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Was Cicero bei Platon fand

Nicholas Ostler, Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen



Eine kleine Reise durch die Übersetzungsgeschichte

Mehrsprachigkeit ist älter als die schriftlich überlieferte Menschheitsgeschichte, aber das Interesse an ihr (oder an fremden Sprachen) ist wesentlich jünger. Über die Fremdsprachenkompetenz der ältesten bekannten Zivilisationen, vor allem Ägypten, China und Griechenland, ist bekannt, dass diese kaum etwas über die Sprachen der umliegenden Regionen wussten und sich wenig für sie interessierten.
Im Iran und später im gesamten Persischen Reich, das so gut organisiert war, dass es eine Fläche von Indien bis zum Sudan über zwei Jahrhunderte beherrschte, wurde die Lese- und Schreibkompetenz interessanterweise nicht als herausragende Fähigkeit an sich geschätzt, sondern eher als ein Informationsdienst betrachtet, der für den Komfort der persischen Herrscher notwendig war und von ausländischen Experten zur Verfügung gestellt wurde. Infolgedessen galten die zwei Schriftsprachen, nämlich Elamisch im Südwesten des Iran und Aramäisch, das zunächst die Lingua franca im assyrisch-babylonischen Gebiet und dann Verkehrssprache im gesamten Reich war, lange Zeit nur als Medium der Schriftgelehrten. Texte bestanden üblicherweise aus Übersetzungen, sie wurden den Schreibern von wichtigen Persönlichkeiten diktiert und dann nicht wortwörtlich, sondern sinngemäß von anderen Schriftgelehrten in die Sprache des Empfängers übersetzt vorgetragen. Diese Abschriften stellten einen gemeinsamen Code dar, der die mündliche Übersetzung ins Persische und in die anderen Sprachen des Großreichs ermöglichte.
Die antiken Großmächte nahmen das Problem der Sprachbarrieren gewöhnlich stillschweigend hin, indem sie es ignorierten. Tatsächlich versuchte jedes dieser Reiche eine Sprache – in den meisten Fällen die eigene – als Lingua franca zu preisen. Fremde mussten die Sprache lernen, wenn sie Zugang zu der Welt des Großreichs haben wollten. Teilweise gab es schriftliche Übersetzungen imperialer Propaganda in andere Sprachen. Die Ironie bei diesen mehrsprachigen Inschriften – wie etwa Augustus’ politischem Testament in Ankara (Monumentum Ancyranum), Ptolemäus’ Rosettastein in Ägypten, Dareios’ Behistun-Inschriften in Persien und den A?oka-Inschriften in Indien – ist, dass sie die Einsprachigkeit der Adressaten zeigen: Um die Inschriften auch für die monolingualen Sprecher von nicht imperialen Sprachen zugänglich zu machen, mussten sie mehrsprachig beschriftet werden. Jedoch zeigen sie auch, dass die herrschaftlichen Autoritäten wichtige Bevölkerungsgruppen mit eigener Schriftsprache anerkannten.
Diese Art der Übersetzung, bei der man bekannte Sachverhalte für andere zugänglich macht, nennt man kodierte Übersetzungen. Grundsätzlich muss man im Kontext der Übersetzungsgeschichte zwischen kodierten und dekodierten Übersetzungen unterscheiden. Dekodierte Übersetzungen ermöglichten den Menschen, Nachrichten aus anderen Sprachen zu verstehen. Solche Übersetzungen, die ein Interesse an dem Wissen anderer Kulturen anzeigten, gab es viel seltener. Trotzdem beweisen solche Übersetzungen, dass eine nicht unbedeutende Anzahl bestimmter Kreise überzeugt war, etwas von Fremden lernen zu können. Beim mündlichen Übersetzen dagegen war dieses Motiv verbreiteter. Zweisprachige konnten als Späher oder Spione im Ausland Informationen sammeln oder als Händler herausfinden, was im Ausland zu welchen Preisen angeboten wurde. Dekodierte Übersetzungen waren und sind von grundlegender Bedeutung für die Zukunft von Kulturen.
Ein frühes Beispiel dafür befindet sich am westlichen Rand der griechischsprachigen Welt, im römischen Einflussgebiet. Roms Macht hatte sich im frühen 2. Jahrhundert v. Chr. deutlich auf den östlichen Mittelmeerraum, also auf die griechischen Königreiche, ausgedehnt. Ein überraschendes Ergebnis dieser Aggression war eine neue römische Begeisterung für die griechische Kultur, die sechs Jahrhunderte anhielt. Dies umfasste eine genaue Beschäftigung mit der griechischen Sprache, sowohl schriftlich als auch mündlich. Der römische Hellenismus war beeindruckend gründlich und er beinhaltete das Ziel, alle Hauptwerke griechischer Herkunft ins Lateinische zu übertragen. Dieses Projekt wurde von römischen Gelehrten, unter ihnen auch Cicero, ausgeführt. Fünfhundert Jahre später war das der Grundstein des westlichen europäischen Bildungssystems.
Solche kulturellen Übersetzungen wurden generell von hoch qualifizierten Gelehrten oder Pilgermönchen durchgeführt, da es eine große intellektuelle Herausforderung darstellte, fremdsprachige Texte zu verstehen, vor allem zu Zeiten, als es noch kein allgemeines Verständnis grammatischer Analyse und auch keine Wörterbücher gab. Tatsächlich war es damals erforderlich, mehrere Übersetzer und Schriftgelehrte in den Übersetzungsprozess einzubeziehen, da keine Person allein die Fähigkeiten für eine hochwertige Übersetzung besaß.
Die beeindruckendsten Beispiele dieser umfangreichen dekodierten Übersetzungen waren diejenigen buddhistischer Schriften aus indischen Sprachen in die Sprachen der Seidenstraße und schließlich ins Chinesische und Tibetische. Dies war ein Jahrtausendprojekt, das vom 1. bis zum 10. Jahrhundert n. Chr. andauerte. Weitere Beispiele waren die muslimische Bewegung im Kalifenreich der Abbasiden in Bagdad, die griechische Wissenschaftstexte ins Arabische übertrugen, sowie der Versuch westlicher europäischer Gelehrter im 12. und 13. Jahrhundert n. Chr. arabische und griechische Texte, vor allem aus Medizin, Mathematik und Philosophie, ins Lateinische zu übersetzen.

Als das römische Christentum die offizielle Religion im konstantinischen Reich wurde, verdrängte das Lateinische sehr bald das Griechische. Zunächst geschah dies durch die Übersetzung der H-eiligen Schriften – der Apostelbriefe, der Evangelien und des Rests der Bibel –, dann durch die Übernahme des Lateinischen in die Verwaltung und schließlich durch die Übersetzung der kirchlichen Liturgie. Das war eine von vielen Übersetzungsbewegungen, die politisch, wenn nicht sogar nationalistisch gefärbt war. Das veranschaulicht auch die Grenzen ihrer Macht: Trotz ihrer Verbindung zu der höchsten politischen Autorität wurden lateinische Schriften und Liturgie im griechischsprachigen östlichen Mittelmeerraum nie akzeptiert. Man kann das mit König Alfreds Motiv der Staatsbildung im 9. Jahrhundert in Wessex vergleichen, der angelsächsische Übersetzungen aus dem Lateinischen unterstützte, oder mit den vielfältigen Bibelübersetzungen, die zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert im reformierten Europa entstanden. Das Motiv der Entschlüsselung war hierbei nicht vorrangig, da es zahlreiche Kleriker mit Lateinkenntnissen gab, die den Text erklären konnten, vielmehr sollte die Autorität dieses grundlegenden Textes des Christentums im eigenen Land verwurzelt werden. Ganz wie die römische Kirche, die ihre Unabhängigkeit von hebräischen und griechischen Schriften demonstrierte, mussten die aufkommenden europäischen Nationen zeigen, dass ihre Religion autonom und für jedermann in der Muttersprache erhältlich war.
Ähnliche Motive können in den Aktivitäten europäischer Gelehrter gesehen werden, die im 12. Jahrhundert aus dem Arabischen und Griechischen übersetzten. Es war die Zeit der Kreuzzüge und es gab keine Rücksichtnahme gegenüber der orthodoxen und muslimischen Welt. Die Quellen, die die Übersetzer verwendeten, enthielten offenkundig ihnen bisher unbekanntes Wissen. Aber einmal übersetzt wurden sie zu einem Kapital der lateinischsprachigen Welt. Verfügbar gemacht, um in die Weltsicht des katholischen Christentums integriert zu werden, entbehrten sie jeden Verweis auf die politischen und spirituellen Rivalen im Süden und Osten.
Genau wie die Übersetzer buddhistischer Texte im 1. Jahrtausend n. Chr. mussten sich auch diese Gelehrten des 12. Jahrhunderts in Arbeitsgruppen, die auf zweisprachige Dolmetscher angewiesen waren, organisieren. Drei Jahrhunderte später jedoch, als die Reformation eine Fülle an Bibelübersetzungen in Europa auslöste, hatte sich die Situation erheblich geändert. Übersetzungen waren theoretisiert worden. Nachdem Antonio de Nabrija im späten 15. Jahrhundert die erste spanische Grammatik und ein Wörterbuch herausgegeben hatte, war offensichtlich geworden, dass man jeder Sprache – ob antik oder modern, lebendig oder ausgestorben – eine Grammatik mit expliziten Regeln zugrunde legen konnte. Diese Einführung wurde als „Grammatisierung“ Europas bezeichnet. Diejenigen, die in einer Sprache lesen und schreiben konnten, waren nun auch fähig, andere Sprachen zu lernen, indem sie sich die Grammatikregeln und die Bedeutung der Wörter aus einem bilingualen Wörterbuch aneigneten.
Das veränderte die Praxis bei der Erstellung von Übersetzungen, was sich zunächst bei den spanischen Mönchen im 16. Jahrhundert zeigte, die sich mit den indigenen amerikanischen Sprachen beschäftigten – nur 30 Jahre, nachdem Nebrija Königin Isabella seine Grammatik präsentiert hatte, anscheinend in unheimlicher Vorausahnung, dass das spanische Imperium und die Sprache bald neue, noch unbekannte Gebiete erobern würden. Anstatt, wie zuvor üblich, auf zweisprachig aufgewachsene Personen zurückzugreifen, erstellten die spanischen Mönche mithilfe linguistischer Feldarbeit Grammatiken und Wörterbücher der amerikanischen Sprachen. Daraufhin verfassten sie eigene (kodierte) Übersetzungen der christlichen Liturgie direkt in der künstlich erlernten Sprache. Die allgemeine Sprachwissenschaft wurde – fast zum ersten Mal – angewendet, um fremde Sprachen zu dekodieren und sie dann wieder in christlichen Schriften zu kodieren. Die amerikanischen Sprachen wurden also zur Verschriftlichung gedrängt – sozusagen ein „Geschenk“ der Spanier.
Im Folgenden entdeckten und dokumentierten die europäischen Kolonialmächte weltweit verschiedene Sprachen. Obwohl in diesem Zusammenhang Pauschalierungen schwierig sind, kamen dabei im Wesentlichen konzeptuelle Schemata zum Einsatz, die von Nebrija und seinen Nachfolgern entwickelt wurden. Nun konnte weltweit jede beliebige Sprache entschlüsselt, auf die Schriftform reduziert und ihre Analyse in einer Grammatik sowie einem Wörterbuch festgehalten werden. Zusammen mit diesen analytischen Werkzeugen entstanden eine Reihe christlicher Texte, kodiert in einer bestimmten Sprache, zum Nutzen der Muttersprachler und Erlernen der Fremdsprache. Dies war die Blütezeit einer missionarischen Sprachwissenschaft, die von Missionaren mit entwickelt wurde und die diese bei ihrer Arbeit einsetzten konnten. Heutzutage werden diese analytischen Werkzeuge häufiger anhand einer Sammlung aufgezeichneter Texte in dieser Sprache erarbeitet, welche durch Interlinearübersetzung (wortwörtliche Übersetzung) entschlüsselt werden. Übersetzungen beherrschen weiterhin unser Wissen über fremde Sprachen, aber dieses wird nun systematischer als zu Zeiten intuitiver Übersetzungen durch zweisprachig Aufgewachsene vermittelt.
Das babylonische Sprachgewirr in der Welt hat stets Barrieren errichtet und den zwischenmenschlichen Kontakt sowie Kooperation eingeschränkt. Es gab zu wenige Menschen, die auf natürliche Weise zweisprachig aufwuchsen, um das Problem zu lösen. Vielmehr wurden Sprachbarrieren historisch auf zwei verschiedenen Wegen bewältigt: Eine Möglichkeit war die Etablierung einer Lingua franca, einer gemeinsamen Sprache, die vielen zugänglich war, durch ein Imperium, den Handel oder eine missionarische Religion. Der andere Weg war die Verbindung von Schrifttum und Zweisprachigkeit, um Übersetzungen zu erstellen und somit Wissen in anderen Sprachen zugänglich zu machen.
Da die Lingua franca, als offizielle Sprache eines Imperiums, vorherrschend ist, kann sie mühelos bestehen, auch ohne das Wissen aus anderen Sprachen weiterzugeben, noch Interesse für diese zu zeigen. Einflussreiche Weltsprachen neigen eher zu einer gewissen linguistischen Selbstgefälligkeit, sogar einer Intoleranz gegenüber der Vielfalt. Im Gegensatz dazu setzt der Gebrauch von Übersetzungen die Schriftlichkeit beider Sprachen voraus – oder erschafft sie wie im Falle der missionarischen Sprachwissenschaft. Daher neigen Übersetzungen naturgemäß dazu, ein Gefühl potenzieller Gleichheit zwischen den Sprachen zu erzeugen. Dies lässt hoffen, dass die umfassende Verbreitung von Übersetzungen, gemeinsam mit der Verschriftlichung der Sprachen, in der modernen Welt eine Art ethischen Fortschritt darstellt.

Aus dem Englischen von Julia Schneider

 

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