Generation Obama

June Edmunds, Ausgabe I/2009, 17. Menschen von morgen



Es gibt sie wieder: viele junge Menschen, die weltweit etwas bewegen wollen

Barack Obamas Sieg sagt viel aus über den Zustand der jungen Generation. Seine Bewegung für Wandel und Erneuerung, die mit dem Ende eines langen, konsumgesteuerten Konjunkturaufschwungs zusammenfällt, symbolisiert das Erwachsenwerden der Millenniumsgeneration, der nach 1980 Geborenen. Sie beweist auch die Internationalisierung dieser Generation, die sich sowohl an der Familiengeschichte des neuen amerikanischen Präsidenten festmachen lässt, wie auch an den stürmischen Empfängen, die ihm während seiner Auslandstour im Vorfeld der Wahlen bereitet wurden. Die Widersprüche der globalisierten Welt – gespalten durch 9/11 und den internationalen Freihandel, vereint im Kampf gegen Klimawandel und Finanzkrise – sind für diese Generation prägend. Generationen, die sozialen Wandel verursachen und von ihm betroffen sind, müssen heute global gesehen werden.
Die Millenniumsgeneration trotzt ihrem Image von politischer Apathie und fordert lautstark eine neue Ära der wirtschaftlichen Stabilität und des Friedens. Aus Unzufriedenheit mit der lang anhaltenden finanziellen Unsicherheit und der „Kriegspolitik“ der Bush-Administration lässt diese Generation in den USA in beispielloser Art ihre Muskeln spielen. Die 18- bis 29-Jährigen unterstützen und nutzen Obamas Online-Plattform für den Wandel in überproportionaler Weise. Diese jungen amerikanischen Wähler – weiße, schwarze und lateinamerikanische – sind sich mit der Jugend in Westeuropa, dem Mittleren Osten und Afrika einig. Überall auf der Welt wird der Sieg Obamas auf den Straßen gefeiert und die Kenianer ernennen ihn gar zu ihrem „Sohn“. 
Politische und kulturelle Generationen wurden bis vor Kurzem als nationengebunden begriffen. Die Sozialgeschichte hat sich in ihrer Forschung auf Kristallisationseffekte von Wendepunkten, vor allem Kriegen, bei der Bildung nationaler Generationen konzentriert. Selbst globale Ereignisse wie die Weltkriege oder die Große Depression wurden hauptsächlich im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf Lebenschancen, das gemeinsame kollektive Gedächtnis und politische Mobilisierung nationaler Gruppen und Untergruppen untersucht. Obwohl viele gesellschaftliche Bewegungen durch internationale Ereignisse ausgelöst wurden, blieb das Generationsbewusstsein, das sich im Sog der Bewegungen formte, nationalistisch. Das gilt zum Beispiel für die New Yorker Juden und die palästinensischen Intellektuellen, die trotz ihrer erzwungenen Umsiedlung nostalgisch einem nationalen Ideal verbunden blieben. Für die Nachkriegsdeutschen wurde die nationale Vergangenheit und die Abgrenzung davon wichtiges Merkmal ihrer Identität.
Einige Generationsbewegungen entstanden um Nationalismus und Nationenbildung. Die Generation der Bolschewiki verfolgte mit der Oktoberrevolution 1917 das Ziel, ein neues Zeitalter des nationalen Sozialismus zu schaffen. Ebenso angetrieben von jugendlicher Energie war das Projekt säkularer Nationenbildung nach dem Ersten Weltkrieg in der Türkei. Auch die Jugendbewegungen, die mit der Errichtung des Staates Israel verbunden waren und sich in der Zeit zwischen den Weltkriegen in Europa und Palästina ausbreiteten, teilten diese Tradition. Ihnen folgte die Intifada, eine nationalistische Generationsbewegung, die eine von erzwungener Migration und Besetzung traumatisierte palästinensische Jugend erfasste. Diese nationalistischen Generationen hatten keine transnationalen Ambitionen. Sie definierten sich selbst in Opposition zu den „anderen“ und wurden typischerweise von einer männlichen Elite nationaler Helden angeführt. Historisch betrachtet ist Nationenbildung assoziiert mit Jugend, Stärke und Maskulinität und oft behaftet mit einem Konzept von „Gründungsvätern“. Generationen von Gründungsvätern haben Nationen konstruiert, die größtenteils patriarchal waren und von dominanten Vaterfiguren angeführt wurden – Kemal Atatürk in der Türkei, Napoleon Bonaparte in Frankreich und Gandhi in Indien. Besessen von „neuen Männern“ war die Generation der Bolschewiki, deren Anführer ihre Jugend anstachelten, bei der Etablierung des Sozialismus in ihrem Land die Vorhut zu bilden. Ebenso die jüdische nationale Bewegung, der Zionismus, dessen jugendlicher und dynamischer „neuer Jude“ gegen die vermeintlichen Charaktereigenschaften früherer jüdischer Generationen stand. 
„1968“ ragt heraus als das Jahr der Umstürze, in dem sich möglicherweise die erste globale Generation entwickelte. Die Antikriegsbewegungen überall auf den Straßen – gegen die USA in Vietnam, gegen Frankreich in Algerien und im Prager Frühling gegen sowjetische Vorherrschaft – waren vereint im Kampf gegen aggressive und nationalistische Projekte dieser Zeit. Junge Menschen taten sich von Nordamerika durch den Eisernen Vorhang bis nach Ost- und Westeuropa zusammen, begehrten gegen die herrschende Macht ihrer Länder auf und solidarisierten sich mit Gruppen von Gleichaltrigen im Ausland. 
Obwohl die Generation der Nachkriegs-„Babyboomer“ in West-, Ost- und Nordeuropa, Nordamerika und Afrika die gleichen Ziele teilte, blieb sie doch von Volkscharakter und nationalen Zwängen geprägt. Die Deutschen beispielsweise waren hauptsächlich interessiert an der Frage der deutschen Wiedervereinigung. Die französischen Studenten und Arbeiter konzentrierten sich überwiegend auf die Algerienfrage. Tatsächlich war diese Generation eher transnational denn global: Ihre nationalen Interessen blieben zentral, trotz des Dominoeffektes ihres Protests. Sie teilte in länderübergreifender Einigkeit die gleichen Ideale aber sie bewahrte einen starken nationalistischen Kern. 
Für einige Jahrzehnte gab es keine vergleichbare Generationsbewegung, die aktiv und strategisch handelte, um einen Wandel hervorzurufen. Das Erbe der „Babyboomer“ ging über auf die „Generation X“, die in den 1960er- und 1970er-Jahren Geborenen, die nicht durch politisches Engagement in Erscheinung traten, sondern durch globales Konsumverhalten. Diese passive Generation definierte sich durch ihre Verachtung gegenüber allem Politischen ihre weltweiten Symbole waren Nike, Coca Cola und Mc Donalds. Sie erntete die Früchte des Wandels, den ihre Eltern errungen hatten, und gefiel sich darin, politische Kultfiguren wie Che Guevara auf T-Shirts zu drucken. Freizeitkultur wurde zelebriert und Demokratie bedeutete nicht mehr politisches Engagement, sondern globalen Zugang zu Konsumprodukten der westlichen Welt. Die politische Passivität dieser Generation spiegelt sich wider in einer größeren Individualisierung der Gesellschaft und der Atomisierung der Arbeit. Subversive kämpferische Gelehrte wurden abgelöst von einer Generation gelangweilter und demoralisierter Intellektueller, gefangen in „Massenuniversitäten“, die technisch kompetente Akademiker hervorbringen und Publikationen am Fließband produzieren. 
9/11 hat das verändert. Der Angriff auf New York war ein Beweis für die Verletzbarkeit der reichen Welt und offenbarte bereits eine physische Fragilität in ihrem Finanzzentrum, die sechs Jahre später mit der US-Immobilienkrise und der daraus resultierenden weltweiten Banken- und Finanzkrise an die Oberfläche trat. Obwohl diese Attentate eine neue Welle nationalistischen Eifers auslösten, mit Erinnerungen an Pearl Harbor, die in den USA wachgerufen wurden, haben sie die Menschen um den Globus herum vereint. Während andere die Katastrophe als legitime Antwort auf die von den USA geführte Invasion im Irak feierten, wurde die Generation, deren Leben durch privilegierten Konsum und Reisen charakterisiert war, schmerzhaft daran erinnert, wie angreifbar diese Privilegien waren. 
Obamas Sieg ist wieder ein markanter Generationsmoment – gleichrangig mit 9/11 – und ebenfalls bestimmt für ein globales Publikum. Die Vision von Frieden und Zusammenarbeit wird gestützt von noch nie dagewesenen Herausforderungen, die eine abgestimmte globale Antwort erfordern, vom Klimawandel bis zum Finanzkollaps und der drohenden Weltrezession. 
Die Generation X ist von einer politisch aktiven Mil-lenniumsgeneration abgelöst worden. Obamas „Yes we can“ drückt das Vermögen aus, die Kraft der letzten aktiven Generation wiederzuerlangen. Von Jobunsicherheit, Umweltzerstörung und anhaltenden Kriegshandlungen wachgerüttelt, nutzen junge Menschen neue Formen elektronischer Kommunikation, um ihrem Protest und ihren Ideen über Grenzen hinweg eine Stimme zu geben. Diese neuen Kommunikationsplattformen ermöglichten im Präsidentschaftswahlkampf die Mobilisierung einer ganzen Generation junger Wähler, die zum ersten Mal mit ihren You-Tube-Postings und Blogs das journalistische und politisch werbende „Establishment“ direkt beobachten und parieren konnten. Eines kann man jetzt schon mit Sicherheit sagen: Während frühere politisch aktive Generationen in der Retrospektive festgelegt wurden, entsteht die neue Gemeration unmittelbar in den Medien und durch die Art, wie sie diese nutzt. Obamas Siegesreden bauten auf dem gemeinsamen Gefühl einer Generationsidentität auf, das sich rückblickend in dieser Form nur bei den Vorgängern in den 1960er-Jahren finden lässt. Die Strategie dieser neuen globalen Generation ist noch im Wachsen begriffen und lässt sich noch nicht klar erkennen, aber die Stärke – und die globale Breite – ihrer Überzeugung steht außer Zweifel.

Aus dem Englischen von Karola Klatt

 

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