Redaktionsblog

22.03.2016 von Sascha Zastiral 

Der Schatten ihres Vaters

Aung San Suu Kyi steht für den Wandel in Myanmar. Die Nobelpreisträgerin soll nun Außenministerin des Landes werden. Wie sehr sie sich politisch an ihrem Vater Aung San orientiert und mit welchen Widersprüchen sie zu kämpfen hat, beleuchtet die Biographie von Hans-Bernd Zöllner und Rodion Ebbinghausen. 
Kaum ein anderes Land zieht seit Jahrzehnten so viele westliche Beobachter in seinen Bann wie Burma. Das gängige Narrativ könnte auch kaum dramatischer sein: Ein kleines, einst wohlhabendes Land, wird von einer rücksichtslosen Junta unterdrückt und an den Rand des Ruins getrieben. Seine überwiegend buddhistischen, friedliebenden Bewohner lassen sich allen Widrigkeiten zum Trotz nicht entmutigen und fordern die Gewaltherrscher immer wieder mit Pro-Demokratie-Protesten heraus, die brutal unterdrückt werden. Angeführt werden sie von Aung San Suu Kyi, einer Freiheitsikone, die ihr Handeln den höchsten moralischen Grundsätzen unterwirft und häufig in einem Atemzug mit Mahatma Gandhi, Nelson Mandela und dem Dalai Lama genannt wird.

Umso ernüchternder war das Erwachen, als die Armee begann, das Land ab etwa 2010 schrittweise zu öffnen. Viele der - zurecht angeprangerten - Generäle erwiesen sich der Demokratisierung des Landes gegenüber aufgeschlossener, als man erwartet hätte. Gleichzeitig eskalierten lange unterdrückte kommunalistische Ressentiments: Es kam zu Hetzkampagnen und gewaltsamen Ausschreitungen gegen Muslime in mehreren Landesteilen.

Und Aung San Suu Kyi? Sie weigerte sich nicht nur hartnäckig, die Gewaltexzesse zu kritisieren. Sie spielte sie herunter und sorgte damit international für Entsetzen. Das überlebensgroße Bild der Freiheitskämpferin bekam Risse.

Diesem offenbaren Widerspruch versuchen Hans-Bernd Zöllner und Rodion Ebbighausen in ihrem Buch „Die Tochter” auf den Grund zu gehen. In ihrer „politischen Biografie“ verfolgen sie den Lebensweg der Politikerin, deren persönliches Schicksal so eng mit dem ihres Landes verknüpft ist.

Dabei gehen sie weitgehend chronologisch vor. Nach einem kurzen Einschub über Suu Kyis erste Rede 1988 gehen die Autoren auf Suu Kyis Vater ein, den Unabhängigkeitskämpfer und Nationalhelden Aung San. Sie beschreiben ihn als widerspenstigen Exzentriker, der bis in seine Studientage nicht auf sein Äußeres oder auf seine Körperpflege achtete. Als die Japaner in Burma einmarschierten, schloss sich Aung San mit seiner „Burmesischen Unabhängigkeitsarmee” den Invasoren an und kämpfte an deren Seite gegen die Briten. Er hoffte darauf, dass das Japanische Kaiserreich Burma im Gegenzug in die Unabhängigkeit entlassen würde.

Als dies auch nach mehreren Jahren nicht geschah, wandten sich Aung San und seine Mitstreiter gegen die einstigen Verbündeten. Sie griffen die japanischen Besatzer an und vertrieben sie, dieses Mal im Schulterschluss mit den Briten, aus dem Land.

Die Autoren beschreiben Aung Sans wechselnde Loyalitäten als Beispiel für seinen Pragmatismus: Sein einziges Ziel sei die Unabhängigkeit Burmas gewesen. Diesen Pragmatismus, so ihre These, würde sich später auch seine Tochter Suu Kyi zueigen machen.

Bis Suu Kyi in die Politik eintreten würde, sollten jedoch noch mehrere Jahrzehnte vergehen. Die Autoren schildern, wie Suu Kyi nach dem Tod ihres Vaters - der 1947 im Auftrag eines Widersachers ermordet wurde - ihrer Mutter Anfang der 1960er Jahre nach Indien folgte, wohin diese im diplomatischen Dienst ihres Landes entsandt worden war. Sie studierte in Delhi und Oxford, wo sie ihren späteren Mann Michael Aris kennenlernte. Suu Kyi brachte zwei Söhne auf die Welt und befasste sich lange Zeit nur am Rand mit den politischen Entwicklungen in ihrem Land.

Das änderte sich Ende der 1980er Jahre schlagartig. Burma war nach dem Rücktritt des langjährigen Diktators Ne Win im Aufruhr. Suu Kyi war gerade in Rangun, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern, als sie von demonstrierenden Studenten gebeten wurde, sich an die Spitze der Demokratiebewegung zu stellen. In dem Buch heißt es dazu: „Sie war zwar die ‚Nummer eins‘ der studentischen Königsmacher, sagte aber erst nach einigem Zögern und wohl auch Taktieren zu.”

Zöllner und Ebbinghausen gehen bei der weiteren Beschreibung von Suu Kyis Werdegang häufig darauf ein, wie sie bewusst auf Äußerungen und Gedankenkonstrukte ihres Vaters zurückgriff, wenn sie ihre eigenen politischen Vorstellungen formulierte. Am deutlichsten wurde dies bei ihrer Kernforderung nach einem Ende der Armeeherrschaft: Burmas Weg in die Unabhängigkeit sei durch den Mord am Nationalhelden Aung San ins Stolpern geraten. Ihre Aufgabe sei es, das Land in die „zweite Unabhängigkeit” zu führen. Die Autoren beschreiben Suu Kyi häufig als demütige politische Führerin, die sich gegen die Idolisierung ihrer Person zeitlebens gesträubt habe.

Dabei greifen sie laut eigenen Angaben auf Primärquellen zurück, die in dieser Form noch nie ausgewertet worden seien. Das macht sich bezahlt: Die Leser lernen die Politikerin Aung San Suu Kyi in einer Klarheit und Detailliertheit kennen, die, zumindest in deutscher Sprache, ihresgleichen sucht.

Das Buch weist nur eine größere Schwachstelle auf: Gegen Ende von „Die Tochter” gehen die Autoren auf die Risse ein, die Suu Kyis Bild vor allem international bekommen hat. Sie beschreiben eine Konfrontation aus dem Jahr 2012, bei der Sicherheitskräfte einen Protest gegen ein Minenprojekt angegriffen und dabei Demonstranten - unter ihnen viele Mönche - mit Phosphorgeschossen schwer verletzt haben. Zum Entsetzen vieler ihrer Anhänger warb Suu Kyi für Verständnis für die Position des Staates.

Schwere Risse erhielt Suu Kyis Reputation im Ausland wegen ihres hartnäckigen Schweigens nach anti-muslimischen Pogromen, die sich in mehreren Wellen ab 2012 erst im äußersten Westen des Landes und später auch in weiteren Landesteilen ereigneten. Hierbei versäumte es Suu Kyi nicht nur, sich für ein Ende der Gewalt einzusetzen. Im Nachhinein verharmloste sie die Ausschreitungen beinahe, indem sie erklärte, es sei schließlich „von beiden Seiten” Gewalt ausgegangen.

Die Autoren weisen auf die enorme Komplexität des zu Grunde liegenden Konflikts hin und beschreiben diese Haltung als weitere Fallbeispiel für Suu Kyis Pragmatismus. Sie erinnern auch - zu Recht - daran, dass Suu Kyis stark idealisiertes Bild im Westen ohne ihr Zutun entstanden sei. Schließlich plädieren sie dafür, „dass ihre Bewunderer wie ihre Gegner sie nicht an falschen Maßstäben messen”.

Doch das greift zu kurz. Nicht zu Unrecht haben auch mehrere Friedensnobelpreisträger Suu Kyi für ihr Schweigen öffentlich gerügt. Gerade wegen ihres großen sozialen Kapitals hätte Suu Kyi ihre Stimme erheben und sich für ein Ende der Gewalt einsetzen müssen, in der einige Analysten eine Vorstufe zu einem Genozid sehen. Dass sie sich allem Anschein nach bewusst dagegen entschieden hat, um keine Unterstützung für ihr vorrangiges Projekt - ein endgültiges Ende der Militärherrschaft - zu verlieren, lässt sie in keinem guten Licht erscheinen.

Abgesehen von dieser alleinigen Schwachstelle ist „Die Tochter” ein herausragendes Werk. Es ermöglicht auch Burma-Kennern neue und interessante Einblicke in die Denkweise der Politikerin, die einen großen Teil ihres Lebens dem Ziel gewidmet hat, ihr Land aus dem eisernen Griff der Armee zu befreien.

Die Tochter. Aung San US Kyi. Von Hans-Bernd Zöllner und Rodion Ebbinghausen. Horlemann Verlag, Angermünde, 2015.

Sascha Zastiral ist freier Journalist und berichtete bis Februar 2016 unter anderem für die NZZ, Stern, Brand Eins und den Spiegel aus Bangkok. Seit Februar lebt er in London. 


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