Pauken und Pokern

Hachmi Maher, Ausgabe I/2009, 17. Menschen von morgen



Hachmi Maher aus Marokko mag keine teuren Computer-Spiele und besitzergreifenden Mädchen

Tanger gefällt mir gut: Die Stadt hat zwei Meere, Atlantik und Mittelmeer, und internationales Flair. Nach Europa sind es nur 14 Kilometer. Fast jeder kann hier mehrere Sprachen sprechen. In den nächsten Jahren wird Tanger noch internationaler werden, mit einem neuen großen Containerhafen, neuen Hotels und Ferienwohnungen. Es wird mehr Freizeitangebote geben, und es entstehen auch Arbeitsplätze, also mehr Zukunftschancen für uns Jugendliche. 
Ich gehe auf das spanische Gymnasium und bin dort im letzten Jahr, was sehr stressig ist, da ich unbedingt ein gutes Abitur machen will. Für meine Hobbys bleibt jetzt kaum noch Zeit. Manchmal eine Runde Poker mit Freunden, sonst nichts mehr. Natürlich spielen wir nicht um Geld, es geht nur um die Spannung. Mit Computerspielen ist es leider ganz aus. Mein Lieblingsspiel ist „World of Warcraft“ oder besser gesagt war es das, da ich wegen der Schule mein Spielkonto abgegeben habe. Am Wochenende saß ich oft 12 Stunden täglich vor dem Computer, an Schultagen etwa fünf Stunden. Das Ganze hat ja einen sehr hohen Suchtfaktor. Mit einem Freund hatte ich einen privaten Server eingerichtet, damit Jugendliche aus Marokko online spielen konnten. Kaum jemand hat hier eine Kreditkarte, um auf der offiziellen Webseite die Teilnahmegebühr zu bezahlen. Meine Eltern hatten dagegen nichts einzuwenden. Sie waren froh, dass ich zu Hause blieb und nichts passieren konnte, worüber sich Eltern sonst so Sorgen machen. Meine Eltern wissen, dass ich geraucht und auch Alkohol getrunken habe, aber mir beides nicht schmeckt. Das beruhigt sie, denn in Tanger gibt es viele Clubs und Bars zum Ausgehen, viel mehr als in vielen anderen Städten Marokkos. Ich mache aber auch Dinge, von denen meine Eltern nichts wissen. Ich halte das für normal, denn Geheimnisse gehören doch zum Leben. Wie auch die Liebe. Ich hatte schon meine erste Liebe und auch schon viele andere Freundinnen. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Mädchen besitzergreifend sind und Dinge verbieten wollen. Das ist das Gegenteil von Vertrauen und Ehrlichkeit, auf denen Liebe doch basieren sollte.
Meinen Eltern ist die Schule sehr wichtig. Das verstehe ich natürlich und ich will sie auch nicht enttäuschen. Seit vielen Jahren sparen meine Eltern, damit ich nach dem Abitur an einer privaten Universität studieren kann. Ich möchte Informatikingenieur werden. Ich brauche einen guten Job, um meinen Eltern all das zurückgeben zu können, was sie für mich getan haben. Dafür muss man hart arbeiten, immer optimistisch sein und darf sich durch nichts einschüchtern lassen. Leute, die sich nur beklagen und nichts schaffen, kann ich nicht ausstehen. Ich kenne viele, die immer nur von den Problemen Marokkos sprechen. Dass die Ausbildung schlecht ist, man keine Arbeit findet, alles nur über Beziehungen geht. Das nehmen sie als Vorwand, um einfach nichts zu tun. Das ist doch schrecklich! Ich finde, man sollte stets versuchen, weiterzukommen und nicht aufzugeben. Dann klappt das schon! Einer meiner größten Träume ist eine Japan-Reise, mit der es vielleicht nach einem guten Abitur klappt. Ich bin einfach fasziniert von Japan und möchte den Lebensstil der Menschen dort kennenlernen und alles über ihre hohe Technologie und Kultur wissen. Das ist so ein Spleen, von dem ich ehrlich gesagt gar nicht weiß, woher er kommt. 
Mein großes Vorbild ist mein Onkel, der aus sehr einfachen Verhältnissen stammt und es mit viel Einsatz und Willen bis zum Gouverneur brachte. Ins Ausland gehen, wie so viele andere Marokkaner, will ich nicht. Das ist wie eine Flucht. Wenn alle emigrieren, was soll dann aus Marokko werden? Jeder kann mit seiner Arbeit Dinge verändern und zumindest einen kleinen Beitrag zur Weiterentwicklung Marokkos leisten. Dann ginge es schneller vorwärts. Man muss sich persönlich einbringen und einmischen. Barack Obama ist ein aktuelles Beispiel, wie man durch harte Arbeit selbst als Schwarzer nach oben kommen kann. Dass er allerdings viel verändert, glaube ich nicht. Er ist nur Teil eines großen Systems. Politik ist für mich ein Muss. Man sollte darüber informiert sein, was in der Welt vor sich geht, dann kann man auch etwas verändern. Vielleicht gehe ich selbst einmal in die Politik. 

Protokolliert und aus dem Arabischen übersetzt von Alfred Hackensberger

 

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