch souveränes Selbstbild fernab von tropischen Klischees. Unterstrichen wird dadurch die stete Proklamation einer jungen Nation, die nicht aus einem Volk, sondern aus einer Gemeinschaft besteht. Städtewerbungen sollen nicht nur Touristen locken, sie sind vor allem auch identitätsfördernde Kampag-nen für die eigene Bevölkerung. Modern, leicht und farbenfroh suggerieren sie bessere Zeiten in einem Land, auf das jeder Brasilianer stolz sein kann.
Das Logo der brasilianischen Regierung wird häufig im Fernsehen eingeblendet und hat unter der Präsidentin Dilma Rousseff eine Reduktion in seiner Farbigkeit erfahren, die sich auf die dominierenden Farben der Landesflagge Gelb und Grün beschränkt. Die Raute aus der Flagge im Buchstaben A des Logos wirkte früher bewegt, heute ist sie geglättet. Weg vom windigen Eindruck unterstreicht sie damit die Ernsthaftigkeit des neu unter "Brasil" hinzugefügten Satzes: "Ein reiches Land ist ein Land ohne Armut."

 

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