Redaktionsblog

04.03.2016 von Heike Reinsch 

Comic in der Kritik

In der taz und in der Huffington Post erschienen in der letzten Woche Verrisse eines vom Schwarzwald-Baar-Kreis veröffentlichten Aufklärungs-Comic für Geflüchtete. Die Kritik: Die Gestalter des Heftes „Ankommen in Deutschland“ seien sich der Doppeldeutigkeit ihrer Zeichnungen nicht bewusst gewesen – insbesondere ein verwendetes "Daumen-Hoch"-Symbol sei für Menschen aus Syrien, Irak und Afghanistan nicht richtig zu verstehen. Heike Reinsch, Art-Direktorin der Zeitschrift KULTURAUSTAUSCH und Mitgestalterin des Comics, antwortet.
Gemeinsam mit dem Landkreis Schwarzwald-Baar entwickelten mein Mann, Titus Ackermann und ich, Heike Reinsch, das Comic-Heft „Ankommen in Deutschland“. Darin werden Grundwerte und das alltägliche Miteinander in Deutschland geflüchteten Menschen auf nonverbaler Ebene erläutert.

Unsere Arbeit wurde in mehrere Stufen gegliedert. Zu Beginn wurden erste Inhalte von Sozialbetreuern, die täglich in Kontakt mit Flüchtlingen sind, Heimleitern und der Verwaltung gesammelt. Diese Inhalte wurden von uns strukturiert. Danach wurden sie in Form von Comic-Strips umgesetzt.

Während der Produktion der Comics gab es mehrere Feedbackschleifen, in die über 30 Flüchtlinge unterschiedlichen Alters eingebunden wurden. Unter ihnen waren Iraker, Syrer, Pakistaner, Eritreer und Palästinenser. Weiteres Feedback zu den Comic-Strips holte sich Titus Ackermann von Zeichnerkollegen direkt aus dem Libanon, Ägypten und Algerien. Die Übersetzungen in Hocharabisch und Farsi wurden von zwei Flüchtlingen erarbeitet.

Auch die Entscheidung, die „Daumen-Hoch“-Geste mit in das Heft einzubeziehen, wurde in enger Absprache mit allen Beteiligten gefällt. Bei den verschiedenen Feedback-Sitzungen wurde diese Illustration immer gezeigt. Zu negativen Kommentaren kam es nie. Die Kritik, dass die Geste in der „arabischen Welt“ eine andere Bedeutung habe ist wohl an sich pauschalisierender, als die Nutzung der Geste selbst. 

Dazu stellte Titus Ackermann vor kurzem im Interview klar: 

Es ist wahr, dass die Nebenbedeutung des Daumens als „Fuck you“ in ein paar Regionen noch existiert. Sie ist aber total veraltet und wird von vielen, speziell aber auch jüngeren „Arabern“ überhaupt nicht mehr gekannt. Facebook und andere soziale Medien haben da Ihr Werk der Globalisierung vollbracht, der Daumen wird mittlerweile praktisch immer, besonders aber wenn er in einem westlichen Kontext benutzt wird, als positiv verstanden und gelesen.

Immerhin haben wir uns auch im Nachgang der Veröffentlichung des Comics mit Geflüchteten und Kollegen aus dem In- und Ausland unterhalten. Das Fazit war immer, dass man die aktuelle „Daumen-Hoch“-Debatte geradezu absurd fand.




Wir sind gespannt auf Ihre Meinung!
Schreiben Sie uns einen Leserbrief an leserbrief@ifa.de
Ausgabe 2/2016
NEULAND

HEFT ANSEHEN
HEFT BESTELLEN

Tags

Kultur, Politik, Austausch, Heimat, Flucht, Staatskrise, Geflüchtete, Städte, Transit, Zusammenleben, Migration, Diskriminierung, Auswanderung, Exil, Rückkehrer, Einwanderung, Ranga Yogeshwar, Adania Shibli, Benjamin Barber, Eva Illouz, Paul Collier