Freischwimmer

Jeffrey Jensen Arnett, Ausgabe I/2009, 17. Menschen von morgen



Noch nie hatten junge Menschen so viel Zeit, erwachsen zu werden

Dichter und Philosophen preisen die Jugend als eine Zeit höchster Vitalität und Verheißung, und 17 ist wohl das schönste Alter der Jugend. Es ist das Jahr, in dem wir auf eine Kindheit zurückblicken, zu der wir niemals zurückkehren können, und einem Erwachsensein entgegensehen, das voller Geheimnisse ist. Doch zugleich wird 17 heute erlebt wie nie zuvor. Im Lauf der menschlichen Geschichte bedeutete 17 immer, auf der Schwelle zum Erwachsensein zu stehen. Die Pflichten der Erwachsenen würden bald auf den Schultern der Jugend lasten: Arbeit, Heirat und Elternschaft. Heute dagegen ist mit 17 der Übergang zum Erwachsensein noch zehn Jahre oder mehr entfernt. „Dreißig ist heute zwanzig“ heißt es gerne, und wenn das stimmt, ist 27 heute 17.
Kurz gesagt ist in den letzten Jahrzehnten ein neues Lebensstadium zwischen Jugend und jungem Erwachsenenalter entstanden – ein Stadium, das ich als „emerging adulthood“ oder sich entwickelndes Erwachsensein bezeichne. Es dauert vom späten Jugendalter bis in die späten 20er-Jahre. Es ist weder eine „verlängerte Adoleszenz“ – denn die jungen Menschen kommen nicht wie Heranwachsende in die Pubertät – noch ein „junges Erwachsensein“, denn die meisten heranwachsenden Erwachsenen haben die Rollenwechsel noch nicht vollzogen, die man gemeinhin mit dem Erwachsensein verbindet, insbesondere eine feste Arbeit, Ehe und Elternschaft. Stattdessen ist es ein Alter von außergewöhnlichen Freiheiten und Unsicherheiten, in dem junge Menschen verschiedene mögliche erwachsene Zukunftsvorstellungen in Bezug auf Liebe und Arbeit ausprobieren und sich allmählich darauf hinbewegen, dauerhafte Entscheidungen zu treffen.
Aber warum existiert das sich entwickelnde Erwachsensein als Lebensspanne heute, wenn es als allgemeines Lebensstadium vor ein paar Jahrzehnten noch nicht existierte? Die vielleicht offensichtlichsten Änderungen, die dieses neue Stadium hervorgerufen haben, sind demografischer Art: Heute studieren mehr Menschen, man heiratet später und wird später Eltern. 1960 lag das durchschnittliche Heiratsalter in den Industrieländern bei etwa 21 für Frauen und 23 für Männer. Das erste Kind wurde normalerweise ein Jahr später geboren. 2005 lag das mittlere Heiratsalter in Frankreich und England bei 29, in Deutschland und Spanien bei 30 und in Schweden und Norwegen bei 32. (Das mittlere Heiratsalter für Männer liegt durchweg etwa zwei Jahre darüber.) Das Alter, in dem Menschen Eltern werden, folgt einem ähnlichen Muster. 2005 war das mittlere Alter bei der Geburt des ersten Kindes 29 in England und Deutschland, 30 in Norwegen und Schweden und 31 in Spanien und Italien. Im Hinblick auf ein Hochschulstudium ist der Anstieg sogar noch jüngeren Datums und rasanter, insbesondere unter Frauen stellt man hier eine verblüffende Entwicklung fest. Zwischen 1991 und 2005 hat sich die Zahl der Frauen, die an einer Hochschule eingeschrieben sind, in England von 29 auf 70 Prozent erhöht. In Italien stieg sie von 31 auf 76 Prozent und in Tschechien von 14 auf 52 Prozent.
Zwischen dem Ende der Adoleszenz und dem Anfang des Erwachsenseins hat sich so ein neuer Raum aufgetan: „emerging adulthood.“ Dennoch ist der demografische Wandel nicht so sehr Ursache an sich, vielmehr spiegelt er andere Ursachen wider, insbesondere den wirtschaftlichen Wandel und den Wandel sexueller Sitten. Im Laufe der letzten 50 Jahre hat sich die Wirtschaft in Europa und vergleichbaren Ländern von einer primär produzierenden, industriellen zu einer Informations- und Technologiewirtschaft gewandelt. Die New Economy honoriert Erziehung und Ausbildung, was zu einem Boom an Hochschulstudenten geführt hat. Darüber hinaus haben sich mit der Entwicklung wirksamer Verhütungsmethoden (insbesondere der Pille) und dem allgemeinem Zugang zur Abtreibung ab den 1960er-Jahren sexuelle Sitten gewandelt. Anstatt vorehelichen Sex abzulehnen, wird er in Nordeuropa akzeptiert und in Südeuropa zumindest toleriert. Ein regelmäßiges Sexualleben ist nicht länger Anreiz zur Heirat, und eine ungewollte Schwangerschaft führt nicht mehr zu Zwangsehen. 
Der Beginn des Erwachsenenalters hat sich nicht nur nach hinten verschoben, sondern auch seine Bedeutung hat sich gewandelt. Anthropologen und Historikern zufolge gab es bis vor Kurzem einen weltweiten Konsens darüber, dass Heirat das wesentliche Merkmal für den Erwachsenenstatus war. Das ist heute anders. In den letzten zehn Jahren hat man weltweit Umfragen durchgeführt und nach den Kriterien gefragt, die für Menschen den Eintritt ins Erwachsenenalter kennzeichnen. In ganz Europa, Asien und Lateinamerika und unter allen ethnischen Gruppen Amerikas hat die Ehe als Kriterium für Erwachsensein ausgedient. Selbst in eher konservativen und traditionellen Gesellschaften wie China und Korea, in denen vorehelicher Sex und eheähnliche Gemeinschaften noch Tabu sind, landet die Heirat am unteren Ende der Kennzeichenliste für den Eintritt ins Erwachsenenalter. 
Wenn traditionelle Kriterien also nicht länger als Kennzeichen des Erwachsenenalters dienen, welche dann? Die durchweg wichtigsten Kriterien sind die folgenden drei: Verantwortung für sich zu tragen, unabhängig Entscheidungen zu fällen und finanziell unabhängig zu sein. Auch sie scheinen weltweit zu gelten. Während Ehe, Elternschaft und Ausbildungsabschluss kollektive öffentliche Ereignisse sind, die an einem bestimmten Tag stattfinden, bezeichnen diese drei Kriterien individuelle Prozesse, die über mehrere Jahre hinweg ablaufen. Die ersten beiden Kriterien sind zudem nicht greifbar und psychologischer Natur. 
Das subjektive Gefühl dafür, erwachsen zu werden, entwickelt sich somit über mehrere Jahre. Fragt man Jugendliche zwischen 17 und 27, ob sie sich erwachsen fühlen, lautet die häufigste Antwort weder „ja“ noch „nein“, sondern „teilweise ja, teilweise nein“. Auch dieses Muster gilt einheitlich über Länder und Kulturen hinweg. Dass die „emerging adulthood“ in den letzten 50 Jahren zu einem neuen Lebensabschnitt geworden ist, geschah historisch gesehen rasch. Junge Menschen in dieser Übergangsphase leben heute ein völlig anderes Leben als die meisten ihrer Großeltern. Anstatt ihre 20er-Jahre damit zu verbringen, sich an die Pflichten des Erwachsenendaseins zu gewöhnen, erleben sie zehn oder mehr Jahre außerordentlicher Freiheit, bevor sie ins Erwachsenenalter eintreten.
Ist dieser Wandel Anlass zur Freude oder zur Sorge? Eine typische Befürchtung ist, dass das Erwachsenwerden heute so viel länger dauert, dass junge Leute womöglich nie erwachsen werden. Doch diese Sorge scheint übertrieben. Ja, junge Leute verbringen heute mehr Zeit mit Studium und Ausbildung als in der Vergangenheit. Nach der Schule nehmen Europäer häufig ein Jahr Auszeit, bevor sie mit dem Studium beginnen und dann in ihren 20ern studieren. Diejenigen, die nicht zur Universität gehen, wechseln in den 20er-Jahren häufig den Job, und die Arbeitslosenquote in der Altersklasse von 20 bis 29 ist hoch. Doch mit 30 haben fast alle jungen Menschen eine feste Stelle, und die meisten ebenso einen festen Lebenspartner. Dass sie nie erwachsen würden, stimmt nicht – es dauert nur länger als bei ihren Eltern oder Großeltern.
Eine damit verbundene Sorge ist die, dass junge Erwachsene sich so an ihre Freiräume und den Luxus der „emerging adulthood“ gewöhnen, dass sie nicht mehr willens sind, die Pflichten und Lasten als Eltern zu tragen. Diese Sorge ist in manchen Ländern berechtigt. In ganz Europa ist die Fruchtbarkeitsrate weit unter das Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern pro Frau gesackt. Eine Umfrage unter Männern in Deutschland ergab 2006, dass ein Drittel aller 40-Jährigen keine Kinder hat und ein Viertel der Männer zwischen 20 und 39 Jahren gab an, keine Kinder zu wollen. Es ist schwer vorstellbar, wie europäische Länder ihren Wohlfahrtsstaat in Zukunft aufrechterhalten können, wenn ihre Bevölkerung immer geringer und älter wird. 
Doch es gibt auch Grund zur Freude. Mehr als je zuvor genießen junge Menschen heute die Freiheit, in ihren 20er-Jahren ihr eigenes Leben in Sachen Liebe und Arbeit zu gestalten. Dieser Wandel ist revolutionär gerade für Frauen, die noch bis vor Kurzem in der Wahl ihrer Gestaltungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt waren, heute allerdings junge Männer in puncto Bildungsabschluss übertreffen. Angesichts dieser Freiheit fühlen sich manche vielleicht überwältigt und nicht in der Lage, ihren Weg zu finden. Doch alles deutet derzeit darauf hin, dass die meisten von ihnen heute großen Gewinn aus ihren Freiheiten ziehen und bis 30 ihren Platz gefunden haben. 
„Emerging adulthood“ ist eine Errungenschaft des Wohlstands. Junge Menschen streben heute nach Arbeit, die nicht nur dem Broterwerb dient, sondern eine Form der Selbstverwirklichung ist. Auch in der Liebe sind die Hoffnungen, den idealen Partner zu finden, sehr hoch gesteckt, wahrscheinlich zu hoch. Aber auch das ist selbstverständlich eine Verbesserung gegenüber der Vergangenheit, in der man wenig Hoffnung und wenige Alternativen hatte und in den frühen 20er-Jahren alles bereits besiegelt war. 
Insbesondere in Europa ist das Entstehen der „emerging adulthood” ein bemerkenswertes Phänomen. Heute ist es für junge Menschen kaum zu fassen, dass Europa vor weniger als 70 Jahren in Schutt und Asche lag als Folge des gewalttätigsten und zerstörerischsten Kriegs der Geschichte. Heute, nur wenige Jahrzehnte später, ist Europa die wohlhabendste, friedlichste, humanste Region auf der Welt. Die „emerging adults” sind die Erben dieser bemerkenswerten Errungenschaft. Wir sollten uns über ihre Freiheiten und Möglichkeiten freuen und ihnen für die Verwirklichung ihrer Träume alles Gute wünschen. 

Aus dem Englischen von Claudia Kotte

 

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