Aktuelles Heft

Gemeinsam gegen den Weltuntergang

Idil Boran, Ausgabe I/2018, Erde, wie geht's?



Wie kann man die Verantwortung für Klimaschäden international verteilen? Über die Idee des Risk-Sharing

Die Frage wie die Welt sich um die am meisten vom Klimawandel bedrohten Regionen kümmern sollte, ist angesichts des steigenden Meeresspiegels und extremer Wetterlagen eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit.

Seit 2013 arbeiten die Vereinten Nationen an einem internationalen Mechanismus, um Verluste und Schadensfälle zu kompensieren. Die Formulierung »Verluste und Schadensfälle« geht dabei auf das Jahr 1991 zurück. Damals handelten die Mitglieder der Vereinten Nationen die Klimarahmenkonvention, kurz UNFCCC, aus. Unterhändler der »Allianz der Kleinen Inselstaaten« forderten den Abschluss eines Versicherungs-Sammelvertrages. Atolle und tief liegende Entwicklungsländer, die durch ihre Lage besonders von den Auswirkungen des  Klimawandels gefährdet sind, wollten sich so finanziell absichern. Zu jener Zeit hatte dieser Vorschlag kaum Befürworter. Es war schwer vorstellbar, dass ein derartiger Mega-Versicherungspool Wirklichkeit werden könnte. Doch seither hat sich einiges verändert. Was vor 25 Jahren noch utopisch schien, ist aus heutiger Sicht eine Aufgabe, an der es sich zu arbeiten lohnt.

Das Prinzip des sogenannten Risk-Sharing besteht darin, großräumige Versicherungsmechanismen zu schaffen, die länderübergreifend wirken. So soll ein weitläufiges Sicherheitsnetz für Staaten weltweit entstehen. Die Idee dahinter ist simpel, dass Wetter- und Klimakatas-trophen auch in Zukunft eintreten werden, ist völlig klar. Aber wo und wann das im Einzelfall passiert, kann nicht genau vorhergesagt werden. Also braucht es eine Art Solidaritätsprinzip, das wie folgt aussehen könnte: Staaten legen einen internationalen Finanzpool beziehungsweise Fonds an, aus dem im Katastrophenfall ohne Verzögerung Mittel für humanitäre Einsätze abgezapft werden können. Ein neu geschaffenes Expertenzentrum koordiniert diesen Prozess im Bedarfsfall. Dies könnte Regierungen, Regionalverwaltungen, Firmen und Privathaushalten dabei helfen, sich effektiv gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen.  Anders als eine kommerzielle Versicherung muss das Risk-Sharing gegen die Folgen des Klimawandels allerdings in großem Maßstab und länderübergreifend umgesetzt werden, um jenen zu helfen, die am anfälligsten sind. Es macht zudem Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor über Ländergrenzen hinweg notwendig. Diese Partnerschaften sind auf breite Beteiligung angewiesen. Staaten müssen anfangen, ihr technisches Wissen und ihre Expertise miteinander zu teilen, um weiträumig dafür zu sorgen, dass die Menschen auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet sind und im Notfall Hilfe bekommen.

Der Vorteil des Risk-Sharing gegenüber traditionellen Mechanismen zur Katastrophenhilfe ist, dass es nicht nur die Schadensbeseitigung, sondern auch die Vorbereitung auf Wetterkatastrophen mit einschließt. Vorausschauende Planung ist hierbei das A und O. Das Kernprinzip besteht darin, dass jeder Staat einen Beitrag leistet – und das nicht nur in Form von Prämienzahlungen, sondern auch, indem konkrete Schritte unternommen werden, um die Resilienz anfälliger Staaten gegen Katastrophen zu erhöhen. So muss sich beispielsweise jedes teilnehmende Land verpflichten, eine stärkere Infrastruktur aufzubauen.

Im technischen Bereich geht es dabei vor allem darum, Informationen zu sammeln und zu analysieren, etwa meteorologische Daten auszuwerten, um Wetterkatastrophen besser vorhersagen zu können. So können schlussendlich bessere Vorkehrungen getroffen werden, Infrastrukturprojekte können langfristiger angelegt werden und Staaten können erfolgreichere Gegen- und Schutzmaßnahmen gegen Klimawandelfolgen ergreifen.

Katastrophenhilfe ist bekannt dafür, im Notfall nicht effektiv und schnell genug zu funktionieren. Zudem sind ärmere Länder durch extremes Wetter weit stärker gefährdet als reichere Staaten. Sie haben oftmals nicht die nötigen Mittel, um sich selbst zu versorgen. Im Falle äußerer Einflüsse wie Dürren und Überflutungen potenziert sich dieses Problem noch. Der Liquiditätsmangel sorgt dafür, dass keine Soforthilfe geleistet werden kann. Das führt zu einem Dominoeffekt, also einer ganzen Reihe von Folge- beziehungsweise Sekundärproblemen: Bei Überflutungen kann es dann passieren, dass die Abwasserentsorgung nicht mehr betrieben werden und sich so ansteckende Krankheiten und Seuchen ausbreiten. Die zerstörerischen Folgen von Klimakatastrophen sind in Entwicklungsländern oft auch noch Jahre nach ihrem eigentlichen Eintreten spürbar. Oft nimmt die Armut zu und die Infrastruktur liegt brach. Risk-Sharing kann dabei helfen, solchen Komplikationen vorzubeugen, indem im Bedarfsfall sofort Mittel bereitgestellt werden können.

Aufgrund des Ungleichgewichts zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden ist gegenseitige Hilfe unerlässlich, damit die Kosten für die Absicherung im Schnitt gerechter verteilt werden. Diese Hilfe muss allerdings wohldurchdacht sein und im Hinblick auf die unterschiedlichen Bedürfnisse betroffener Staaten abgestimmt werden. In Entwicklungsländern mit niedrigem und mittlerem Bruttosozialprodukt könnte ein stabiler Risk-Sharing-Mechanismus dann einen geradezu emanzipierenden Effekt haben und zudem ein Gefühl internationaler Kooperation und gegenseitiger Verantwortung fördern. Innovatives Risk-Sharing könnte genau auf die speziellen Bedürfnisse und Stärken lokaler Gemeinschaften zugeschnitten werden.

In der Geschichte der sozialen Kooperation spielte die Verteilung von Risiken stets eine wichtige Rolle, zum Beispiel in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge, bei der Altersvorsorge und der Unfallversicherung. Und auch im Kampf gegen die Risiken des Klimawandels bilden sich langsam, aber sicher konkrete Kooperationsmechanismen heraus.

»InsuResilience« ist die bislang größte Initiative dieser Art. Sie wurde von den G7-Staaten bei der UN-Klimakonferenz in Paris im Jahr 2015 gegründet. Das Büro der Initiative befindet sich in Bonn. Dort wurde während der UN-Klimakonferenz im November 2017 ein großes Treffen veranstaltet, bei dem Fachleute, Gesetzgeber und Forscher zusammenkamen. Heute steht die Initiative vor der schwierigen Aufgabe, die in Paris verabredeten ambitionierten Ziele in die Praxis umzusetzen. Es ist von großem Interesse für die wissenschaftliche Gemeinschaft, für Sozial- und Geisteswissenschaftler aus der ganzen Welt, einen Teil dazu beizutragen, dieses Projekt, das die Risiken des Klimawandels aufteilen soll, zusammen mit allen Beteiligten zum Erfolg zu führen.

Trotzdem ist Risk-Sharing natürlich kein Allheilmittel. Risk-Sharing kann uns dabei helfen, mit extremen Vorkommnissen umzugehen und die Folgen des aus den Fugen geratenen Klimas besser abzufedern, aber es eignet sich nicht für die Bekämpfung längerfristiger Klimawandelfolgen wie etwa den Anstieg des Meeresspiegels oder des Abschmelzens der Gletscher.

Die Welt braucht eine umfassende Strategie, um dem Klimawandel zu begegnen. Risk-Sharing kann nur ein Teil einer solchen Strategie sein. Damit es seine volle Wirkung als Sicherheitsnetz entfalten kann, muss es mit ehrgeizigen Maßnahmen zur Reduktion globaler Emissionen und dem Verzicht auf fossile Brennstoffe verbunden werden. Alles in allem muss Risk-Sharing jedoch zu einem zentralen Bestandteil der kollektiven Anstrengung gegen den Klimawandel werden. Nicht zuletzt ist es ein Mittel, um zu zeigen, dass wir angesichts der globalen Klimakatastrophe alle im selben Boot sitzen.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter

 

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