In die andere Welt tanzen

Lidiane Rodrigues de Sousa Machado, Ausgabe I/2009, 17. Menschen von morgen



Lidiane Rodrigues De Sousa Machado aus Brasilien arbeitet hart, um die favela zu verlassen

Ich fühle mich, als würden meine Füße über dem Boden schweben, immer noch ein bisschen „high“ von meiner Tanzaufführung. Das Schönste, was es gibt, ist, auf der Bühne zu stehen. Alle schauen mich an und ich fühle mich leicht und vollständig.
Mein Leben kommt mir manchmal vor wie ein Tanz auf einer Bühne. Es ist das Leben einer Jugendlichen aus der Favela, dieser Welt jenseits der Realität. Mein Zuhause ist der für seine Gewalt berüchtigte Ort aus den Zeitungen und dem Fernsehen, die gleichzeitig nicht müde werden zu betonen, dass wir mit der Schönheit eines imposanten Zuckerhuts und eines Erlösers mit ausgebreiteten Armen leben. Das ist unser perfekter Gegensatz. Ich musste diese Geste der Christus-Erlöser-Statue nachahmen, um zu überleben und die Straßenseite gegenüber zu erobern, die Welt auf der anderen Seite der Favela. Dort sind die Chancen, das Wissen, der Komfort. 
Für meine Performance zeitgenössischen Tanzes gibt es eine Choreografie, die schon fertig ist, die mir gegeben wurde, als ich auf die Welt kam. Es ist unmöglich, ihr zu entkommen, aber es gibt auch die Improvisation und die Bewegungen, über die ich selbst entscheiden kann. Mein Vater ist der Choreograf. Er hat sich diesen Tanz für mich ausgedacht. Er schuftet mit meiner Mutter in einer drei Quadratmeter großen Bar, damit die einzige Tochter nicht den Weg vieler Jugendlicher geht, die sich in den krummen Gässchen der Favela Mangueira verlieren. Die Tänze des Hügels sind der Samba und der Funk, das weiß jeder. Ich habe sogar einmal einen Kurs bei einer Tänzerin der berühmtesten Sambaschule von Rio gemacht. Aber ich merkte, dass diese Schritte mir nicht so recht liegen. Meine Familie entschied sich, einen anderen Weg einzuschlagen: die Grenze zwischen Favela und der anderen Welt gegenüber zu überqueren, die Füße auf die fremde Bühne zu stellen und darauf zu bestehen, dass sie uns auch gehört. 
Ich bin stolz auf die Favela. Sie hat mir alles gegeben, was ich heute habe. Indem mein Vater auf vieles verzichtete und hierblieb, wo das Wohnen günstig ist, ermöglichte er mir, Kulturmanagement zu lernen und in den freien Stunden Mathematik. Es ist wirklich paradox: Ein derart instabiler Ort gibt mir die Möglichkeit, irgendwann meinen Wunsch nach Stabilität zu verwirklichen gibt mir die Hoffnung, eines Tages nicht mehr am Abend das Zimmer mit meinen Eltern teilen zu müssen. Mein eigenes ist so klein und heiß, dass es mich fast erstickt. Und ich bin ein Typ, der Luft braucht! Den Hügel zu verlassen, ist mein Ziel, ja. So sehr die Favela ein toller Ort zum Leben ist, die Straße zu überqueren, ist der nächste Schritt.
Mein Vater und ich haben die Ambition, die Disziplin, die Anstrengung und die Ausdauer gefunden, um die Armut, den Rassismus und die Hoffnungslosigkeit zu überwinden. Ich werde studieren und es wird klappen. Ich habe nie etwas aufgegeben. Ich trinke nicht, rauche nicht, nehme keine Drogen. Ich mag, wenn alles seine Ordnung hat, mag ein Leben innerhalb der Schranken, die sich ein schwarzer, armer Vater und eine Mutter mit weißer, aber schwielig gearbeiteter Haut für ihre Tochter ausgedacht haben. Meine Mutter hat einen miserablen Ort dieses Landes verlassen, um mehr als nur eine Hütte in der Favela aufzubauen.
Mein Freund ist ein Jahr älter als ich. Auch er hat in der Schule und der Arbeit den Schlüssel zur Straßenseite gegenüber gefunden. Er ist mein Fresh Prince of Bel-Air, eine Art Will Smith der Favela, ein Schauspieler, der seine eigene Rolle spielt, wie ich. Wie der Rapper, die Figur aus Hollywood, flüchtet er ständig aus dem Script und improvisiert. Wir schlafen nicht miteinander, weil es noch nicht so weit ist. Klar sind schon viele schöne Dinge gelaufen, aber ohne dass wir den letzten Schritt getan hätten.
Der Spiegel zeigt mir eine hübsche und sympathische Frau. Ich würde nicht mal meine etwas platte Nase verändern. Sie zeigt meine schwarze Herkunft, auf die ich stolz bin. Falls ich eines Tages die Mangueira verlasse, komme ich zurück, um Freunde wiederzusehen, um in der Bar, die einmal meinen Eltern gehört hat, eingehüllt in Samba-Rhythmen, die Geschichte des Mädchens zu erzählen, das nur Angst davor hatte, Angst zu haben.

Protokolliert von José Ferrao 
Aus dem Portugiesischen von Laura Geyer

 

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